«Ich werde Marco Weber umarmen»

Die Schweiz verfolgte die Greenpeace-Aktion in Russland durch die Brille von Marco Weber. Was aber sagt Kumi Naidoo dazu, der Chef von Greenpeace International? Das Treffen in Davos beginnt mit einer Überraschung.

Ist ohne das Arctic-30-Team ans WEF gereist: Kumi Naidoo, der Chef von Greenpeace International, in Davos.

Ist ohne das Arctic-30-Team ans WEF gereist: Kumi Naidoo, der Chef von Greenpeace International, in Davos.

(Bild: cpm)

Matthias Chapman@matthiaschapman

«Marco wer?», fragt mich Kumi Naidoo in der Lobby des Hotel National in Davos zurück. Eigentlich war meine Frage, ob er Marco Weber persönlich kenne, nur als leichter Einstieg ins Gespräch gedacht. Offenbar hatte ich den Namen unklar ausgesprochen – oder es war der Lärm im Raum. Denn nach kurzem Innehalten sagt Kumi Naidoo: «Klar habe ich von ihm gehört.» Persönlich kenne er ihn aber nicht, habe ihn noch nie getroffen – noch nicht, denn das wolle er jetzt nachholen.

Wenn es um Marco Webers Aktion auf der Ölplattform in Russland geht, weiss Naidoo, wovon er spricht. «Wir machten ein Jahr zuvor genau das Gleiche, ich hing in den Seilen, genauso wie im letzten Jahr Marco.» Damals sei die Aktion allerdings geglückt, sie hätten die Plattform besteigen können und hätten sich dort einen halben Tag lang aufgehalten.

Während wir sprechen, wird der Greenpeace-Chef immer wieder unterbrochen. WEF-Teilnehmer strömen durch die Lobby, einer ruft ihm schalkhaft zu: «Immer Probleme, wo du auftauchst.» Der Betroffene selber lacht: «Das war der damalige Finanzminister in der Regierung von Nelson Mandela.»

«Die Aktion war nicht naiv»

Wir kommen auf die Arctic-30-Aktion zurück und auf die teilweise erschöpften Greenpeace-Gesichter, welche nach ihrer Freilassung aus der russischen Haft in der Öffentlichkeit auftauchten. Hat man die eigenen Leute überfordert? War es naiv, sich auf diesen Kampf mit der russischen Regierung einzulassen? Immerhin wurde scharf geschossen, die Aktion schien teilweise ausser Kontrolle zu geraten.

Naidoo spricht vom Kampf der Greenpeace-Aktivisten, der oft an die Grenzen gehe. Er selber sei im Hungerstreik gewesen, bevor er Chef der Organisation wurde. Aber: «Nein, naiv war es nicht, diese Aktion durchzuführen.» Er findet es naiv, die Wissenschaftler zu ignorieren, die sagen, dass punkto Klimawandel die Zeit ablaufe. Naiv sei es, bei der Gewinnung fossiler Energie den Mächtigen zu vertrauen.

«Es geht um die Zukunft der Menschheit»

Dass langjährige Beobachter von Greenpeace die Arctic-30-Aktivisten als selbstlose Idealisten oder gar leichtsinnige Draufgänger bezeichnen, mag er nicht hören. Und schon gar nicht, dass die jungen Freiwilligen der PR-Maschinerie von Greenpeace dienten. Für einmal wird Naidoo heftig: «Schau», sagt er, «beim Kampf gegen den Klimawandel geht es um die Zukunft für die ganze Menschheit. Das steht über allen anderen Kampagnen.»

Nach Davos ans WEF wollte Naidoo die Arctic-30-Aktivisten nicht bringen. Man sehe sich aber am Sonntag am Hauptsitz von Greenpeace International in Amsterdam. Und was wird er Marco Weber sagen? «Zuerst einmal werde ich ihn umarmen.» Und er werde ihm für seinen Mut danken.

Naidoo muss wieder los, die Teilnahme an einem Panel ruft. Letzte Frage noch: Ist Davos zu wenig gastfreundlich? Naidoo lacht – und differenziert: «Hier oben gibt es Veranstaltungen wie zum Beispiel das Open Forum, wo alle kommen können, die sind fantastisch. Hier erlebe ich Menschen, die sich interessieren und engagieren.» Und sollte es Davoser geben, die sich ob der Stacheldrahtzäune und Sicherheitsschleusen nicht für das WEF erwärmen könnten, dann verstehe er das sehr gut.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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