«Schwab könnte denen sagen, sie seien draussen aus dem Club»

WEF 2015

Schluss, Ende, Aus: Oliver Classen und seine Public-Eye-Freunde kehren dem WEF in Davos heute definitiv den Rücken. Über «Lügen», «Höchststrafen» und das bleibendste Erlebnis.

«Klaus Schwab ging nicht auf uns ein»: Oliver Classen.

«Klaus Schwab ging nicht auf uns ein»: Oliver Classen.

Matthias Chapman@matthiaschapman

Herr Classen, wollen Sie mit dem Abzug des Public Eye aus Davos Klaus Schwab bestrafen? Weder mit unserem erstmaligen Erscheinen im Jahr 2000 noch mit dem heutigen Ende wollen wir ihn bestrafen.

Die «Südostschweiz» schrieb aber, das Wegbrechen der Gegner, der Abzug des Public Eye, sei die Höchststrafe für das WEF. Das hat sicher etwas. Das merken wir selber auch, etwa im hilflosen Versuch, uns in irgendeiner Form einzubinden und hierzubehalten.

Was ist schiefgelaufen zwischen den Organisatoren des Public Eye und Klaus Schwab? Wir hatten ihm im Jahr 2000 den Dialog angeboten. Er war bei uns auf dem Panel. Aber er verweigerte sich total. Er ging nicht auf uns ein, als wir eine Debatte zur Legitimität des WEF forderten. Er hörte nicht einmal zu, geschweige denn gab er uns eine Antwort. Es war das erste und einzige Mal, dass wir Klaus Schwab an unsere Veranstaltung in Davos eingeladen hatten.

Was forderten Sie konkret? Wir wollten Partizipation der Zivilgesellschaft, Öffnung für die Medien, im Kern eigentlich Transparenz.

Jetzt sind die Medien hier, Vertreter der Zivilgesellschaft nehmen auch teil. Er hat also reagiert. Unseren Forderungen kam er aber erst nach, nachdem der Druck von der Strasse grösser wurde. Und ich gehe davon aus, dass Klaus Schwab diesbezüglich ziemlich gut beraten wurde. Eine Rolle spielte auch 9/11. Das WEF gastierte ein Jahr in New York und es war nicht klar, ob es zurückkommt nach Davos. Das dürfte mit zur Öffnung beigetragen haben.

Ihr Abgang hier in Davos erinnert an den SNB-Ausstieg mit der Untergrenze. Er kommt völlig unerwartet. Gab es intern Streit, dieses mit viel Energie aufgebaute Kind zu beerdigen? Es ging munter hin und her, war für uns aber auch kein neuer Gedanke ist. Schon 2003/2004 stand ein Ausstieg zur Debatte, als die Öffnung des WEF sich abzuzeichnen begann. Damit war ja unsere Kernmission – zumindest im Ansatz – erfüllt.

Wirklich? Na ja, die Öffnung geht nach dem Zwiebelprinzip. Das, was wir und die Medien hier sehen – je nach Badge –, ist einfach eine äussere Schicht der Zwiebel. Den Rest sieht man nicht. Schwab hat einfach ein paar Schichten mehr rundherum konstruiert. Das aber machte er clever, er vermarktete es clever und die meisten Medien kaufen ihm das auch ab.

Warum haben Sie trotzdem weitergemacht? 2005 entwickelten wir dieses Awards-Konzept, bei dem es um Unternehmensverantwortung ging. Ich denke, das war ziemlich visionär. Das Thema existierte damals noch fast nirgends. Und Davos war natürlich für diese Idee nicht der dümmste Ort. Hier sind faktisch die 1000 grössten Unternehmen vor Ort.

Und trotzdem hören Sie nach 10 Jahren mit den Awards bereits wieder auf. Wir waren immer zwiegespalten, wenn es darum ging, dass wir dem WEF durch unsere Präsenz zu Legitimität verhelfen. Das war mitunter auch ein Grund, nun die Segel zu streichen. Sagen wir es so: Man soll die Party verlassen, wenn sie am schönsten ist.

Glauben Sie, Schwab wird Ihnen nachtrauern? Ich nehme an, Herr Schwab wird unser künftiges Wegbleiben erst realisieren, wenn Davos 2015 vorbei ist. Und ja, das ist vermutlich die Höchststrafe für jemanden, der von sich behauptet, er sei überaus dialogorientiert. Wir haben von dieser Dialogorientiertheit seit dem Jahr 2000 nichts gespürt. Ich höre auch jetzt hauptsächlich Geschwurbel und Phrasendrescherei. Konkrete Handlungen fehlen gänzlich.

Was soll er tun? Wenn 500 dieser 1000 hier in Davos präsenten Unternehmen wenigstens bemüht sind, verantwortlich zu handeln, bleiben 500, die sich nicht einmal annähernd diese Mühe geben. Herr Schwab hätte es doch in der Hand, diese Unternehmen zu sanktionieren. Er könnte ihnen sagen, wenn ihr nicht in drei Jahren diese und jene Ziele erreicht habt, seid ihr draussen aus meinen Club. Das wäre seine Aufgabe. Stattdessen schützt er sein Kerngeschäft und das ist das WEF als Netzwerkanlass.

Für Sie braucht es das WEF also nicht? Schwab hat diesen Netzwerkanlass aufgebaut. Das macht er sehr erfolgreich. Es ist eine Privatveranstaltung mit einem klar ausgewiesenen Interessenfeld. Das sind diese 1000 Unternehmen, die sich hier austauschen wollen. Ob sie Deals machen wollen oder ihre Lobby-Strategie abstimmen, ist uns egal, das machen sie ja sowieso.

Also wo liegt das Problem? Das Problem ist der ganze Zuckerguss rundherum. Der heisst, wir haben einen politischen Anspruch des «Improvement of the world». Das ist eine blanke Lüge und das wird es auch bleiben. Und deswegen sagen wir, es braucht das WEF nicht. Es braucht eine starke G-20, es braucht eine starke UNO, es braucht aber kein WEF.

Mit dem Rückzug aus Davos verlieren Sie einen öffentlichkeitswirksamen Auftritt. In Bern werfen Sie sich in die Lobbyarbeit. Rückzug hinter die Kulissen? Wir gehen nun Unterschriften sammeln. Wir gehen auf die Strasse. Das ist alles andere als Rückzug hinter die Kulissen. Wir versuchen jetzt, die Forderung des Public Eye konkret umzusetzen. Das heisst, der Papiertiger Davos erhält nun Zähne.

Welches Erlebnis bleibt Ihnen persönlich von den 15 Jahren WEF in besonderer Erinnerung? Das war 2008 im Nachgang zum Public Eye Award, als wir Glencore-Chef Ivan Glasenberg den Preis persönlich in Zug übergeben wollten. Wir trafen dort auf ein komplett unvorbereitetes Unternehmen. Die hatten nicht einmal einen Kommunikationsverantwortlichen. Wir wurden von einer Dame aus der Personalabteilung empfangen. Das war wirklich rührend. Nun haben sie massiv aufgerüstet. Wir können also mit Fug und Recht behaupten, dass wir zu den grössten Arbeitsbeschaffern in der Rohstoffbranche gehören.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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