Ungewöhnliche WEF-Freundschaften

Sie fahren, warten, rauchen und das bis tief in die Nacht hinein: Die Chaffeure von Davos. Roland Zwyssig ist einer von ihnen. Er hat uns durch die Bergstadt gefahren.

«Vertrauen ist alles»: Roland Zwyssig spricht über seine Arbeit als Chauffeur am WEF.
Matthias Chapman@matthiaschapman
Lea Koch@lea_koch91

Ohne die Chauffeure ginge am WEF nichts. Das zumindest ist der Eindruck, wenn man sich in Davos bewegt. Da reihen sich Audi an Mercedes und BMW – alle schwarz. Oft stehen sie, ob im Stau, hinter einem Bus oder ganz einfach auf dem Parkplatz vor einem Hotel.

Roland Zwyssig macht den Job seit drei Jahren. Und er schwärmt – während er uns durch Davos fährt (siehe Video oben) – davon. Interessant sei es mit den «Gästen» im Wagen. Damit meint er die Konzernchefs und sonstigen VIPs, die er herumchauffiert. Eigentlich ist sein Job klar definiert: fahren und schweigen. Mit Schweigen ist gemeint, «alles diskret» zu behandeln. Und: «Wir sprechen nicht mit dem Gast – ausser er beginnt das Gespräch selber.»

Persönliche Atmosphäre im Wagen

Und hier beginnt eine spezielle Freundschaft. Zwyssig, früher in der Informatikbranche tätig, zu Hause in der Region Zürich, kommt in Kontakt mit Leuten, die sonst in einer anderen Welt verkehren. CEOs, die auf den TV-Kanälen der angelsächsischen Business-Medien über Branchen und die Weltwirtschaft sprechen.

Dann aber plötzlich sitzen sie in seinem Wagen und es kann sich eine persönliche Atmosphäre entwickeln. Zum Beispiel mit jenem Gast, für den Zwyssig nun immer fährt. «Wir kennen uns, ich weiss, was er will – und wann ich einfach nichts sagen muss.» Zu Beginn des WEF, als sein Gast in der Schweiz landete, wollte dieser «vor allem schlafen». Oben im Davoser Schnee wurde der Manager dann redselig. Da ist «Vertrauen», sagt Zwyssig, das daraus resultiere, dass sein Gast «immer mich als Chauffeur will». Wer «er» ist, darf Zwyssig nicht sagen, «Diskretion» ist alles. Das zeigt sich auch im Gespräch mit anderen Fahrern.

Zermürbende Warterei

Ein weiterer Chauffeur, der das «WEF schon zum 14. Mal macht», ist allerdings nicht mehr so euphorisch. «Jetzt habe ich es dann gesehen», sagt er. Seinen Namen will er nicht in den Medien lesen. Zwar schwärmt auch er von der speziellen Beziehung zu seinem Gast, einem Konzernchef eines kalifornischen Tech-Riesen. «Er verlangt immer nach mir, wenn er nach Davos kommt», erzählt er mit Stolz. Das ist denn aber auch alles, was er an positiver Einschätzung aufbringen mag.

Die «Warterei» zermürbt ihn. «Heute sind es 10 Stunden», seufzt er. Man sieht sie sofort, die Männer – es gibt nur ganz wenige Frauen – in nicht allzu warmen Anzügen, die neben ihren Fahrzeugen stehen, rauchen oder in der Fahrerkabine bei angelassenem Motor ins Smartphone gucken.

Die sollen doch zu Fuss gehen

Dass der Routinier heute noch mehr herumstehen muss als früher, das hat er selbst «verschuldet». «Ich habe diese Leute erzogen», schmunzelt er. Will heissen: Statt für 500 Meter den Fahrer anzufordern, gehen selbst hochrangige Wirtschaftsführer heute zu Fuss. «Es kann doch nicht sein, dass die Leute hier oben dauernd über Klimaprobleme diskutieren und selbst jeden Meter motorisiert hinter sich bringen.»

Für Zwyssig überwiegt das Positive noch. Nach einer 30-minütigen Fahrt über schneebedeckte Strassen setzt er uns wieder ab und nimmt sogleich einen Telefonanruf entgegen. Das dürfte sein Gast sein.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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