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Kantone bieten ehemalige Intensivpfleger auf

Weil das Pflegepersonal knapp wird, müssen jetzt Aussteigerinnen an die Front. Regeln zur Arbeitszeit sind bereits ausser Kraft gesetzt.

Viele Pflegekräfte wechseln irgendwann den Beruf. Jetzt werden Aussteiger wieder aufgeboten. Szene im Spital Moncucco in Lugano am 17. März 2020. Foto: Alessandro Crinari (Keystone)
Viele Pflegekräfte wechseln irgendwann den Beruf. Jetzt werden Aussteiger wieder aufgeboten. Szene im Spital Moncucco in Lugano am 17. März 2020. Foto: Alessandro Crinari (Keystone)

Christine G. betreibt seit zwei Jahren ein Lebensmittelgeschäft mit Café im Zürcher Unterland. Das Café ist jetzt geschlossen, dafür ist die Nachfrage nach Lebensmitteln gestiegen. Gut möglich, dass Christine G., deren Mann als Rettungssanitäter im Einsatz ist, aber bald in ihren erlernten Beruf als Pflegefachfrau zurückkehren muss. Eine Gesetzesänderung, die der Zürcher Regierungsrat letzten Mittwoch beschlossen hat, erlaubt es dem Kanton, ausgebildetes Pflegepersonal aufzubieten. Wer einen Beruf im Gesundheitswesen erlernt hat, aber nicht mehr darin arbeitet, kann zum Wiedereinstieg verpflichtet werden. Das Gesundheitsgesetz wurde rückwirkend auf den 1. März 2020 angepasst, so stehts im Protokoll des Regierungsrats.

Selbstverständlich werde sie helfen, wenn es nötig sei, sagt Christine G. Die Mutter eines Kindes hat den Pflegeberuf vor 2 Jahren aufgegeben – aufgrund der Arbeitslast, des tiefen Lohns und der mangelnden Vereinbarkeit mit der Familie.

Zürich ist nicht der einzige Kanton, der händeringend nach Gesundheitspersonal sucht. Der Bündner Regierungsrat hat am Freitag beschlossen, ehemaliges Pflegepersonal zum Wiedereinstieg zu verpflichten. In einem ersten Schritt müssen sich alle, die entsprechend ausgebildet sind, nicht mehr im Beruf arbeiten und keiner Risikogruppe angehören, auf der Website des Kantons registrieren. «In einer späteren Phase könnten sie zum Einsatz verpflichtet werden», schreibt der Regierungsrat.

Der Kanton Freiburg wiederum hat per Verordnung zwei Privatkliniken beschlagnahmt. Die Clinique Générale wird geschlossen, deren 40 Pflegefachpersonen kommen ins Kantonsspital. Gleichzeitig werden die Geburtenabteilung und die Chirurgie vom Kantonsspital ins Privatspital Daler transferiert. Auf diese Weise wird die Zahl der Intensiv-Betten im Kantonsspital von 12 auf 50 erhöht.

Andere Kantone setzen auf Freiwilligkeit. Zum Beispiel St. Gallen, wo das Gesundheitsdepartement am Mittwoch einen Aufruf lanciert hat. Mit Erfolg: Bis zum Wochenende haben sich bereits 500 Personen gemeldet, wie der Kanton mitteilt.

Intensiv-Pfleger gesucht

Die Episoden zeigen: Die Sorge, dass zu wenig Personal da sein wird, um die Pandemie zu bewältigen, ist gross. Anja Heise von der schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin ist überzeugt davon, dass nicht die Betten und Beatmungsmaschinen das Problem sein werden, sondern vielmehr die Knappheit des Personals. Die Frage werde sein, ob genügend speziell ausgebildete Pflegefachpersonen für die Intensivmedizin zur Verfügung stehen, sagte sie im Gespräch mit der «Sonntags-Zeitung». Thierry Fumeaux, Präsident der Gesellschaft, ist selber am Coronavirus erkrankt. Für die Fachpersonen selber sei das Virus relativ ungefährlich, sagt er, aber nicht für die Gesellschaft. «Spezialisten sind im Kampf gegen Covid-19 unersetzlich.»

Intensiv-Pfleger absolvieren nach dem Pflegefachdiplom eine zweijährige Zusatzausbildung, in der sie lernen, mit Patienten in Lebensgefahr umzugehen – etwa nach einem Unfall oder wenn jemand künstlich beatmet werden muss. «Das lernt man nicht in zwei Wochen», sagt Antje Heise.

Die Berufsaustrittsquote des Pflegepersonals beträgt 46 Prozent. Fast die Hälfte der Ausgebildeten wechseln den Beruf oder steigen ganz aus.

Michael Jordi, Generalsekretär der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK), begrüsst die kantonalen Initiativen: «Denn die rekrutierten Pflegefachleute sollen ja nach Möglichkeit nicht weit zur Arbeit pendeln müssen.» Auch reagiere das Gesundheitspersonal auf breiter Ebene; er stelle ein grosses Engagement fest. Zahlreiche Fachgesellschaften, die nun auf Wahleingriffe verzichten, würden von sich aus ihre Ressourcen und jene des Praxispersonals wo immer möglich zur Verfügung stellen.

Auch der Bundesrat hat auf den drohenden Personalnotstand reagiert und Bestimmungen zu Arbeitszeiten und Ruhepausen für Ärzte und Pflegepersonal vorübergehend ausser Kraft gesetzt, was Gewerkschaften heftig kritisieren.

Frühere Klagen der Berufsverbände wegen ungenügender Ressourcen und Ausbildungsplätze waren stets verhallt. «Es ist jetzt aber nicht die Zeit für Schuldzuweisungen», sagt SBK-Geschäftsführerin Yvonne Ribi, die im Kanton Zürich wohnt und möglicherweise ebenfalls einrücken muss. Tatsache ist: Die Berufsaustrittsquote des Pflegepersonals beträgt 46 Prozent. Fast die Hälfte der Ausgebildeten wechseln den Beruf oder steigen ganz aus.

Etwas über 130’000 Pflegende arbeiten heute schweizweit in Spitälern, Altersheimen oder bei der Spitex. Wie viele nicht mehr im Beruf sind, darüber gibt es keine Zahlen. Es dürften viele sein. Der Berufsverband der Pflegefachpersonen (SBK) hat deshalb 2017 eine Volksinitiative lanciert, welche Bund und Kantone verpflichten will, mehr diplomiertes Pflegepersonal auszubilden.

«Applaus reicht nicht»

Auch die ehemalige Pflegefachfrau Christine G. sagt, Applaus für Angestellte im Gesundheitswesen sei gut und recht. Doch die Anerkennung müsse sich auch in der Praxis niederschlagen. «Wenn diese Krise vorbei ist, müssen wir nachhaltige Veränderungen in unserem Gesundheitswesen vornehmen.»

Für den Moment, schlägt sie vor, könnte der Kanton einen Beitrag an die Gesundheit der Pflegenden leisten, indem er ihnen im Pausenraum Fruchtsäfte und gesunde Zwischenverpflegung zur Verfügung stellt.

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