Wie die Toskana erfunden wurde

Wer die Toskana als Kulturdenkmal des Mittelalters feiert, ist Opfer einer Täuschung. Dieses Bild wurde von Nationalisten im 19. und Faschisten im 20. Jahrhundert geschaffen.

Die Piazza del Campo im Zentrum der Altstadt von Siena ist der Brennpunkt der idealisierten Neugestaltung dieser unwirklichen Stadt. Foto: Gian Lorenzo Ferretti (Getty Images)

Die Piazza del Campo im Zentrum der Altstadt von Siena ist der Brennpunkt der idealisierten Neugestaltung dieser unwirklichen Stadt. Foto: Gian Lorenzo Ferretti (Getty Images)

Neuerdings verkauft die Pasticceria Nannini, die Konditorei der Stadt Siena, Glace in drei neuen Geschmacksrichtungen: «Cavalluccio», «Panforte» und «Ricciarello», womit auch drei Sorten des hauptsächlich aus Mandeln gefertigten Gebäcks bezeichnet sind, für deren Herstellung das ehemalige Familienunternehmen bekannt ist.

Auch die Geschmacksrichtungen «Kornelkirsche», «Brombeere» und «Kastanie» sollen demnächst ins Sortiment kommen, sodass man von der systematischen Ausweitung eines Angebots sprechen kann, das die Konditorei selbst auf Backtechniken aus dem Jahr 1206 zurückführt.

Die Ausweitung des Angebots ist offenbar Teil einer Initiative, die im vergangenen Sommer begann, als Igor Bidilo, ein Oligarch aus Kasachstan, über seine Firma Sielna die Markenrechte an der Pasticceria übernahm, mit dem erklärten Plan, sie in ein international agierendes Unternehmen der gehobenen Gastronomie zu verwandeln.

 Die Stadt verändert sich gegenwärtig mit grosser Geschwindigkeit, vor allem in ihren pittoresken, für den Tourismus erschlossenen Vierteln.

Nächste Woche wird in Siena der zweite Palio dieses Jahres ausgetragen, das Pferderennen auf der Piazza del Campo, bei dem zehn ungesattelte Pferde mit ihren Reitern (und manchmal auch ohne ihre Jockeys) dreimal um den muschelförmigen Platz in der Mitte der Stadt rasen, bis feststeht, welche Nachbarschaft («contrada») dieses Mal gewonnen hat.

Die Kulisse scheint immer dieselbe zu sein. Der mit roten Ziegeln gepflasterte halbrunde Platz, der Palazzo Comunale aus dem 14. Jahrhundert, der hohe, schmale Turm, die Wohnhäuser mit ihren aufeinander abgestimmten Traufhöhen: Alles sieht vermeintlich so aus, wie es seit Jahrhunderten aussah. Und doch verändert sich die Stadt gegenwärtig und mit grosser Geschwindigkeit, vor allem in ihren pittoresken, für den Tourismus erschlossenen Vierteln.

Der neue Padrone

Von den 20 Lokalen, die auf die leicht abschüssige Piazza del Campo hinunterschauen, haben 15 in den vergangenen zwei Jahren den Besitzer gewechselt: die Osteria Bigelli ebenso wie die Bar Manganelli, das Caffè Fonte Gaia ebenso wie das Ristorante al Mangia. Sie alle gehören jetzt der Firma Sielna, ebenso wie ein ehemaliges Schuhgeschäft und ein Fotoladen, die in ein weiteres Restaurant mit angeschlossener öffentlicher Pastafabrikation umgebaut werden sollen. Igor Bidilo wird in der Lokalpresse als der neue Padrone der Stadt bezeichnet.

Aber stimmt es wirklich, dass sich das Aussehen dieses Platzes in den vergangenen Jahrhunderten nur wenig veränderte? Und ist der Palio tatsächlich eine Veranstaltung, deren Geschichte auf das Mittelalter zurückgeht? Kaum. In welchem Masse hingegen nicht nur das Stadtbild Sienas, sondern auch der Palio – ebenso wie der Domplatz in Florenz, die Altstadt in San Gimignano oder die Umgebung der Piazza Grande in Arezzo – Ergebnisse einer fiktionalisierenden Kulturpolitik sind, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann und keineswegs abgeschlossen ist, wurde in den vergangenen Jahren Gegenstand der historischen Forschung.

Das Bestreben, die im Jahr 1861 gewonnene nationale Einheit in einen spezifisch italienischen Stil in der Architektur zu verwandeln, das Interesse der Faschisten, das italienische Volk zu seinen männlich-kriegerischen Ursprüngen zurückzuführen, und das Programm gegenwärtiger Landschafts- und Denkmalschützer, das Authentische in der Toskana zu bewahren, erweisen sich dabei als drei Etappen ein und desselben Gedankens: das Land, die bäuerliche Landschaft und die alten Städte in einen Zustand der fiktiven Reinheit überzuführen. Was daraus entsteht, nennt der Florentiner Architekturhistoriker Giulio Giovannoni in seinem vor zwei Jahren erschienenen Buch «Tuscany Beyond Tuscany» die «Musealisierung» der Toskana. Sie finde heute zum Zweck ihrer Verwandlung in eine Ware für den internationalen Tourismus statt.

In Siena wurde der Dom im späten 19. Jahrhundert systematisch in die Gotik zurückgebaut, was an der Fassade ebenso erkennbar ist wie an den Fenstern der Seitenschiffe oder des Chors. Der Palazzo Salimbeni, in dem die Hauptverwaltung der Banca Monte dei Paschi, der ältesten Bank der Welt, untergebracht ist, steht erst seit seiner Renovierung zwischen 1871 und 1879 in wahrhaft mittelalterlicher Strenge da. Giuseppe Partini, der für diese Massnahmen verantwortliche Architekt, sorgte ausserdem dafür, dass der bis dahin übliche Putz an den Häusern des historischen Zentrums abgeschlagen wurde, sodass sie seitdem in ziegelroter Rohheit prunken.

«Jagd auf den Barock»

Die Begeisterung für das Gotische und vermeintlich Ursprüngliche korrespondierte dabei mit einer Verachtung für alles Barocke, das als Stil der katholischen Kirche (die sich bis zuletzt der politischen Einheit Italiens widersetzt hatte) und eines verdorbenen Adels wahrgenommen wurde. «Caccia al barocco», «Jagd auf den Barock», nannte man die dazugehörige Praxis der mutwilligen Zerstörung.

Als die Faschisten 1922 die Macht übernahmen, kehrte der Enthusiasmus für das vermeintlich ursprüngliche Italien zurück, vor allem in Gestalt von Festen und Umzügen. Wettkämpfe wie den Palio hatte es im Mittelalter und in der Renaissance in grosser Zahl gegeben, in allen grossen und kleinen Städten. Die meisten von ihnen verschwanden im Dunkel der Geschichte, als sich das Interesse auf den Palio in Siena konzentrierte. Das Pferderennen wurde 1927 neu gestaltet, als konsequent mittelalterliches Ereignis, und ist erst seitdem in seinen Ursprüngen datierbar auf die Zeit zwischen den Jahren 1430 und 1480.

«Wer ein perfektes Mittelalter will, muss es selbst bauen»Valentin Groebner, Historiker

Der faschistischen Kulturpolitik, erklärt die amerikanische Architekturhistorikerin Medina Lasansky, unter anderem in «Hidden Histories» von 2018, habe der heutige Palio nicht nur seine Kostüme zu verdanken, sondern auch die Vermehrung der Wettbewerber auf 17 (von denen jeweils 10 reiten, die anderen sind beim nächsten Mal dran), sodass jede «contrada» ihr Pferd und ihren Reiter haben konnte. Erst in der neuen Form wurde der Palio zu einer Feier stolzer Bürger in städtischer Gemeinschaft. «Wer ein perfektes Mittelalter will, muss es selbst bauen», schreibt der Luzerner Historiker Valentin Groebner über solche Formen der Anverwandlung.

Das neue Mittelalter dehnt sich aus, von der Stadt auf das Land. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Musealisierung der Toskana sei, so Giulio Giovannoni, die Entvölkerung der bäuerlichen Regionen nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen. Ohne sie wäre die gleichsam rückwirkende Verwandlung der Region in eine ländliche Utopie aus Bruchsteinmauern, Spitzbögen und weinüberwachsenen Pergolen nicht möglich gewesen.

Touristen statt Landadel

Sinnfällig sei zudem, in welchem Masse der gehobene Tourismus in die Rolle des weitgehend aus der Gegend verschwundenen Landadels geschlüpft sei. Die andere Seite dieser scheinbar zu Natur gewordenen Ästhetik sind die Vorstädte und die Flusstäler mit ihren Industriegebieten und, mehr noch, weil weiter ausgreifend, die «campagna urbanizzata». Sie sind nicht, wie manche Reisenden meinen, die Schande der Toskana oder gar ein Verrat an der schönen Landschaft, sondern die Bedingung jener gegenständlich gewordenen Fiktion des historischen Stadtkerns.

Über Jahrzehnte hinweg hatte die Banca Monte dei Paschi, zuletzt über eine Stiftung, nicht nur das Krankenhaus oder die Universität Siena gefördert, sondern auch etliche Museen und Kulturveranstaltungen, darunter den Palio. Bis zu 200 Millionen Euro gab die Stiftung in manchen Jahren für solche Aufgaben aus, was Siena einen für italienische Verhältnisse ungeheuren öffentlichen Reichtum bescherte.

Politische Verzweiflung

Von solchen Summen blieb, nach dem steilen Niedergang der Bank und ihrer Verstaatlichung im Jahr 2017, nichts mehr übrig. Die Jahre des Absturzes aber wurden nicht nur von politischer Agonie begleitet, von Demonstrationen etwa, die Banner mit der Aufschrift «Liberiamo Siena» – «Lasst uns Siena befreien» – vor sich hertrugen und «La Verbena» sangen, das Lied des Palio: «Viva la nostra Siena» – «Es lebe unser Siena».

Es entstand vielmehr eine politische Gemengelage der Verzweiflung, in der ein Unternehmer namens Salvatore Caiata sich, begleitet von einem Korruptionsskandal (den er überstand), von einem Anhänger Silvio Berlusconis über einen Kandidaten des Movimento 5 Stelle zu einem Parlamentsabgeordneten der faschistischen Fratelli d'Italia, der «Brüder Italiens», wandelte, dabei aber zur zentralen Figur der Restaurationsbetriebe an der Piazza del Campo wurde. Als er sein kleines Imperium aufgab, um nach Kalabrien zurückzukehren, übernahm der Investor aus Kasachstan.

Als die Florentiner Tageszeitung «La Nazione» im Februar Igor Bidilo fragte, warum er, der doch so viel Geld mit Öl, Gas, Stahl und Immobilien verdiene, ausgerechnet in Siena und darin ausgerechnet in eine Konditorei investiere, gab dieser zur Antwort: «Weil das hier ein Paradies ist, eines der wenigen, die auf der Welt noch intakt sind.»

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