Drei Alternativen zur Darmspiegelung im Check

Es gibt auch weniger invasive Tests zur Früherkennung von Darmkrebs. Die Vor- und Nachteile.

Aufwendig, aber effektiv: Vorbereitungen für eine Darmspiegelung. Foto: Getty Images

Aufwendig, aber effektiv: Vorbereitungen für eine Darmspiegelung. Foto: Getty Images

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Sich mit einem rund anderthalb Meter langen Schlauch in den Allerwertesten schauen zu lassen, ist nicht jedermanns Sache. Noch dazu, wenn der Darm vorher mit einem kräftigen Abführmittel «durchgeputzt» werden muss. Obschon Ärzte allen zwischen 50 und 69 Jahren Darmkrebs-Früherkennungstests empfehlen, nimmt sie nur etwa jeder Fünfte in Anspruch, ergaben die Schweizerischen Gesundheitsbefragungen von 2007 und 2012. «Der Anteil dürfte aber auch jetzt nicht sehr hoch sein», schätzt Claudia Weiss, Geschäftsführerin von Swiss Cancer Screening.

Jeder fünfte Polyp entartet

Die Mediziner gehen davon aus, dass bösartige Darmtumore fast immer aus gutartigen Wucherungen entstehen, den Darmpolypen, die allmählich mutieren. Bis es zum Krebs kommt, vergehen meist 10 bis 15 Jahre – genug Zeit, um Krebsvorstufen (Adenome) entdecken zu können. «Etwa jeder fünfte Polyp wird entarten. Bisher wissen wir aber nicht, welche das sein werden», sagt der Westschweizer Gastroenterologe Gian Dorta. Eine grosse US-Studie im Fachblatt «Jama» hat untersucht, wie sich die verschiedenen Wucherungen verhalten: Im Lauf von 15 Jahren erkrankten von 1000 Personen mit einem sogenannt fortgeschrittenen Adenom 29 an Dickdarmkrebs. Bei denen mit einfachen Polypen, wie sie etwa jeder vierte Mensch über 50 Jahre hat, waren es 14 von 1000. Und 12 bei jenen, deren Darmspiegelung nichts ergeben hatte.

1. Der FIT

Aus Sicht der Gastroenterologen sei die Darmspiegelung der «Rolls-Royce» bei der Früherkennung, sie hätten aber durchaus Verständnis für all jene Menschen, die «lieber VW fahren», wie Dorta sagt. Er ist Mitglied der Expertengruppe NSK Darmkrebs und hat im Kanton Waadt bei der Lancierung eines Screening-Programms für Darmkrebs mitgeholfen. Dort können die Teilnehmenden wählen, ob sie lieber den FIT machen oder die Darmspiegelung. FIT steht für «fäkaler immunochemischer Test». Dabei wird mittels einer Stuhlprobe nach Blutspuren gesucht. Fortgeschrittene Adenome und Darmtumoren bluten häufig – aber nicht immer – minim.

Verdächtiges Blut im Stuhl

Experten halten es für erwiesen, dass der FIT die Sterblichkeit bei Darmkrebs senkt – vorausgesetzt, er wird alle zwei Jahre gemacht. Zudem gebe es Hinweise, dass er bösartige Tumore im Darm gleich gut aufspüren könne wie eine einmalige Darmspiegelung. Schwächer ist der FIT hingegen bei der Suche nach Krebsvorstufen. Werden Blutspuren entdeckt, kann dies auf Darmkrebs hinweisen. Viel häufiger aber stecken Polypen oder Hämorrhoiden dahinter. Um den Grund für eine Miniblutung herauszufinden, wird bei «positivem» FIT immer eine Darmspiegelung (Koloskopie) gemacht. Bei 4 bis 6 Prozent der Personen wird dabei dann Krebs entdeckt.

Der grosse Vorteil des FITs ist, dass er einfach zu Hause durchgeführt werden kann – kein Abführen, kein Fasten. Besonders für kranke oder geschwächte Menschen kann er deshalb eine gute Alternative zur Darmspiegelung sein. «Vor dem Start des Screening-Programms im Kanton Waadt hatten wir erwartet, dass 80 Prozent der Teilnehmer sich für den FIT entscheiden und 20 Prozent für die Darmspiegelung. Tatsächlich aber wählten 60 Prozent das Darmspiegeln», sagt Gian Dorta.

«Jeder Darmkrebs- Früherkennungstest ist besser als keiner. Und er sollte regelmässig gemacht werden.»Christoph Gubler, Gastroenterologe

Auch Christoph Gubler, Leitender Arzt an der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Universitätsspital Zürich, bevorzugt für sich persönlich die Koloskopie. «Das ist ein ‹One Stop Shop›, sagt er. Will heissen: In derselben Sitzung können allfällig entdeckte Polypen und Adenome auch gleich abgetragen werden. Den Einwand von Kritikern, dass man wegen der Vorbereitung und des Schlafmittels beim Untersuchen extra einen Tag freinehmen müsse, lässt Gubler nicht gelten. «Früher hat man nach der Darmspiegelung den halben Tag geschlafen. Aber mit den heutigen Medikamenten ist man unmittelbar danach wieder wach.» Zudem sei der Verzicht aufs Schlafmittel möglich, sollte der Patient dies wünschen.

2. Die «kleine Darmspiegelung»

Wer nun nach etwas «zwischen VW und Rolls-Royce» sucht, könnte auf die Idee einer «kleinen Darmspiegelung» kommen. Dabei betrachtet der Arzt nur den letzten Teil des Darms. Rund zwei Drittel der Dickdarmtumoren und ihrer Vorstufen befinden sich im links gelegenen Teil des Darms. Sie kann man damit erfassen.

Das Abführen entfällt bei dieser sogenannten flexiblen Sigmoidoskopie. Stattdessen gibt es zwei Einläufe, um den Darmabschnitt zu reinigen. Diese «kleine Darmspiegelung» ist in etwa 15 Minuten erledigt, sie ist zudem komplikationsärmer, günstiger, und die Patienten brauchen weniger oft Schlafmittel.

Die vorbereitenden Einläufe müssten «gut gemacht» sein, wenn der Arzt freie Sicht haben wolle.Gian Dorta, Gastroenterologe

Mehrere gute und grosse Studien zeigen, dass eine einzige Sigmoidoskopie ab etwa 50 Jahren – zumindest bei Männern – rund 15 Jahre lang die Erkrankungsrate sowie die Sterblichkeit bei Darmkrebs reduzieren kann. Solche Studien, bei denen die Patienten per Los dem Screening zugeteilt wurden oder nicht, stehen für die Koloskopie noch aus. Trotzdem halten Dorta sowie auch Gubler die kleine Darmspiegelung für «kein Thema». Erstens, weil es sinnvoll sei, wenn schon eine Spiegelung, dann gleich den gesamten Dickdarm zu untersuchen. Zweitens, weil die vorbereitenden Einläufe «gut gemacht» sein müssten, wenn der Arzt freie Sicht haben wolle.

3. Der DNA-Test

Von der computertomografischen Darmuntersuchung, einer weiteren Alternative, rieten die Fachleute bisher ab. «Die Befunde dort stimmen oft nicht mit dem überein, was wir bei der anschliessenden Darmspiegelung sehen», sagt Dorta. «Ausserdem addiert sich die Strahlenbelastung, wenn man das alle fünf Jahre macht.» Auch das Darmkrebs-Screening mittels MRI, mit DNA- oder Bluttests sei noch ungenügend ausgereift, wissenschaftlich zu wenig bewiesen oder zu teuer – wobei Dorta den DNA-Test als vielversprechend für die Zukunft erachtet.

Wichtig sei, dass man die Untersuchungen in regelmässigen Abständen machen lasse, sagt Christoph Gubler. Und für welche man sich auch entscheide: «Jede Methode ist besser als gar keine.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2018, 17:44 Uhr

Darmkrebs

Vier Fragen zur Vorsorge

Darmkrebs-Früherkennung hat erwiesenermassen einen Nutzen – besonders gilt dies, wenn eine erbliche Vorbelastung besteht. Man kann aber auch selbst etwas dazu beitragen, um das Risiko zu reduzieren:

Wer ist gefährdet?

Die grössten Risikofaktoren beim Darmkrebs sind das Alter und wenn er bei Eltern oder Geschwistern auftritt. Ein solcher Krebsfall in der Familie verdoppelt das Erkrankungsrisiko beinahe.

Welchen Einfluss hat der Lebensstil?
Empfohlen werden: sich regelmässig bewegen, aufs Gewicht achten, genügend Ballaststoffe (Getreide, Hülsenfrüchte, Gemüse) essen, aber wenig rotes Fleisch und Wurst. Nicht rauchen. Übergewicht und Diabetes erhöhen das Risiko für Darmkrebs nur wenig.

Wer bezahlt die Früherkennung?
Eine Darmspiegelung kostet rund 600 Franken, der Stuhltest (FIT) knapp 40 Franken und die Sigmoidoskopie (kleine Darmspiegelung) etwa 400 Franken. Die Krankenkasse übernimmt ab dem 50. Altersjahr die Kosten, abzüglich der Franchise. Erfolgt die Untersuchung im Rahmen eines systematischen Screening-Programms, wie es in verschiedenen Kantonen angeboten wird, ist sie von der Franchise befreit.

Wie oft soll getestet werden?
Um effektiv zu sein, muss der Stuhltest alle zwei Jahre gemacht werden. Bei der Darmspiegelung genügen Abstände von bis zu zehn Jahren, je nachdem, was dabei entdeckt wird. (mfr)

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