Antidepressiva schützen das Herz – oder schaden ihm

Je nach Patientengruppe wirken Antidepressiva unterschiedlich, berichten US-Forscher an einem grossen Herz-Kongress.

San Diego Convention Center: Hier findet der Jahreskongress des American College of Cardiology (ACC.15) statt.

San Diego Convention Center: Hier findet der Jahreskongress des American College of Cardiology (ACC.15) statt.

Nik Walter@sciencenik

Antidepressiva können nicht nur das ­Gemüt aufhellen, sie senken auch das Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden – oder daran gar zu sterben. Diese Erkenntnis gilt allerdings nur für Patienten mit mässigen bis starken Depressionen, wie US-Forscher an der Jahrestagung des American College of Cardiology (ACC) in San Diego berichten. Für Patienten ohne oder mit nur leichten Depressionen ist das Gegen­teil gültig: Antidepressiva erhöhen bei ihnen das Risiko für schwere Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems («Mace», Major Adverse Cardiac Events).

Für ihre Studie analysierten Forscher des Medical Center in Murray, US-Bundesstaat Utah, die Daten von insgesamt knapp 27'000 Patienten ohne bekannte Depressionen oder Herzleiden. Sie alle hatten bei einem Hausarzt einen Depressionsfragebogen ausgefüllt. Je nach Befund erhielt ein Teil von ihnen ein Antidepressivum, ein anderer Teil einen Cholesterinsenker (Statin), ein dritter Teil beide Medikamente und die restlichen Patienten keine Arznei. Die Forscher beobachteten die Personen über einen Zeitraum von drei Jahren.

Die Idee dabei: Schon länger weiss man, dass Depressionen mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen. Ebenfalls bekannt ist, dass Statine das Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle senken. Daher stellte das Forscherteam um Heidi Thomas May die Hypothese auf, dass die Kombination von Statinen und Antidepressiva den wirksamsten Schutz vor Herzerkrankungen bieten würde.

Doch dem war nicht so. Vor allem die depressiven Patienten profitierten kaum von der Kombination, sehr wohl aber von einer Monotherapie mit Antidepressiva. Ihr Risiko, in den nächsten drei Jahren einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden oder gar daran zu sterben, halbierte sich mit Antidepressiva in etwa. Umgekehrt erhöhte sich bei denjenigen Nicht- oder nur wenig Depressiven, die Antidepressiva erhielten, das Herzrisiko um etwa ein Drittel.

«Genau so sollte es sein»

Die neue Studie sei «eine ganz tolle Sache», sagt der Kardiologe Paul Erne von der Hirslanden-Klinik St. Anna in ­Luzern. Es sei vorher noch nie gezeigt worden, dass man durch die Korrektur der psychischen Stimmungslage auch die Herzprognose verbessern könne. «Aber genau so sollte es sein.»

Erne selber hat vor einigen Jahren Daten des nationalen Herzinfarkt-Registers Amis Plus analysiert. Gemäss dieser Studie haben Herzinfarktpatienten, die Psychopharmaka (dazu zählen Antidepressiva) einnehmen, ein erhöhtes Herzrisiko – und nicht ein niedrigeres wie in der US-Studie. Erne: «Wir haben nicht das gefunden, was wir erhofft hatten.»

Die beiden Studien kann man laut Erne indes nicht richtig vergleichen, zu unterschiedlich seien die Patientenpopulationen: Herzinfarktpatienten in der einen, Gesunde, die auf eine Depression hin abgeklärt werden, in der anderen. Aber es lohne sich auf alle Fälle, die jetzt gezeigte Herz schützende Wirkung von Antidepressiva mit anderen Patientengruppen zu bestätigen.

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