«Das Hirn schaltet auf Autopilot»

Letzte Woche hat sich der Topmanager Martin Senn das Leben genommen. Was geht in Menschen vor, wenn sie Selbstmord begehen? «Sie befinden sich in einer Art Trance», sagt Suizidforscher Thomas Reisch.

«Der Suizid ist nach wie vor ein Tabu», sagt Thomas Reisch, Ärztlicher Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen.

«Der Suizid ist nach wie vor ein Tabu», sagt Thomas Reisch, Ärztlicher Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen.

(Bild: Stefan Anderegg)

Lucie Machac@liluscha

Herr Reisch, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Suizid des ehemaligen Zurich-CEOs Martin Senn erfahren haben?Thomas Reisch: Dass es ein Suizid unter vielen ist, der aber ein grosses Medienecho auslösen wird. Und dass solche Medienberichte eine sehr ungünstige Art sind, wie das Thema Suizid wieder in aller Munde kommt.

Was heisst «eine ungünstige Art»? Es entsteht der Eindruck, dass der Suizid ein möglicher Lösungsweg sei. Wir wissen aus der Forschung, dass die Berichterstattung über einen konkreten Selbstmord eine Nachahmer­wirkung hat, den Werther-Effekt. Ein Beispiel: Als sich im Jahr 2009 der deutsche Torwart Robert Enke, der für viele eine grosse Identifikationsfigur war, das Leben nahm, gab es danach eine deutlich erhöhte Anzahl von Suiziden mit einer Kopie der Suizidmethode.

Sind Topmanager Identifikationsfiguren? Sicher weniger als Sportler oder Stars. Die Berichterstattung über Martin Senn könnte auch distanziertere Reaktionen auslösen. Zum Beispiel den Gedanken, dass Geld und Macht doch nicht glücklich machen. Oder dass man sein Leben trotz Wohlstand und Anerkennung nicht im Griff haben kann.

Man fragt sich aber schon, warum Senn Suizid beging. Ich kannte Martin Senn nicht. Allgemein könnte ich mir aber vorstellen, dass bei einem CEO soziale Beziehungen stark mit dem Job verknüpft sind. Verliert er seinen Job, verliert er einen grossen Teil seines Lebens. Als Chefarzt und Direktor weiss ich, dass man im privaten Bereich so einiges liegen lässt.

Wie meinen Sie das? Ich mag meinen Job, und damit ich ihn erfolgreich machen kann, treffe ich mich eher mit einem Geschäftskollegen auf ein Bier als mit einem privaten Freund. Dadurch wird der Geschäftskollege irgendwann auch zu einem Freund. Wenn dann auf einmal der Job weg ist, bricht quasi die Welt zusammen.

Ist nicht der Verlust des gesellschaftlichen Status das grosse Problem? Das wäre zu kurz gegriffen. Erfolgreiche Menschen könnten sich auch sagen: Ich habe einiges in meinem Leben geschafft, also werde ich es wieder schaffen. Aber wenn sich Menschen in einer akuten Krise befinden, zum Beispiel in einer schweren Depression, können sie nicht auf ihre Ressourcen zurückgreifen und diese in die Zukunft projizieren.

Können erfolgsverwöhnte Menschen überhaupt mit dem Scheitern umgehen? An die Spitze von Unternehmen schafft man es nur, wenn man all seine Kraft dafür einsetzt, mit sehr viel Ehrgeiz. Den bringt man aber nur auf, wenn man sich mit dem Job stark identifiziert. Umso schwerer wiegt dann aber auch der Verlust, das Scheitern.

Ist so viel Ehrgeiz, so viel Identifikation noch gesund? Der Ehrgeiz ist der kleine Bruder des Narzissmus. Menschen mit einem narzisstischen Stil, wie man sie in Teppichetagen überdurchschnittlich oft antrifft, brauchen die Anerkennung von aussen in einer höheren Dosis als andere Menschen. Oder anders gesagt: Chefs sind erfolgsverwöhnte Menschen, und wenn sich der Erfolg nicht einstellt, ist es für sie tief verletzend und kaum verkraftbar. Ich hatte während meines Medizinstudiums ein sehr prägendes Erlebnis in diesem Zusammenhang.

Was für ein Erlebnis? Die Anatomieprüfung war dermassen schwierig, dass sogar jene, die normalerweise mit links die besten Noten schrieben, reihenweise durchfielen. Viele von ihnen konnten diese an sich kleine Niederlage aber kaum wegstecken. Weil sie so etwas noch nie erlebt hatten. Damals wurde mir klar, wie kränkbar und verletzlich man ist, wenn man an den Erfolg gewöhnt ist und dieser dann ausbleibt.

Männer begehen in der Schweiz dreimal so oft Suizid wie Frauen. Sind Männer lebensmüder? Nein. Betrachtet man die Suizidversuche, also jene Menschen, die ernsthaft daran gedacht haben, sich das Leben zu nehmen, dann wären es sogar mehr Frauen. Die grosse Differenz zwischen den Geschlechtern entsteht bei uns hauptsächlich durch die unterschiedliche Suizidmethode. In anderen Kulturen, in China zum Beispiel, bringen sich sogar mehr Frauen als Männer um.

In der Schweiz benutzen Männer häufiger Schusswaffen, Frauen hingegen greifen eher zu Medikamenten. Weshalb? Da gibt es noch nicht sehr viel Forschung dazu, aber man geht davon aus, dass man jene Methode wählt, die eher zugänglich ist. Ein Mann kommt in seiner Jugend eher mit Waffen in Kontakt, also kann er sie auch besser bedienen als eine Frau. Kommt ­hinzu, dass Männer Methoden wählen, die sie als effektiv erachten. Sie sind auch eher bereit, Schmerz zu ertragen. Frauen greifen tendenziell zu Mitteln, bei denen der Körper unversehrt bleibt und sie dadurch auch den Menschen, die sie finden, weniger zur Last fallen.

Ein letzter Funke Mitgefühl in diesem egoistischen Akt? Ja, übrigens nicht nur dem Umfeld gegenüber. Es schwingt auch Mitgefühl mit sich selbst mit. Frauen wollen sich körperlich nicht verunstalten.

Männer hingegen wollen keine Schwäche zeigen. Spielt das bei Suiziden eine Rolle? Leider ja. Es sind weit weniger Männer bereit, sich zu öffnen und über ihre Probleme und Gefühle zu reden, als Frauen. Das bedeutet eben auch, dass sich Männer viel schwerer damit tun, sich Hilfe zu holen. Es ist aber nicht nur so, dass sie über ihre Probleme nicht reden wollen. Viele können es gar nicht.

Was heisst das? Wenn Sie zum Beispiel über den Bau eines Staudamms sprechen müssten, würden Ihnen wahrscheinlich viele Fachausdrücke fehlen. Viele Männer können ihre Gefühle und Probleme oft auch deshalb nicht in Worte fassen, weil sie für ihr Innenleben über keine sprachlichen Ausdrücke verfügen. Doch dies ist erlernbar.

Was geht in Menschen vor, die ihrem Leben ein Ende setzen? Meist geht es den Menschen schon eine Zeit schlecht. Dann passiert etwas, das sie aus der Bahn wirft. Dies ist ein Zustand von einem zunehmend unerträglichen mentalen Schmerz. Die Menschen beginnen, sich mit Suizidgedanken zu beschäftigen, hadern aber noch. Diese Menschen leiden offensichtlich und sind daher leicht zu erkennen. Irgendwann ist dieser mentale Schmerz nicht mehr aushaltbar, und sie fassen den Entschluss: Jetzt tue ichs. Dieser Entscheid wird in 80 Prozent der Fälle erst zwei Stunden vor der Tat getroffen. Fatal ist: Diesen Menschen sieht man nicht mehr an, dass es ihnen schlecht geht. Sie wirken ausgeglichen, weil sie ein Ziel vor Augen haben.

Was löst diesen definitiven Entschluss aus? Das weiss man nicht genau. Es ist, als ob ein Schalter umgelegt würde. Erforscht hingegen ist, was in der Schlussphase abläuft. Das Hirn schaltet auf Autopilot, die Menschen befinden sich in einer Art Trance. Ab diesem Zeitpunkt sind Suizidenten im Prinzip nicht mehr zurechnungsfähig. Doch kurz vor dem finalen Akt halten die meisten nochmals inne.

Tatsächlich? Es ist eine kurze Phase des Zwiespalts, des Haderns vor der endgültigen Handlung.

Gibt es Menschen, die dann noch zurückschrecken? Wenn jemand Menschen anspricht, die sich zum Beispiel von einer Brücke stürzen wollen, dann «wachen» die meisten in dem Moment wieder auf. Man weiss auch, dass jene, die einen Brückensturz überlebt haben, schon während des Sprungs wieder zu sich kommen und merken, was sie sich antun.

Wollen Suizidüberlebende überhaupt weiterleben? Mehr als 90 Prozent bereuen ihre Tat. Und mit therapeutischer ­Hilfe finden die meisten wieder ins Leben zurück.

Weshalb merken nahestehende Personen sehr oft nicht, dass sich jemand umbringen will? Weil Suizid in unserer Gesellschaft immer noch ein grosses Tabu ist. Deshalb verbergen einerseits Menschen, die suizidal sind, ihre Absicht sehr oft sehr gut. Anderseits traut sich das Umfeld nicht, sie darauf anzusprechen. Hinzu kommt, dass in einer liberalen Gesellschaft die Meinung verbreitet ist, jeder Mensch habe das Recht, sich das Leben zu nehmen.

Nicht nur das Recht, auch die Freiheit. Es heisst ja «freiwillig» aus dem Leben scheiden. Das halte ich für eine sehr romantisierende Umschreibung.

Was stört Sie daran? Ich verurteile suizidale Menschen nicht, Selbsttötung ist ein Lösungsversuch. Aber Suizida­lität ist in den allermeisten Fällen etwas Vorübergehendes. Die Menschen sind dermassen im Hier und Jetzt eingesperrt, dass sie eben nicht frei entscheiden können. Und wenn man weiss, dass die allermeisten ihre Tat ­bereuen, dann ist es in meinen Augen eine gesellschaftliche Aufgabe, diesen Menschen zu helfen, über die Krisensituation hinwegkommen. Suizidale Menschen ­erkennen in ihrem Ausnahme­zustand auch nicht mehr, dass ­nahestehende Personen sehr lange leiden müssen.

Was macht ein Suizid mit Angehörigen? Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihren Lebenspartner nach einem Eisenbahnsuizid identifizieren. Es könnte auch passieren, dass Bekannte und Freunde nicht mehr mit Ihnen reden, weil sie Hemmungen haben, über ein ­tabuisiertes Thema zu sprechen. Diese Situation ist für die Hinterbliebenen mehrfach traumatisierend. Sie müssen nicht nur mit dem Verlust eines geliebten ­Menschen fertigwerden, sondern auch mit Scham und vor allem mit quälenden Schuldgefühlen.

Helfen Abschiedsbriefe? Eher ja. Oft nehmen darin die Suizidierten die Schuld von den Angehörigen weg. Aber ich kenne auch Fälle, in denen nahestehende Menschen lesen mussten: Wegen dir habe ich mich umgebracht.

Darf man – unabhängig vom Inhalt eines Abschiedsbriefes – auf Selbstmörder überhaupt wütend sein? Emotionen sind immer da. Und natürlich denken viele: Was hast du mir angetan! Frauen neigen aber eher dazu, die Schuld bei sich zu suchen, während Männer eher wütend werden. Wenn sich Kinder umbringen, kommt es deshalb oft vor, dass sich die ­Eltern wegen dieser ungleichen Dynamik trennen.

Sie vertreten die Meinung, dass die einzig richtige Berichterstattung über Suizid wäre, darüber zu schweigen. Weshalb haben Sie mit mir gesprochen? Es ist ein Dilemma. Einerseits möchte ich, dass die Menschen darüber sprechen, damit das Tabu aufgeweicht wird, und deshalb muss man auch darüber schreiben. Aber je mehr man über ­konkrete Suizide schreibt, desto mehr können sie auch geschehen. Allerdings gibt es neben dem nachahmenden Werther-Effekt auch den Papageno-Effekt.

Was ist das? Die Menschen kommen dank der Berichterstattung auf die Idee, dass es alternative Lösungen zum Suizid gibt. Deshalb ist es wichtig, über Hilfsangebote oder über Menschen zu berichten, die einen Suizidversuch überlebt oder eine Depression überwunden haben. Denn diese gibt es.

Die Weltgesundheitsorganisation prognostiziert, dass 2030 Depression weltweit die häufigste Krankheit sein wird. Werden Suizide zunehmen? In der Schweiz haben die Suizidraten im Laufe der Jahre kontinuierlich abgenommen, heute passieren rund 1000 Suizide pro Jahr. Ich denke, dass wir diese Zahl trotz der WHO-Prognosen bezüglich Depression weiter senken können.

Wie? Wir müssen psychische Krankheiten weiter enttabuisieren. Heute schon lassen sich mehr Männer zum Beispiel bei Burn-out helfen als noch vor zehn Jahren. Aber: Wenn sich immer mehr Menschen trauen, über ihre Probleme zu sprechen, brauchen wir deutlich mehr Hilfsangebote. Und das braucht nicht nur Zeit und Ressourcen, dafür muss man vor allem auch Geld in die Hand nehmen.

lucie.machac@bernerzeitung.ch

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