Forscher dürfen Mischwesen aus Mensch und Tier erzeugen

In Japan darf ein Team erstmals mit menschlichen Zellen bestückte Tier-Embryonen bis zur Geburt heranwachsen lassen.

Ein Rattenembryo im Alter von 15 Tagen: Ein japanischer Forscher will darin menschliche Zellen einpflanzen. Im Gegensatz zu bisherigen Experimenten soll das Mensch-Tier-Mischwesen dann geboren werden. Bild: Science Pictures

Ein Rattenembryo im Alter von 15 Tagen: Ein japanischer Forscher will darin menschliche Zellen einpflanzen. Im Gegensatz zu bisherigen Experimenten soll das Mensch-Tier-Mischwesen dann geboren werden. Bild: Science Pictures

Japanische Forscher dürfen mit der Züchtung von menschlichen Organen in Tieren beginnen. Das Wissenschaftsministerium segnete den Beginn der Forschung mit menschlichen Stammzellen ab, die in Tierembryonen eingepflanzt und von den Tieren ausgetragen werden sollen. Es ist das weltweit erste Experiment dieser Art.

Ayako Maesawa, Direktorin beim Ministerium in Tokio, bestätigte einen entsprechenden Bericht des Fachjournals «Nature». Die Erlaubnis bezieht sich jedoch nur auf ein Forschungsprojekt der Universität Tokio. Ziel der Forschung insgesamt ist es, später einmal Menschen zu helfen, die bisher vergeblich auf eine Organspende warten.

Ein Forscherteam um Hiromitsu Nakauchi von der Universität Tokio und der Stanford University in Kalifornien will nun in Embryonen von Mäusen und Ratten sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) einpflanzen. Die Embryonen seien genmanipuliert, sodass sie keine eigene Bauchspeicheldrüse haben. Es sei zu erwarten, dass die heranwachsenden Föten eine Bauchspeicheldrüse aus den menschlichen iPS-Zellen haben werden, so die Ministeriumssprecherin.

Ausgetragene Embryonen werden getötet

Die Föten sollen von den Tieren ausgetragen werden. Während der Schwangerschaft solle auch herausgefunden werden, ob sich auch woanders im Körper der Tiere menschliche Stammzellen verbreiten, so Maesawa. Die ausgetragenen Embryonen würden später getötet, erklärte die Sprecherin.

In einem weiteren Schritt sollen iPS-Zellen auch in Embryonen von Affen und Schweinen eingepflanzt werden. Diese sollen jedoch nicht von den Tieren ausgetragen werden. Man wolle lediglich die Embryonen züchten, um herauszufinden, zu wie viel Prozent sie aus iPS-Zellen bestehen.

Die Forschung mit Mischwesen ist in mehreren Ländern erlaubt, allerdings nicht, diese austragen zu lassen. Bis zum Frühjahr dieses Jahres war das aus ethischen Bedenken auch in Japan verboten – man befürchtete, dass unkontrolliert Mensch-Tier-Mischwesen entstehen könnten. Das Wissenschaftsministerium hob die Einschränkung nun aber auf.

Experte hält Versuche für sinnlos

Kritiker bezweifeln, dass auf diese Art jemals menschliche Organe transplantiert werden können. Einerseits weil Nakauchi mit bisherigen Experimenten keinen Erfolg hatte. Ein Versuch mit Schafembryonen missglückte, weil nach 28 Tagen kaum mehr menschliche Zellen nachweisbar waren.

Für Jun Wu, der an der University of Texas Mensch-Tier-Mischwesen erforscht, sei es sinnlos, solche Hybriden in Schweinen oder Schafen bis zur Geburt zu züchten. Die Arten seien zu weit vom Menschen entfernt und humane Zellen würden in den Tierembryos deshalb schon früh eliminiert, sagt er im Fachjournal «Nature».

Mithilfe von Gentechnik oder anderen Strategien könnte zwar eine Lösung für dieses Problem gefunden werden, davon ist die Wissenschaft aber noch weit entfernt. Das Forscherteam von Nakauchi argumentiert wiederum, dass genau die nun bewilligten Experimente helfen werden, herauszufinden, wie die Zellen modifiziert werden müssen, damit sie von den Tierembryonen nicht eliminiert werden.

Menschliche Zellen im Tierhirn?

Zudem befürchten Fachleute, dass sich menschliche Zellen an ungewollten Orten festsetzen könnten. Wenn sich diese beispielsweise im Gehirn ansiedelten, könnte die Kognition der Tiere verändert werden – solche Mensch-Tier-Mischwesen wären ein «klarer ethischer Megaverstoss», sagt der deutsche Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zu «Spiegel online». Lauterbach warnt davor, eine Grenze zu überschreiten, die nicht überschritten werden dürfe und «sich selbst zu Göttern zu machen».

«Es ist sehr heikel, solche Versuche zu machen», sagt auch Jens Reich, Mediziner und Molekularbiologe am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin. «Stammzellen in der Entwicklung sind sehr schwer zu kontrollieren, und es muss ganz sicher sein, dass sie in einer bestimmten Ecke des Organismus bleiben.»

Ähnlich sieht es Bioethiker Ulrich Körtner von der Universität Wien. Es handle sich bei diesen Mensch-Tier-Hybriden zwar nicht um werdende Menschen mit Menschenwürde, sagt er gegenüber dem ORF. Die Entwicklung müsse aber wachsam beobachten werden, um sicherzustellen, dass keine menschlichen Zellen in das Gehirn dieser Mischwesen eindringen und sich kein Gehirn mit menschlichen Eigenschaften entwickelt. Dann wäre eine ethisch zulässige Grenze überschritten.

Organe aus menschlichem Gewebe

Die Fachleute sehen effektivere Möglichkeiten für eine bessere Zugänglichkeit zu Spenderorganen, unter anderem die Widerspruchslösung, welche jeden zu einem Spender macht, der das nicht explizit ablehnt.

Auch viele Wissenschaftler sehen realistischere Möglichkeiten für Transplantationen bei Menschen. Einerseits wird versucht, Organe von normalen Tieren so aufzubereiten, dass sie für Menschen gebraucht werden können – derzeit wird mit Schweineherzen experimentiert. Andererseits könnten neue Organe dereinst im Labor aus menschlichem Gewebe geschaffen werden.

anf/sda

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