In den Kopf gehämmert

Aussagen oft zu wiederholen, führt zu einer Illusion von Glaubwürdigkeit. Der Effekt wirkt auch bei klarem Unsinn.

Der US-Präsident setzt nachweislich Unwahrheiten in die Welt. Seine Anhänger scheint das nicht zu stören – und seine Gegner haben sich daran gewöhnt. Foto: Getty Images

Der US-Präsident setzt nachweislich Unwahrheiten in die Welt. Seine Anhänger scheint das nicht zu stören – und seine Gegner haben sich daran gewöhnt. Foto: Getty Images

Sebastian Herrmann@SZ

Eines Tages tauchte ein schwarzer Sack im Seminarraum auf, aus dem unten zwei nackte Füsse ragten. Irgendjemand hatte sich den dunklen Stoff über den Leib gezogen und schlurfte nun in dieser seltsamen Verkleidung durch die Oregon State University, betrat das Zimmer, suchte sich einen Stuhl und nahm Platz. Blicke flogen durch den Raum, die irritierten Studenten tuschelten und blickten verunsichert zu ihrem Dozenten Charles Goetzinger. Der aber tat so, als sei es völlig normal, dass da ein Mensch in einem Sack aufgetaucht war, und reagierte nicht.

Der Psychologe hatte selbst für den Auftritt gesorgt, der sich nun in jeder Seminarstunde wiederholte, damals in den 1960er-Jahren: Der schwarze Sack tauchte auf, setzte sich, sprach nicht und verschwand wieder. Goetzinger schilderte in einem Text, wie sich die Reaktion der ­Studenten mit der Zeit veränderte: «Feindseligkeit gegenüber dem schwarzen Sack wurde zu Neugier und verwandelte sich schliesslich in Freundschaft.» Die Figur wurde fast so etwas wie das Maskottchen der Studenten.

Und damit in die Gegenwart – zu den vielen wahnwitzigen und gefährlichen Behauptungen, mit denen Extremisten aller Lager Debatten und Demokratien vergiften. Es könnte hilfreich sein, sich etwa haarsträubende Behauptungen so vorzustellen, als beträten sie wie ein schwarzer Sack auf nackten Füssen die Bühne. Im ersten Moment reagiert das Publikum irritiert, ablehnend oder feindselig. Taucht der Wahnwitz aber immer wieder auf und klopft wiederholt an die Pforten der Wahrnehmung, dann freunden sich die Menschen langsam damit an. Feindseligkeit verwandelt sich in Neugier und schliesslich in Freundschaft: Irgendwann fühlen sich dann Aussagen wahr an, die beim Erstkontakt noch innere Revolten ausgelöst hatten.

Die Wahrheitsillusion wirkt auf fast alle Menschen gleich

Psychologen nennen das Phänomen Illusory Truth Effect – oder Wahrheitsillusion. Wie es aussieht, wirkt der Mechanismus auf fast alle Menschen gleichermassen, egal wie schlau sie sind, egal welche politische Einstellung sie haben und egal wie analytisch oder intuitiv sie denken: Wiederholung zaubert einen Schein von Wahrhaftigkeit um fast jede ­Aussage, wie Psychologen um ­Jonas De Keersmaecker von der Universität Gent in einem Beitrag beschreiben, der im Journal «Personality and Social Psychology Bulletin» erscheinen wird.

«Angesichts der intellektuellen Fähigkeiten des Menschen», schreiben die Wissenschaftler, «ist es erstaunlich, dass bereits der reine Kontakt mit Informationen diese mit einem subjektiven Gefühl der Glaubwürdigkeit auflädt.» Politiker, Verkäufer und Manipulatoren setzen seit je auf die Macht der Wiederholung. In der Praxis hat sich das Prinzip bewährt und wird seit Menschengedenken angewandt. Der aktuelle Grossmeister ist der Twitterer im Weissen Haus, der immer wieder von «Fake News» schwadroniert, die Medien zu Feinden des Volkes erklärt und Unwahrheiten in die Welt hinausbläst.

Sosehr ein irritiertes Publikum darüber auch lachen mag: Ein Lügner verfügt über schärfere Waffen als Kommunikatoren, die der Realität verpflichtet sind. Denn erstens sind die Lügen meistens die besseren Geschichten und erzeugen über mächtige Empörung die deutlich grössere Aufmerksamkeit als nüchterne Nachrichten. Und zweitens wirken diese Lügen schliesslich auch auf die Menschen, die sie eigentlich ablehnen und die ­wissen, dass sie es mit Unwahrheiten zu tun haben.

Politiker, Verkäufer und Manipulatoren setzen seit je auf die Macht der Wiederholung.

Natürlich klingt das wild, und jeder Einzelne wird vermutlich für sich reklamieren, dass er selbst natürlich weitgehend ­immun gegen irren Unsinn ist. Doch das ist – um im Kontext zu bleiben – seinerseits eine Unwahrheit, die sich lediglich wie eine Wahrheit anfühlt.

So berichteten Psychologen um Gordon Pennycook von der Yale University im vergangenen Sommer im «Journal of Experimental Psychology: General», dass die Wahrheitsillusion quasi auf alle Lager gleichermassen wirkt: Wiederholung erzeuge auch in jenen Personen auf Dauer eine gewisse Zutraulichkeit zu Aussagen, die sie aus politischen Gründen eigentlich in Bausch und Bogen ablehnen würden. Wenn sich also rechte und linke Kampfbegriffe wie etwa «Lügenpresse» oder «alte, weisse Männer» durch permanente Anwendung normalisieren, dann wirkt das offenbar auf Linke und Rechte gleichermassen – der schwarze Sack lässt grüssen.

«Die Stärke des Wahrheits­illusions-Effekts fiel ungefähr gleich gross aus, egal ob man eine Aussage aus politischer Überzeugung ablehnt oder ihr zustimmt», schreiben die Psychologen um Pennycook, der auch an der aktuellen Studie beteiligt war. Andere Forscher haben gezeigt, dass der Mechanismus sogar wirkt, wenn explizit bekannt ist, dass eine Information Unfug ist – solange sie denn wenigsten in Ansätzen plausibel ist. Die innere Gegenwehr mag heftig ausfallen, doch die Macht der Vertrautheit wirkt dennoch, auch wenn man nun nicht alles am Ende als absolute Wahrheit akzeptiert.

Gedächtnisprozesse sind Ursache der Illusion

Die Wirkung der Wiederholung ist gut belegt. «Unklar ist allerdings, ob sich individuelle Unterschiede auf den Effekt auswirken», sagen die Psychologen um De Keersmaecker. Die Illusion der Wahrheit entsteht sozusagen durch Gedächtnisprozesse: Die kognitive Verarbeitung einer ­Information beansprucht geringeren Aufwand, wenn man ­diese schon einmal gehört hat. Der­artige geistige Leichtigkeitserfahrungen wirken wie ein Signal. Was einem leichtfällt, fühlt sich gut an. Diese sogenannte Meta-Kognition werten Menschen dann als relevanten Anhaltspunkt, um etwa die Glaubwürdigkeit einer Information einzuschätzen. Andersherum ist ein Zuhörer schwer zu überzeugen, wenn man ihn mit sperrigen, schwer zu verstehenden Aussagen konfrontiert, über die erst anstrengend nachgedacht werden müsste.

Der Wirkmechanismus der Wahrheitsillusion legt den Gedanken nahe, dass das geistige Vermögen eines Menschen Auswirkungen darauf zeigen sollte. Die Psychologen um De Keersmaecker überprüften diese ­Frage nun in sieben Experimenten mit insgesamt mehr als 2000 Teilnehmern. In den Versuchen testeten die Wissenschaftler, ob sich die Intelligenz beziehungsweise das kognitive Vermögen eines Menschen auf den Effekt auswirkt, ob das unterschiedlich ausgeprägte Bedürfnis, Ambivalenz zu vermeiden, relevant ist und ob ein intuitiver Denkstil die Wahrheitsillusion verstärken könnte. Wer sich vor allem auf sein Bauchgefühl verlässt, könnte ja womöglich in besonderem Masse für Gefühle kognitiver Leichtigkeit empfänglich sein, während ein analytischer Denkstil den Effekt wiederum dämpfen könnte.

Universelles Merkmal aller Menschen

Doch die Psychologen fanden in ihren Daten dafür keine Hin­weise. In allen Experimenten «schenkten die Probanden den durch Wiederholung vertrauten Informationen mehr Glauben als unbekannten Aussagen – unabhängig von den gemessenen ­individuellen Unterschieden», sagen die Forscher. Die kognitiven Charakteristika der Teilnehmer zeigten auch keine Auswirkungen auf die Effektstärke. ­Vertrautem mit grösserer Bereitschaft Glauben zu schenken, «ist demnach kein Bewertungsfehler und keine Schwäche eines Individuums», so die Psychologen, sondern sei ein universelles Merkmal aller Menschen.

Es sind also nicht die schlichten Gemüter, die sich von steter Wiederholung einfangen lassen – sondern vermutlich wir alle. Das ist eine beängstigende Botschaft. Das Fazit daraus könnte lauten: Wer sich Gehör verschaffen will (und der Wahrheit verpflichtet fühlt), sollte sich nicht an den Lügen der anderen abarbeiten, sondern eigene Geschichten in Umlauf bringen und damit die Bühne besetzen, statt dort Irrsinn wüten zu lassen.

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