Neuer Fitness-Trend kostet viel und bringt wenig

Anbieter von Stoffwechselanalysen versprechen personalisierte Diätpläne – ohne wissenschaftliche Grundlage.

Analyse mit beschränkter Aussagekraft: In der Atemluft wird gemessen, wie viele Kalorien der Körper verbraucht. Bild: istock

Analyse mit beschränkter Aussagekraft: In der Atemluft wird gemessen, wie viele Kalorien der Körper verbraucht. Bild: istock

Alexandra Bröhm@sonntagszeitung

Es klingt vielversprechend. Ein paar Minuten in ein Gerät pusten, und schon steht ein personalisierter Diätplan, der die Kilos schneller schmelzen lässt als bisherige Abnehmversuche. Das versprechen Ernährungsberater und Fitnesszentren, die Atemmessungen als sogenannte Stoffwechselanalysen verkaufen, mithilfe dieser Messung individuelle Ernährungspläne erstellen und Hunderte von Franken dafür verrechnen.

Was man in der Atemluft tatsächlich messen kann, hat bisher allerdings noch begrenzte Aussagekraft. Wichtig ist, dass man weiss, was die Tests können und was nicht. Sonst schrumpft primär der Kontostand und weniger der Taillenumfang.

Gehirn verbraucht stündlich 20 Prozent der Kalorien

Wer im Ruhezustand in ein Atemgerät bläst, der bekommt ­seinen Grundumsatz ermittelt. Diese Messung ist jeweils eine Momentaufnahme, hat also auch damit zu tun, was man in den letzten Stunden gegessen oder getrunken hat. Der Grundumsatz besagt, was der Körper eines Menschen braucht, um den Betrieb ohne körperliche Anstrengungen aufrechtzuhalten.

Das Gehirn ist beispielsweise ein ziemlicher Energiefresser, es holt sich knapp 20 Prozent des stündlichen Kalorienverbrauchs, auch wenn man gerade keine komplizierten Matheaufgaben löst. Auch die Muskeln und die Leber gehören zu jenen Teilen des Körpers, die in Ruhe am meisten Energie verschlingen.

Das Resultat kann durch Kleinigkeiten verfälscht werden

Doch was messen die Geräte nun wirklich? Das angewendete Verfahren nennt sich indirekte Kalorimetrie, errechnet wird der sogenannte respiratorische Quotient, also das Verhältnis zwischen der ausgeatmeten Kohlenstoffdioxidmenge und dem aus der Luft aufgenommenen Sauerstoff. Dieses Verhältnis sagt etwas darüber aus, was der Körper gerade zwecks Energiegewinnung verbrennt und wie effizient er dabei ist.

Während der Proband durch eine Maske oder Haube in das Gerät atmet, messen Sensoren den Sauerstoff- und Kohlendioxid­gehalt der Atemluft. Die Messung sollte mindestens 20 Minuten dauern und idealerweise im nüchternen Zustand erfolgen. Schon Kleinigkeiten, zum Beispiel wie dicht die Maske sitzt, können das Resultat verfälschen.

Verbrennt der Körper Nahrung, so verbraucht er dabei Sauerstoff. Durch den Verbrennungsprozess entsteht im Körper Kohlendioxid, das wir mit der Atemluft wieder abgeben. Lebensmittel enthalten verschiedene Nährstoffe wie Kohlenhydrate, Fette und Proteine. Je nach Nährstoff entsteht während des Verbrennungsprozesses eine unterschiedliche Menge an Kohlenstoffdioxid. Verbrennt jemand vor allem Kohlenhydrate, liegt der respiratorische Quotient höher als wenn jemand Fett verstoffwechselt. Der Messwert zeigt also, auf welche Nährstoffe der Körper vor allem zurückgreift, um den Betrieb aufrechtzuerhalten: ob er vor allem Kohlenhydrate, dazu zählen zum Beispiel Zucker, verstoffwechselt oder eher Fette.

Je älter jemand ist, umso niedriger ist der Grundumsatz in der Regel.

Zudem misst das Gerät, wie viel Sauerstoff jemand pro Minute einatmet, ein typischer Wert ist zum Beispiel 0,3 Liter pro Minute. Aus den beiden Werten, dem respiratorischen Quotienten und der Gesamtmenge des eingeatmeten Sauerstoffs, lässt sich dann der Grundumsatz eines Menschen errechnen. «Wenn man sie richtig durchführt, kann diese Messung den Grundumsatz einer Person einigermassen zuverlässig bestimmen», sagt Philipp Gerber, Adipositas-Spezialist und Endokrinologe am Universitätsspital Zürich.

Der Grundumsatz gibt jedoch erst einen Anhaltspunkt, wie viele Kalorien jemand ungefähr essen kann, wenn er sich nicht bewegt. Je älter jemand ist, umso niedriger ist der Grundumsatz in der Regel. Frauen haben zudem einen etwas tieferen Bedarf als Männer, weil Männer meist etwas mehr Muskelgewebe haben. Hat jemand beispielsweise einen Grundumsatz von 1500 Kalorien, dürfte er ohne zusätzliche Bewegung nichts mehr zu sich nehmen.

Wer abnehmen will, fragt besser den Hausarzt

Die Atemmessung verknüpfen kommerzielle Anbieter häufig mit personalisierten Diätplänen. Aus den Resultaten erstellen sie einen Plan, der vorschreibt, wie viel jemand wovon essen sollte, um möglichst effizient Gewicht zu verlieren. «Aus diesen Messungen lässt sich aber nicht ablesen, welche Nahrungsmittel man essen sollte und welche nicht», sagt Philipp Gerber. «Dafür gibt es keine wissenschaftliche Grundlage.»

Selbst wenn jemand im Moment vor allem Kohlenhydrate verstoffwechselt, sagt das nichts darüber aus, ob im Diätplan vor allem Fette stehen sollten oder umgekehrt. Die Atemluftanalyse gehört am Adipositaszentrum des Universitätsspitals Zürich nicht einmal zur Standarduntersuchung, sondern kommt nur in speziellen Fällen zum Einsatz.

Es kommt immer wieder vor, dass Fitnessstudios bei Ernährungstipps auf Trends setzen, die nicht unbedingt auf solider wissenschaftlicher Basis stehen. In den Fitnessparks der Migros konnte man sich zum Beispiel bis 2016 zur sogenannten Metabolic Balance anmelden, einem Diätprogramm, das wissenschaftlich umstritten war. Inzwischen ist das Programm in allen Zentren gestrichen worden. Wer an Übergewicht leidet und nicht weiterkommt, der sollte zuerst mit dem Hausarzt sprechen, bevor er auf teure kommerzielle Programme setzt.

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