Schweine als Organspender für Menschen?

Forschern ist die Zucht retrovirenfreier Klonferkel gelungen. Organtransplationen von Tieren zu Menschen rücken damit ein gutes Stück näher.

Könnten künftig als Organspender eingesetzt werden: Ein Schweinerennen in Lausanne. (Symbolbild)

Könnten künftig als Organspender eingesetzt werden: Ein Schweinerennen in Lausanne. (Symbolbild) Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Team von Wissenschaftlern an der Harvard-Universität hat mit Hilfe der Gentechnik Schweine gezüchtet, deren Erbsubstanz keine potenziell gefährlichen endogenen Retroviren mehr aufweist. Gemäss dem veröffentlichten Bericht in der Fachzeitschrift «Science» sind die Forscher damit dem Ziel, eines Tages Tierorgane in Menschen verpflanzen zu können, einen grossen Schritt näher gekommen.

Der Leiter des Transplantationszentrums des Universitätsspitals Zürich, Nicola Müller, findet die Resultate «extrem beeindruckend», betont aber, dass die Transplantation von Schweineorganen in Menschen trotzdem noch Zukunftsmusik bleibe. Weitere Hürden seien die Abstossung von Organen sowie die Vereinbarkeit gewisser Systeme, wie zum Beispiel das Gerinnungssystem. «Es werden also noch einige Jahre vergehen, bis solche Organe routinemässig eingesetzt werden», sagt Müller zum SRF.

Eine Ausnahme seien sogenannte Inselzellen, die Insulin produzieren, wo es jetzt rascher gehen könnte – was speziell für Menschen mit Diabetes interessant wäre. Menschen können bereits mit biologischen Herzklappen von Schweinen oder Rindern leben.

37 PERV-freie Klonferkel

Normalerweise tragen Schweine in ihrer Erbsubstanz gleichsam als blinde Passagiere sogenannte porcine endogene Retroviren (PERVs), die sich auch in menschlichen Zellen vermehren können. Unklar ist, ob sich das Virus auch bei Transplantationen von Schweineorganen auf den Menschen überträgt und welche Auswirkungen dies haben könnte.

Das Team unter Leitung der beiden Genetiker George Church und Luhan Yang von der Universität von Harvard ist es nach eigenen Angaben nun gelungen, die DNA von Schweinezellen so zu modifizieren, dass sie keine PERVs mehr aufweisen. Damit erzeugten sie Embryonen, die frei von den Viren waren und setzten diese in Mutterschweinen ein. Nach Angaben von Yang erzeugte ihr privates Unternehmen eGenesis auf diese Weise 37 PERV-freie Klonferkel.

«Möglicherweise eine noch grössere Herausforderung»

Menschen können bereits mit biologischen Herzklappen von Schweinen oder Rindern leben. Die Transplantation ganzer Tierorgane könnte viele Leben retten: In der Schweiz warten rund 1500 Menschen auf eine Organspende – jährlich sterben rund 100 Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein neues Organ erhalten. In Deutschland sind mehr als 10'000 Menschen auf der Warteliste, in den USA 117'000 Menschen. Dort sterben durchschnittlich 22 Patienten am Tag, bevor sie ein Organ erhalten.

Sollten die genveränderten Schweine von eGenesis tatsächlich frei von den endogenen Retroviren sein, wäre dies eine «grossartige Leistung», meint auch der Virologe Joachim Denner vom Robert Koch Institut in Berlin. Wie Müller betont auch Denner, dass die Wissenschaft auch nach dem Erfolg noch weit von echten Xenotransplanationen (Transplantationen zwischen Spezies) entfernt sei. Auch er erwähnt die Abstossungsproblematik: Experten müssten Wege finden, Schweinegene so zu verändern, dass das menschliche Immunsystem bei Organverpflanzungen nicht mehr aktiv wird.

Das räumt auch Studienautor Yang ein: Die Abstossungsproblematik sei «möglicherweise eine noch grössere Herausforderung» als endogene Retroviren zu deaktivieren, so der Forscher.

(mch/sda)

Erstellt: 12.08.2017, 11:05 Uhr

Artikel zum Thema

Jeder soll künftig als Organspender gelten

Wer seine Organe nicht spenden will, soll dies künftig ausdrücklich festhalten müssen. Mit dieser Umkehr der geltenden Regel versucht der Nationalrat, die Spenderquote zu erhöhen. Mehr...

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Light Abo.

Das Thuner Tagblatt digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Foodblog Marroni ohne Feenstaub
Als im Casino der Nationalrat tagte

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Schlacht mit weichen Waffen: Die Studenten der St.-Andrews-Universität sprühen sich am traditionellen «Raisin Weekend» voll mit Schaum. (23. Oktober 2017)
(Bild: Russell Cheyne) Mehr...