Wenn das Vergessen zur Krankheit wird

Zum zunehmenden Alter gehören keineswegs Vergesslichkeit und Verwirrtheit. Meist handelt es sich dabei um Demenz, die immer mehr Hochbetagte befällt. Doch vielfach fehlt es an der richtigen Diagnose. Dabei kann die Früherkennung den Verlauf beeinflussen.

Auch wenn Demenzkranke in der letzten Phase nicht mehr mitbekommen, was um sie herum vorgeht, wollen sie würdevoll behandelt werden.

Auch wenn Demenzkranke in der letzten Phase nicht mehr mitbekommen, was um sie herum vorgeht, wollen sie würdevoll behandelt werden.

(Bild: Keystone)

Die einen wissen nicht mehr, wo sie das Auto geparkt haben. Andere halten Verabredungen nicht mehr ein, lassen Rechnungen liegen, wirken bei Begegnungen plötzlich abwesend oder deprimiert. Manche wiederum schlurfen über den Asphalt und haben Mühe, sich an einem neuen Ort zu orientieren. Solche Anzeichen sind keineswegs typische Alterssignale, sondern lassen auf Demenz schliessen. Alt sein bedeutet keineswegs, gleichzeitig vergesslich zu werden. Obwohl viele darunter leiden, wird Demenz, der Abbau von Hirnfunktionen, noch immer tabuisiert. Die daran erkrankten alten Leute sind heute erst zu einem Drittel diagnostiziert und werden entsprechend betreut. «Dabei ist gerade die Früherkennung für den Verlauf enorm wichtig», sagt Andreas Stuck, Chefarzt Geriatrie der Universität Bern.Demenz wird nicht erkanntBei einem Drittel der Betroffenen muss es erst zu einem grösseren Eklat kommen, bis die Zeichen irgendwann erkannt werden. Und bei den restlichen 30 Prozent bleibt es beim Verdacht. Dabei sind immer mehr Menschen von der Demenz betroffen. Neueste Daten basierend auf Gesundheitspopulationsstudien, herausgegeben im Juli von der European Collaboration on Dementia (EuCoDe), sagen aus, dass in der Schweiz 125600 Menschen unter Demenz leiden. Jedes Jahr trifft es 24700 Menschen neu, bei den über 85-Jährigen sind es europaweit bereits 21 Prozent.Birgitta Martensson, Geschäftsführerin der Schweizerischen Alzheimervereinigung, beklagt, dass nicht alle Ärzte die Demenzanzeichen ihrer Patienten richtig erkennen würden. Geriater Andreas Stuck führt die Fehleinschätzung unter anderem auf die falsche, aber schwer ausrottbare Ansicht zurück, nach der es dazu gehört, dass man im Alter vergesslich wird und etwas verwirrt ist. «Dabei handelt es sich um eine Krankheit», hält Stuck entgegen. Und fügt hinzu: «Normal ist, wenn man mit 80 und selbst mit 90 Jahren noch ein gutes Gedächtnis hat, zum Beispiel auch noch selber eine Reise organisieren kann oder sich an anspruchsvollen Diskussionen beteiligt.»Immer mehr BetroffeneDemenz und Alzheimer gelangten vor zehn Jahren hauptsächlich ins Allgemeinbewusstsein über Erlebnisberichte von Angehörigen – so berichtete etwa Nationalrat Otto Nauer darüber im «Magazin» – , die den tragischen langsamen Abschied ihrer Lebenspartner schilderten. Danach verschwanden die Dementen wieder aus den Schlagzeilen und in die Pflegeheime, wo sie heute in vielen Fällen als Kostenproblem diskutiert werden. Doch inzwischen sind über ein Drittel aller Personen im hohen Alter ab 90 Jahren davon betroffen. Als wichtig erachtet Stuck vor allem, dass Demenz frühzeitig erkannt und diagnostiziert wird. Nur so könne man die Krankheitssymptome richtig behandeln und Patienten, aber auch ihre Angehörigen richtig beraten.Abklärung nötigVergesslichkeit, auffallendes Verhalten, Betrübtsein oder Konzentrationsstörungen nehmen die Angehörigen oft zuerst war, weil die Betroffenen ihre Krankheit in vielen Fällen selbst nicht richtig wahrnehmen oder auch einfach verdrängen. Vielfach braucht es den Anstoss von aussen zur Abklärung. Diese umfasst neben einer ausführlichen Befragung der Patienten und Angehörigen verschiedene Labortests, körperliche und neuropsychologische Untersuchungen sowie eine bildgebende Abklärung des Gehirns. Erst über die umfassende Untersuchung meist in einer Memory-Klinik, so Stuck, kann die Art der Demenz geklärt und die geeignete medikamentöse Therapie bestimmt werden. Selbst wenn bei einem positiven Befund der Schock gross sein kann, weiss Expertin Birgitta Martensson aus ihrer Erfahrung mit dementen Personen: «Für die Betroffenen ist die schlimmste Zeit das Nichtwissen vor der Diagnose.»Die Demenz entwickelt sich individuell und lässt sich bis heute leider weder heilen noch rückgängig machen. Drei unterschiedliche Phasen lassen sich ausmachen, in denen nach Meinung von Facharzt Andreas Stuck folgende Massnahmen wichtig sind:Phase I: Noch unabhängigZu diesem frühen Zeitpunkt ist eine gute medizinische und soziale Vorsorge wichtig. Dazu gehören Massnahmen wie die Einstellung des Blutdrucks und die Förderung der Seh- und Hörfähigkeit, wenn nötig durch entsprechende Optik- und Hörhilfen. Dadurch kann man oft die Erkrankung bremsen. Meistens wohnen die Betroffenen weiterhin zu Hause, zeitweise unterstützt von der Spitex und ihren Angehörigen. Im Hinblick auf die fortschreitende Erkrankung sollten die Betroffenen in einer Patientenverfügung die Verfügungskompetenz und ihre spätere palliative Therapie gemeinsam mit dem Hausarzt regeln. Oft müssen sie das Autofahren aufgeben, weil es für sie zu schwierig wird, mehrere Aufgaben gleichzeitig auszuführen. Aber: «Man soll demente Personen in ihrer Selbstständigkeit unterstützen, denn jemand, der dement ist, hat oft noch viele gut erhaltene Fähigkeiten», stellt Stuck fest.Phase II: Hilfe unabdingbarWenn die Demenz weiter fortschreitet, sind die Erkrankten auf Hilfe im Alltag angewiesen. Aber sie stehen jedoch noch meist in gutem Kontakt mit ihrer Umwelt und erkennen ihre Angehörigen. Doch in dieser Zeit ist die Balance zwischen Selbstständigkeit und Versorgung nicht leicht zu finden. Nicht selten kommt es bei der häuslichen Betreuung zu akuten Krisen. Ein Sturz oder der Wegfall von Angehörigen kann dazu führen, dass der Verbleib zu Hause nicht mehr möglich ist. In diesen Situationen gilt es, zu entscheiden, ob die Betroffenen in ein geeignetes Heim umziehen müssen oder eine Behandlung im Spital notwendig ist. Manchmal kann ein Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik helfen und die Rückkehr nach Hause wieder ermöglichen. Oder ein Ferienbett in einem Heim kann die Angehörigen zeitweise entlasten. Für solche Entscheidungen ist fachliche Unterstützung erforderlich, beispielsweise durch den Hausarzt.Phase III: Totaler RückzugIn diesem letzten Abschnitt verschliessen sich die Betroffenen immer mehr in sich und erkennen oft die Angehörigen nicht mehr. Der Austausch mit der Umwelt ist stark eingeschränkt. «In dieser Phase ist es besonders wichtig», sagt Stuck, «dass die Würde der Betroffenen respektiert wird.» Bekleidung, Körperpflege oder respektvolle Zuwendung gehören dazu. Wichtig ist auch, dass die palliative Pflege eingeleitet ist, damit zum Beispiel bei einer Lungenentzündung Atemnot gelindert, aber auf lebensverlängernde Massnahmen verzichtet wird.

Berner Zeitung

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