Die Erde hat einen neuen Nachbarn

Nicht Venus oder Mars sind der Erde am nächsten, sondern ein ganz anderer Planet. Wie Astronomen zu diesem verblüffenden Ergebnis kommen.

Der Planet Merkur, hier in einer farblich bearbeiteten Aufnahme der Raumsonde Messenger, ist der Erde meist am nächsten. Bild: Keystone

Der Planet Merkur, hier in einer farblich bearbeiteten Aufnahme der Raumsonde Messenger, ist der Erde meist am nächsten. Bild: Keystone

Welcher ist der erdnächste Planet? Auf einen dieser beiden Himmelskörper werden die meisten Menschen tippen: Venus oder Mars. Die Erde kreist schliesslich auf ihrer Bahn um die Sonne zwischen den ellipsenförmigen Bahnen dieser beiden Planeten. Die Venus zirkuliert etwas näher an der Sonne, der Mars weiter entfernt. Wahlweise mit einem Lexikon oder zwei Mausklicks lässt sich schnell aufklären, wer der Erde dabei am nächsten kommt: Es ist die Venus.

Doch nun rechnen Astronomen in der Zeitschrift Physics Today vor, dass man die Sache ganz anders sehen sollte. Die Frage nach dem erdnächsten Planeten hängt nämlich von der Definition der «Nähe» ab: Ist tatsächlich der Planet gemeint, welcher der Erde gelegentlich am nächsten kommt? Die Astronomen argumentieren: Eigentlich sollte es um den Planeten gehen, dessen mittlerer Abstand zur Erde am kürzesten ist. Also jener Planet, auf den wir Menschen an den meisten Tagen deuten müssten, wenn es darum geht, welcher Planet soeben am nächsten ist. So gesehen fällt die Antwort verblüffend aus: Der erdnächste Planet ist Merkur. Ja, Merkur, jener obskure Zwerg, der ganz innen im Sonnensystem um unser Zentralgestirn kreist, so nah, dass Blei auf ihm schmelzen würde und die Schwerkraft der Sonne ihn fast zerreisst.

Venus ist viel öfter auf der anderen Seite der Sonne

Kann das sein? Nun, ein bisschen erinnert es an die Frage nach dem höchsten Berg der Welt. Klar, der Mount Everest, werden viele sagen. Doch auch hier hängt alles davon ab, wie man «Höhe» definiert. Der Everest ist lediglich vom Meeresspiegel aus gemessen die höchste Erhebung der Erde. Betrachtet man die Höhendifferenz zwischen Fuss und Gipfel, egal, ob der Fuss unter Wasser liegt, so übertrifft die 10'200 Meter hohe Flanke des Mauna Kea auf Hawaii den Koloss im Himalaja. Und definiert man Höhe als Abstand des Gipfels vom Erdmittelpunkt, so ist plötzlich die Spitze des Chimborazo in Ecuador der Rekordhalter. Letzteres liegt daran, dass die Erde keine Kugel ist, sondern wegen ihrer Rotation um den Äquator herum dicker ist als in höheren Breiten.

Für unser Planetensystem haben die Astronomen nun errechnet, dass Mars ebenso wie Venus und alle weiteren Planeten die meiste Zeit über weiter von der Erde entfernt sind als Merkur. Dessen durchschnittlicher Abstand zu uns entspricht ungefähr der Entfernung zur Sonne, gut 150 Millionen Kilometer. Venus kommt der Erde zwar gelegentlich auf 42 Millionen Kilometer nahe, aber viel öfter ist sie auf der anderen Seite der Sonne. Ihr durchschnittlicher Abstand zu uns beträgt stattliche 170 Millionen Kilometer, also mehr als die mittlere Distanz zu Merkur. Ähnliches gilt für den Mars.

Um die Sache nicht nur theoretisch zu behandeln, haben die Astronomen einen Computer die tatsächlichen Positionen aller Planeten während der vergangenen 10'000 Jahre durchkauen lassen. Es bestätigte sich, dass Merkur nicht nur der im Schnitt erdnächste Planet ist, sondern auch allen anderen Planeten des Sonnensystems am nächsten ist, bis hin zu Neptun. Heissen wir ihn also willkommen, Merkur, den bislang übersehenen, aber im Grunde treuesten und engsten Nachbarn der Erde.

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