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Der schwierige Kampf gegen die grünen Aliens

In Schweizer Wäldern machen sich zusehends gebietsfremde Pflanzen breit. Der Kampf gegen invasive Neophyten wie Staudenknöterich, Goldrute und Ambrosia erfordert Umsicht und Ausdauer. Die langfristigen Aussichten sind düster.

Stefan Flückiger, burgerlicher Forstmeister, mit Goldruten.
Stefan Flückiger, burgerlicher Forstmeister, mit Goldruten.
Andreas Staeger

Ein stahlblauer Himmel wölbt sich über dem Bremgartenwald. Fichten und Buchen leuchten üppig grün im Licht der milden Morgensonne. Besonders kräftige Akzente setzen die knallgelben Stauden der Goldrute an manchen Wegrändern. Stefan Flückiger geniesst das Feuerwerk der Farben, das sich an diesem Spätsommervormittag entfaltet. Der Forstmeister der Burgergemeinde Bern ist unterwegs im grössten Waldgebiet der Stadt Bern.

Auf einer Lichtung haben sich die Goldruten zu einem fast undurchdringlichen Gestrüpp verdichtet. Flückiger stellt sein Fahrzeug ab und schlägt sich zu Fuss durch das Dickicht. Dann zeigt er zufrieden auf eine kleine Linde, deren junger Wipfel knapp aus dem gelben Meer ragt. ­«Gewonnen!», erklärt er. Das Bäumlein werde in den nächsten Jahrzehnten ein stattliches Blätterdach entwickeln, das umliegenden Pflanzen das Licht entzieht – auch den Goldruten.

Biologische Migranten

Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die Kanadische Goldrute erstmals nach Europa eingeführt und vom 19. Jahrhundert an als Zierpflanze in Gärten eingesetzt. Von dort breitete sie sich zusehends auf Brachflächen, Waldschneisen und an Bachufern aus. Während sich in ihrer Heimat Nordamerika zahlreiche Insektenarten von ihr ernähren, hat sie in Europa kaum natürliche Feinde. Das verschafft ihr einen entscheidenden Vorteil gegenüber der einheimischen Konkurrenz. Aus diesem Grund wird sie als invasiver Neophyt klassifiziert und entsprechend bekämpft.

Neophyten sind Pflanzen aus fernen Gebieten, die sich seit 1500 durch menschliche Tätigkeiten hierzulande angesiedelt haben. Pflanzen, die im Rahmen der Klimaveränderung aus Nachbarländern zu uns vordringen, gelten hingegen nicht als Neophyten, ebenso wie Kartoffeln, Tomaten oder Kürbis, die zwar von weit her kommen, sich aber hier nicht ohne menschliche Pflege selbstständig halten ­könnten.

Pflanzliche Zombies

Zum Problem werden Neophyten, wenn sie sich mangels natürlicher Feinde und aufgrund cleverer Strategien ungehemmt ausbreiten. Dann gelten die grünen Aliens als invasiv. Zwar handelt es sich nur um wenige Pflanzenarten, doch wenn man sie frei gewähren liesse, würden sie gnadenlos ganze Landstriche überwuchern.

Textautor Andreas Staeger zum Thema Neophyten, also illegal eingewanderte Pflanzen, gegen die wir erfolglos kämpfen. Die Namen der Leute auf den Bildern liefere ich noch.
Textautor Andreas Staeger zum Thema Neophyten, also illegal eingewanderte Pflanzen, gegen die wir erfolglos kämpfen. Die Namen der Leute auf den Bildern liefere ich noch.
zvg/Wikipedia
Invasiver Alien Nr. 1: Ambrosia, Schrecken der Allergiker aus Nordamerika.
Invasiver Alien Nr. 1: Ambrosia, Schrecken der Allergiker aus Nordamerika.
zvg/Wikipedia
Der Ansturm des Japanknöterichs entwertet britische Grundstücke.
Der Ansturm des Japanknöterichs entwertet britische Grundstücke.
zvg
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Was das bedeutet, zeigt sich beispielsweise in einigen ­Gegenden Grossbritanniens. Der Japanische Staudenknöterich hat dort ausgedehnte Flächen monopolartig besiedelt: Wo er gedeiht, wächst kein anderes Kraut mehr – er verdrängt alle anderen Pflanzen radikal.

Die aus Japan stammende Knöterichart ist ein biologisches Erfolgsmodell ohnegleichen, denn die Stauden sind extrem schnellwüchsig. Und sie sind fast nicht zu töten: Wenn auch nur ein kleines Stück Stängel oder Wurzelspross auf fruchtbaren Boden fällt, wächst daraus sogleich ein neuer Spross. Nur jahrelange intensive Bekämpfung vermag diesem Pflanzenzombie den Garaus zu machen.

Weil die Bekämpfung langwierig und entsprechend teuer ist, kann der Japanknöterich britischen Immobilienbesitzern enorme Verluste eintragen: Wenn er auf einem Grundstück auftritt, dann wird dieses als praktisch wertlos eingestuft.

Von solchen Zuständen ist man in der Schweiz noch weit entfernt. Doch in verschiedenen Gegenden im Mittelland und im Tessin nehmen die Bestände an Japanischem Staudenknöterich auch hierzulande schleichend zu. Der Bundesrat hat deshalb im vergangenen Mai eine Strategie zum Umgang mit invasiven gebietsfremden Arten verabschiedet. Diese ist eingebunden in ein Paket für dringliche Massnahmen zur Erhaltung der biologischen Vielfalt. Für die Jahre 2017 bis 2020 werden dafür insgesamt 55 Millionen Franken bereitgestellt.

Sisyphusarbeit im Wald

Gifteinsatz ist in Schweizer Wäldern nicht erlaubt. Stattdessen wird auf mechanische Verfahren gesetzt, die zwar mühsam und aufwendig sind, aber langfristig trotzdem Erfolg versprechen. Wie das konkret funktioniert, zeigt sich unweit der Aare im nördlichen Teil des Bremgartenwalds. In der Drakau hat sich vor einigen Jahren der Japanknöterich breitgemacht. Weil es sich um ein Waldreservat handelt, ist hier eine Eindämmung mittels Aufforstung kein Thema. Gefragt ist vielmehr Handarbeit.

Zum Einsatz kommen derzeit Hans Hiltbrunner und Marco Bielisch. Die beiden Studenten leisten Zivildienst bei Stadtgrün Bern und rücken regelmässig zu Neophytenstandorten aus. Vorsichtig, aber entschieden reissen sie die kniehohen Knöterichstauden aus und stopfen sie in Kehrichtsäcke.

Kampf dem Japanknöterich: Zivildienstler Hans Hiltbrunner (links) und Marco Bielisch im Berner Bremgartenwald. Bild: Andreas Staeger
Kampf dem Japanknöterich: Zivildienstler Hans Hiltbrunner (links) und Marco Bielisch im Berner Bremgartenwald. Bild: Andreas Staeger

Wenn die beiden ihre Arbeit nach einem halben Tag beendet haben, dann sind auf der Lichtung nur noch Brennnesseln und andere einheimische Stauden zu sehen. Allerdings nicht für lange Zeit, denn innert weniger Tage treiben die unglaublich vitalen Knöterichwurzelsprosse erneut aus. Deshalb marschieren die Zivis während der Vegetationsperiode im Wochenturnus auf, um dem hartnäckigen Gewächs zu Leibe zu rücken.

Ist solche Sisyphusarbeit auf Dauer nicht demotivierend? Die beiden verneinen entschieden: «Das ist eine absolut sinnvolle Arbeit», erklärt Hiltbrunner, und Bielisch nickt zustimmend. Denn durch das konsequente Ausreissen werde das Knöterichwurzelgeflecht allmählich ausgehungert. Einen ersten Erfolg konnten die Zivildienstler bereits verzeichnen: Als die erste Equipe im Mai auf den Plan trat, füllte sie nicht weniger als neun grosse Kehrichtsäcke mit den ausgerissenen Stauden. Seither ist das Volumen kontinuierlich zurückgegangen – pro Einsatz stopfen Hiltbrunner und Bielisch jetzt noch zwei Säcke. Bis die Knöterichplage in der Drakau endgültig bezwungen ist, wird es aber noch Jahre dauern.

Mit Neophyten leben lernen

Die Ausmerzaktion an der Aare und an anderen Standorten im Gebiet der Stadt Bern ist ein erstes Ergebnis der Neophytenstrategie, die von den städtischen ­Behörden im vergangenen Juni eingeläutet worden ist. Die Stadtverwaltung hat dafür unter anderem eine Koordinationsstelle eingerichtet, die Einsätze von Freiwilligen zur Bekämpfung von Neophyten aufeinander abstimmen soll.

Angesprochen sind unter ­anderem Schulklassen. Ferner möchte die Stadt Privatpersonen für eine Art Patenschaft gewinnen. Der Götti bzw. die Gotte wählt dabei eine Grünfläche im Stadtgebiet aus und erklärt sich bereit, diese für einige Jahre von Neophyten freizu­halten.

Werden auf diese Weise harmlose Spaziergänger zu militanten Biobürgerwehren? Die Projektidee hat einen prekären Hintergrund: Damit Neophyten erfolgreich bekämpft werden können, braucht es erhebliche personelle Ressourcen. Und diese haben ihren Preis. Wäre es da nicht das Einfachste, wenn sich Förster und Forstwarte, die ja ohnehin in den Wäldern unterwegs sind, dieser Sache annähmen?

Stefan Flückiger winkt ab. Priorität hat für ihn die Pflege der rund 40 Quadratkilometer Wald, die von der Burgergemeinde Bern bewirtschaftet werden. Aufwendige ­Aktionen zur Ausmerzung von Neophyten lassen sich nicht aus der Waldbewirtschaftung finanzieren. Zudem würden sie dem Verursacherprinzip zuwiderlaufen. Neophyten im Wald seien nämlich, so Flückiger, in aller Regel «von wohlmeinenden Stadtmenschen ausgesetzt worden», die es nicht übers Herz brachten, ihre Gartenpflanze via Kehrichtabfuhr zu entsorgen.

«Wenn danach Samen von diesen Pflanzen aus dem Wald ausgetragen werden, liegt das nicht in unserer Verantwortung.» Das Ausbreitungspotenzial solcher Fluchthelferaktionen ist beträchtlich: Allein eine Sommerfliederstaude produziert bis zu drei Millionen Samen pro Jahr.

«Neophyten im Wald sind in aller Regel von wohlmeinenden Stadtmenschen ausgesetzt worden»

Stefan Flückiger, Forstmeister Burgergemeinde Bern

Von einer Bekämpfung mag Flückiger ohnehin nicht reden, denn das bedeute, Energie einzusetzen, um zu vernichten. «Wir bekämpfen im Wald nichts, sondern arbeiten mit denjenigen Pflanzen und Rahmenbedingungen, die jeweils vorliegen», erklärt er. Deshalb setzt er auf Lichtentzug dafür, Neophyten einzudämmen – das sei eine intelligente und nachhaltige Lösung. Es gibt allerdings Ausnahmen. So merzen seine Leute beispielsweise Henrys Geissblatt konsequent aus. Die aus China stammende Schlingpflanze ist ein richtiger Killer: Sie rankt sich um Bäume und vermag sie buchstäblich zu erwürgen.

Die forcierten Bemühungen der Stadt Bern zur Eindämmung der Neophyten begrüsst Flückiger. Allerdings gibt er zu bedenken, dass es nicht möglich sei, Pflanzen auszurotten, die sich wie die Goldrute über Samen ausbreiten. «Langfristig müssen wir uns auf eine Koexistenz einstellen», erklärt er. Schliesslich würden wir uns ja auch nicht fragen, wie wir den Klimawandel aus­rotten können, sondern müssten versuchen, seine Auswirkungen möglichst gering zu halten. Die Neophyten würden letztlich einen Territorialkrieg gegen andere, weniger konkurrenzstarke Pflanzenarten führen.

Analogie zur Migration?

Die martialische Terminologie erinnert manche Zeitgenossen an die Migrationsdebatte. Sabine Tschäppeler, Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie der Stadt Bern, bekommt diesen Vergleich jedenfalls seit Jahren immer wieder auf Führungen und Exkursionen zu hören. Man könne doch gegenüber Pflanzen nicht so rassistisch sein, heisst es dann.

Für die Biologin sind ökologische und soziale Prozesse nicht vergleichbar: «Invasive Neophyten beeinträchtigen unsere Biodiversität und gefährden damit beispielsweise die Bodenfruchtbarkeit oder das saubere Wasser.» Auf solche funktionierende ­Ökosystemleistungen seien wir Menschen angewiesen. Bei der Migration hingegen gehe es um gesellschaftliche Prozesse – sie verändere Kulturen und nicht Lebensgrundlagen.

Tschäppeler erklärt, warum die Stadt Bern der Neophyten-Eindämmung hohe Priorität beimisst. «Diese Pflanzen sind für uns ein Problem. Wenn sie auf Brachflächen wie zum Beispiel in der Warmbächlibrache auftreten, dann verdrängen sie innert kurzer Zeit alle anderen Pflanzen.» Die Artenvielfalt würde damit empfindlich beeinträchtigt. Biodiversität sei nicht einfach ein Wert an sich, sondern stelle eine Grundlage der menschlichen Kultur dar.

Von manchen Neophyten gehen zudem Gefahren für die menschliche Gesundheit aus. Tschäppeler erwähnt die Ambrosiapollen, die heftige allergische Reaktionen auslösen können, und den Saft des Riesenbärenklaus, der in Kombination mit Sonnenlicht starke Hautverbrennungen verursacht. Neophyten können zudem die Nahrungsmittelproduktion beeinträchtigen: In der Westschweiz gebe es bereits Ertragsrückgänge aufgrund von Ambrosiabefall.

Biomasse-Lieferanten

Wäre es da nicht naheliegend, den Spiess umzudrehen und die biologische Überlegenheit der pflanzlichen Invasoren auszunutzen? In der Drakau-Lichtung bückt sich Stefan Flückiger, zupft einen nur wenige Zentimeter hohen Japanknöterichtrieb vom Boden – und schiebt ihn sich in den Mund. «Schmeckt wie Rhabarber», erklärt er kauend. Die Pflanze lasse sich wie Spargel zubereiten.

Danach berichtet er von einer tschechischen Studie zur Abklärung der Chancen und der Risiken eines kommerziellen Knöterichanbaus. Bei der Produktion von Biomasse (etwa für Futtermittel oder als Basis von Biotreibstoff) erbringe diese Pflanze nämlich rekordverdächtige Spitzenleistungen. Ein gewichtiger Nachteil sei allerdings, dass man den ­Boden quasi totspritzen müsse, wenn man die Kultur wechseln wolle.

Trotzdem findet Flückiger, ein etwas anderer Blick auf die Neophyten könne nicht schaden. Er experimentiert deshalb damit, die in der Drakau eingesammelten Knöterichtriebe zu Pellets zu verarbeiten und in dieser Form als Brennstoff zu verwenden.

Man könnte auch versuchen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. In Grossbritannien werden versuchsweise japanische Blattflöhe gegen den invasiven Staudenknöterich eingesetzt. Es ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Vielleicht kommen die exotischen Insekten nämlich auf den Geschmack und wenden ihre Aufmerksamkeit plötzlich auch anderen Pflanzen zu.

Invasive Neophyten sind nur ein Teilaspekt einer globalen Problematik, die auch Land- und Wassertiere umfasst. Die Fachleute sprechen von Neobiota. Ein unrühmliches Beispiel dafür ist die Zebramuschel, die sich vom Schwarzen Meer her als blinder Schiffsrumpfpassagier ausgebreitet und in verschiedenen Schweizer Seen die einheimischen Muschelarten komplett verdrängt hat.

Grössten Respekt haben Forstfachleute vor dem Asiatischen Laubholzbock, der bereits im Kanton Freiburg und in der Region Winterthur fest­gestellt wurde: «Wenn er sich ­unkontrolliert ausbreitet, dann frisst er unsere Laubwälder tot», erklärt Stefan Flückiger.

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