Es braucht eine neue Landwirtschaft

Der Sonderbericht des Weltklimarats IPCC zu den Landökosystemen zeichnet ein düsteres Bild.

Viele Böden der Erde wurden bereits durch die intensive Landwirtschaft verwüstet. Foto: Nati Harnik (AP)

Viele Böden der Erde wurden bereits durch die intensive Landwirtschaft verwüstet. Foto: Nati Harnik (AP)

Martin Läubli@tagesanzeiger

Eigentlich wollten sie es alle sagen, aber getraut haben sie sich dann doch nicht. «Es braucht einen Kurswechsel in der globalen Land- und Forstwirtschaft.» Das hörte man gestern zwischen den Zeilen der Erklärungen der Wissenschaftler des Weltklimarates IPCC, die sich anlässlich des neuen Sonderberichtes in Genf den Medien stellten. Fordern aber darf der IPCC nicht, auch Empfehlungen gibt er nicht ab. In seinen Berichten gibt es nur Szenarien und Optionen.

Diesmal geht es um die Ökosysteme auf dem Land. Über hundert Forscher aus 52 Staaten studierten in den letzten zwei Jahren mehr als 7000 wissenschaftliche Studien: wie der Klimawandel auf die Böden und die Vegetation wirkt – und umgekehrt, wie der Mensch vor allem durch seine intensive Landwirtschaft und zerstörerische Abholzung die Klimabedingungen verändert und damit seinen Ernährer, die Natur, schwächt.

Ein Teufelskreis

Es ist der erste umfassende Bericht zu den Landökosystemen der Erde. Und in der Zusammenfassung zuhanden der Politik, welche der IPCC in den letzten Tagen im Konsens mit Regierungsdelegierten finalisierte, ist die Sprache eindeutig: Nichts tun macht alles nur noch schlimmer.

Der Grund: Klimawandel und Landnutzung bilden einen Teufelskreis. Die Nahrungsversorgung ist in vielen Regionen durch den Klimawandel bereits beeinträchtigt, anderseits sind die Zerstörung der Regenwälder und die intensive Landwirtschaft auch für einen grossen Teil der Treibhausgase verantwortlich. Die ­gesamte Nahrungsproduktionskette – inklusive Transport – trägt zwischen 21 und 37 Prozent zu den globalen Treibhausgasemissionen bei, die der Mensch verursacht.

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Die Folgen sind unübersehbar: Ungefähr ein Viertel der eisfreien Landoberfläche läuft Gefahr zu verwüsten oder ist teilweise schon zerstört durch die intensive Landwirtschaft und die wärmeren Temperaturen. «Der Klimawandel führt zu grossem Land­verlust, sei es in Form von Wüstenbildung, Bodenerosion, Verlust von Vegetation und Auftauen des Permafrosts», sagt Edouard Davin von der ETH Zürich, Leitautor des Berichts. Dürren und Starkniederschläge, so erwarten es die Klimaforscher, werden sich mit der globalen Erwärmung weiter häufen, Wassermangel und Wildfeuer werden Bauern unter anderem im Mittelmeerraum und in Afrika in ihrer Existenz bedrohen.

Unfruchtbare Gegenden

Seit den 1960er-Jahren hat sich die Landfläche, die bei Dürren austrocknet, pro Jahr um mehr als ein Prozent vergrössert. Etwa eine halbe Milliarde Menschen leben heute gemäss dem Sonderbericht in Regionen, die allmählich unfruchtbar werden – vor allem in Süd- und Ostasien, um die Sahara-Region, insbesondere in Nordafrika.

Diese Entwicklung gefährdet nicht nur die künftige globale Ernährungsversorgung, sondern schwächt auch die Landober­fläche als Emissionspuffer: ­Modelle zeigen, dass die Landökosysteme zwischen 2007 und 2016 knapp 30 Prozent der menschgemachten CO2-Emissionen aufnahmen.

Verheerende Verzögerung

Die Autoren beschreiben im Bericht ihre Idealvorstellung einer Gesellschaft, bei der das Risiko einer unsicheren Nahrungs­versorgung selbst bei einer Erderwärmung über zwei Grad moderat ist: langsames Bevölkerungswachstum, tiefer Fleischkonsum, ressourcenschonender Konsum, keine Verschwendung von Nahrungsmitteln, umweltschonende Technologie, regulierte Landnutzung und eine Nahrungsversorgung, die den Folgen des Klimawandels angepasst ist. Sprich: ein Kurswechsel in der Landwirtschaft.

«Mit der bisherigen Landober­fläche könnte man die Welt auch in Zukunft in einem wärmeren Klima ernähren und gleichzeitig Biomasse produzieren für erneuerbare Energie», sagt Hans-Otto Pörtner, Ko-Vorsitzender beim IPCC. Allerdings seien weitreichende Massnahmen unumgänglich, wie ein noch stärkerer Naturschutz, Aufforstungen und die Reparierung verwüsteter ­Böden.

Eine Verzögerung, die Treibhausgase zu reduzieren, liegt gemäss den Autoren nicht drin. «Wir haben keine Zeit zu verlieren, wir müssen heute damit ­beginnen», sagt auch Hans ­Rudolf Herren, Präsident der Schweizer Stiftung für ökologische Entwicklung. «Es ist wissenschaftlich erwiesen: Agrarökologie funktioniert. Die Lösungen sind da.»

Klimawandel schwächt Wald

Auch für Andreas Fischlin, ETH-Klimaforscher und IPCC-Vize-Vorsitzender, ist das nächste Jahrzehnt entscheidend. Eine weitere Verzögerung, die Treibhausgase ehrgeizig zu reduzieren, bringe die Ökosysteme aus dem Gleichgewicht, ist dem IPCC-Bericht zu entnehmen. Der Klimawandel schwächt zum Beispiel Ökosysteme wie Wälder. Dabei gelangt weiteres CO2 in die Atmosphäre und beschleunigt die Erderwärmung.

«Was das heisst, sehen wir aktuell in den riesigen Wäldern der westkanadischen Provinz British Columbia», sagt Fischlin. Dort ist das Winterklima durch den Klimawandel inzwischen so mild geworden, dass sich der Bergkiefernkäfer enorm ausbreiten kann und über die unter Trockenheit leidenden Kiefern herfällt. «Der Befall ist derart stark, dass sich an vielen Orten kaum noch dichter Wald etabliert», sagt Fischlin. Im Nadelwald gelangt so zehnmal mehr CO2 durch Insektenbefall in die Atmosphäre als durch die dort ebenfalls häufigen Waldbrände. «Einmal geschädigte Ökosysteme können kippen», sagt der ETH-Klima­forscher, «und sind ohne aggressiven Klimaschutz kaum mehr zu retten.»

Starke Emissionen

Die schnell wachsende Bevölkerung und der Appetit nach mehr Fleisch wirken sich auf die Grösse der Anbaufläche und die Intensivierung der Landwirtschaft aus. Das Angebot an pflanzlichen Ölen und Fleisch hat sich gemäss IPCC weltweit pro Kopf in den letzten 60 Jahren verdoppelt. Der Einsatz von künstlichem Stickstoffdünger ist um den Faktor 9 angestiegen. Die Land- und Forstwirtschaft ist ein starker Treibhausgasproduzent: Die Zerstörung tropischer Wälder und Moorlandschaften ist für die Produktion von Kohlendioxid (CO2) – rund 13 Prozent der globalen Gesamtemissionen – verantwortlich; von der Viehzucht und dem Reisanbau stammt Methan mit einem Anteil von 44 Prozent der globalen Produktion. Der Einsatz von Stickstoffdünger ist für 82 Prozent der globalen Produktion an Lachgas (N2O) verantwortlich.

Zeit gewinnen

«Wir müssen weg von einem klimaschädlichen industriellen System, das auf sehr hohen Inputs – Kunstdünger, Hybridsaatgut, künstliche Pestizide – basiert, hin zu einer ganzheitlichen ökologischen Landwirtschaft», sagt Hans Rudolf Herren. Für ihn sind die Erkenntnisse des IPCC-Berichts nicht Neues, sondern eine Bestätigung des Weltagrarberichtes, dem er 2008 als Ko-Vorsitzender vorstand. Die IPCC-Autoren des neuen Reports legen sich auf ihrer langen Liste von möglichen Massnahmen nicht auf eine bestimmte, nachhaltige Anbaumethode fest. Auch die Gentechnik gehört zu den Optionen.

Für den IPCC steht unter anderem im Zentrum, möglichst schnell das bekannte Wissen über nachhaltige Anbaumethoden in Entwicklungsländern weiterzugeben, um weitere Bodenzerstörung und Emissionen von Treibhausgasen zu verhindern. Sehr viel Wert legen sie auf das Monitoring von Landveränderungen und Frühwarnsys­temen für Extremereignisse. «Das gibt uns Zeit, um langfristig Aufforstungen und die Bodenbildung zu fördern», sagt ­Valérie Masson-Delmotte, Co-Chair beim IPCC.

Notwendige Aufforstungen

Je früher die Trendwende bei den Emissionen von Treibhausgasen erreicht wird, desto weniger ist man von Technologien und Methoden abhängig, die CO2 aus der Atmosphäre filtern. Dazu ­gehören etwa Aufforstungen, deren Holz zum Beispiel für die Strom- und Wärmeproduktion verwendet wird. Dabei muss das bei der Verbrennung pro­duzierte CO2 abgespalten und im Untergrund gespeichert werden. Die Krux ist: Je mehr zusätzliche Aufforstungen es braucht, desto ­weniger Land steht für die ­Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung. (lae)

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