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«Wer nicht bereit ist, hat verloren»

Für den ETH-Umweltökonomen Lucas Bretschger ist die Schweizer Klimapolitik zu kurzsichtig.

Strenge Emissionsgrenzwerte fördern nachhaltige Innovationen in der Industrie: Autofabrik in Vietnam. Foto: Yen Duong (Bloomberg)
Strenge Emissionsgrenzwerte fördern nachhaltige Innovationen in der Industrie: Autofabrik in Vietnam. Foto: Yen Duong (Bloomberg)

Wenn sich der Nationalrat zur nächsten Session trifft, wird er die Revision des CO2-Gesetzes debattieren. Es geht dabei um CO2-Abgaben und das Reduktionsziel für Treibhausgase. Sind hohe CO2-Preise ein Wachstums­killer?

Nein, die Wahrnehmung ist verzerrt. Das Problem ist: Kurzfristig werden vor allem die Kosten von höheren CO2-Preisen sichtbar. Die wirtschaftlichen Vorteile sind aber erst mit einer zeit­lichen Verzögerung erkennbar. Unsere Modelle für die Schweiz zeigen, dass eine stringente Klimapolitik das Wirtschaftswachstum langfristig nur sehr geringfügig beeinträchtigt.

Das heisst, wir könnten Abgaben für Treibstoffe ohne grosse Konsequenzen einführen?

Wir haben den Effekt der Treibstoffabgaben in Grossbritannien untersucht. Die Abgabe wurde dort von einer konservativen ­Regierung früh eingeführt und einige Jahre lang sukzessive erhöht. Die Konsequenz: Der Treibstoffverbrauch ist signifikant zurückgegangen, Einkommensniveau und Wachstum wurden praktisch nicht tangiert. Die Einnahmen werden zudem nicht an die Bevölkerung verteilt, sondern fliessen in die Staatskasse. Es ist also eine Steuer, keine Lenkungsabgabe mit Rückverteilung der Einnahmen.

In der Schweiz ist eine ­Preiserhöhung auf Treibstoffe nach wie vor tabu.

Abgaben haben den ökonomischen Vorteil, dass sich Firmen und Haushalte individuell anpassen können, was gesamtwirtschaftlich Kosten spart. Sie ­kommen aber vielerorts in der Schweiz nicht besonders gut an.

Lucas Bretschger ist Professor am Departement für Management, Technologie und Ökonomie der ETH Zürich. Foto: Reto Oeschger
Lucas Bretschger ist Professor am Departement für Management, Technologie und Ökonomie der ETH Zürich. Foto: Reto Oeschger

Welche Massnahmen haben politisch gute Chancen?

Verschärfte Standards wie etwa die EU-Emissiongrenzwerte für Autos von 95 Gramm CO2 pro Kilometer sind in unserem politischen System besser durchsetzbar, weil der Konsum nicht unmittelbar, sondern erst bei einer neuen Anschaffung betroffen ist. Strenge Standards fördern zudem die Innovationen und den Absatz zum Beispiel von Elektro­autos, weil ohne diese Technologie die politischen Vorgaben nicht erreicht werden.

Es ist also kein Zufall, dass Tesla aus Kalifornien kommt?

Überhaupt nicht. Kalifornien hat schon lange scharfe Umweltstandards gesetzt. Und man hat schon früh über Quoten für Elektroautos gesprochen.

Es gibt Stimmen, die Klimaschutz und ­Wirtschaftswachstum für unvereinbar halten.

Ich bin überzeugt, dass wir aus den fossilen Energien aussteigen können, ohne Einbussen beim Wohlstand zu erleiden. Aber es ist durchaus sinnvoll, die Definitionen von Wachstum und Wohlstand zu überdenken. Die Sichtweise ist heute zu stark auf die materielle Produktion ausgerichtet. Es fehlen im Wachstumsdenken der Umweltaspekt oder die Investitionen in die Bildung. Wichtig ist, dass wir die politischen Rahmenbedingungen so setzen, dass ein nachhaltiges Handeln der Gesellschaft insgesamt sichergestellt ist. Wir leben aber in einer freien Gesellschaft, alle müssen letztlich selbst entscheiden, wie viel Wachstum sie persönlich glücklich macht. Und damit meine ich nicht nur die Einkommen, sondern auch Wissen und Freizeit.

Trotzdem gibt es immer noch viele Unternehmen, die nicht an die Chance glauben, ohne grosse Einbussen aus den fossilen Energien auszusteigen, und darum politische ­Bewegungen torpedieren.

Das ist ein Fehler. Eine nachhaltige Zukunft verlangt nach mehr Wissen und Bildung in innovativen Bereichen, und mit diesem Know-how können Güter hergestellt werden, die weniger Energie und Ressourcen verbrauchen. Wir haben genügend Investitionsmittel in der Schweiz.

«Energiemultis spekulieren auf einen Misserfolg der globalen Klimapolitik.»

Die zu wenig genutzt werden.

Wir müssen der Industrie und der Bevölkerung die Perspektive vermitteln, dass sich Investi­tionen in Ressourceneffizienz lohnen. Viele Banken setzen inzwischen auf nachhaltige Investitionen. Ich bin überzeugt, dass klimaschonende Technologien an Wert gewinnen werden, ­während energieintensive und fossile Infrastrukturen vermehrt abgeschrieben werden müssen, weil der internationale Druck im Klimaschutz immer stärker wird.

Das sehen Energiemultis wie Exxon oder Chevron anders. Sie investieren immer noch Milliarden in die Suche nach neuen fossilen Quellen. Werden da falsche politische ­Signale ausgesendet?

Sie spekulieren auf einen Misserfolg der internationalen Klimapolitik. Und versuchen mit einer geschickten Kommunikationsstrategie, die Produktion fossiler Energie weiter erhalten zu ­können.

Ist denn das Pariser ­Klimaabkommen zum Scheitern verurteilt?

Das würde ich nicht sagen. Warten wir die nächsten zehn Jahre ab. Von der reinen Theorie her müsste ich pessimistisch sein, weil diese einen globalen CO2-Preis verordnen würde, um die fossile Energie uniform zu verteuern. Das ist politisch aber unrealistisch, weil die Nationen der internationalen Staatengemeinschaft bezüglich Politik, Wirtschaftsleistung und Gesellschaft sehr unterschiedlich sind. Der Pariser Klimavertrag beruht auf nationalen Klimaprogrammen, die den Staaten viel Handlungsspielraum geben. Das Abkommen ist ein ziemlich kleiner gemeinsamer Nenner, bildet aber die bestmögliche Grundlage unter realen Bedingungen. Daher bin ich auch optimistisch.

Das müssen sie erklären.

Das Abkommen hat mit dazu geführt, dass eine internationale Bewegung verstärkt wurde, nicht nur in der Politik, sondern vor allem auch in der Zivilgesellschaft und in einem Teil der Wirtschaft. Nachdem sich US-Präsident Trump gegen das Abkommen stellte, entstand in den USA eine Gegenbewegung mit Kalifornien und wichtigen Staaten der Ostküste. Kyoto-Protokoll und Pariser Abkommen sind wichtige Bestandteile einer Veränderung, ohne die sich Technologien wie Fotovoltaik, Windkraft oder ­Batterien kaum so schnell weiter entwickelt hätten. Die Kosten ­dafür sind rasant gesunken. Das hätte noch vor wenigen Jahren kaum jemand erwartet. Wenn es so weitergeht wird es hoch­riskant, weiterhin in fossile Energien zu investieren.

Aber Regierungen wie die von Brasilien und Australien halten wie auch die der USA wenig vom Klimaschutz. Der deutsche Ökonom Hans Werner Sinn ist der Meinung, Erdöl werde bis zum letzten Tropfen gefördert.

Das ist eine sehr pessimistische Sicht. Es ist absehbar, dass führende Staaten noch mehr Ernst machen mit den regenerativen Energien. Dazu gehört Europa, aber auch China. Der Umstieg ins postfossile Zeitalter kommt ohnehin, es stellt sich nur die Frage wann. Sicher ist: Wer dann nicht bereit ist, der hat verloren. Auch Entwicklungsländer sollten deshalb in die neuen Technologien investieren. Und die westliche Welt sollte nicht nur finan­ziell, sondern vor allem mit Know-how helfen. Zurückgebliebene können je länger je leichter mit Zöllen auf fossile und energieintensive Produkte belegt werden, was ihnen schaden wird.

Daraus schliesse ich, dass die Schweiz gut daran täte, ehrgeizigere Klimaziele als bisher zu setzen.

Das Problem ist unser Inlandziel. Es ist zu tief. Bis Ende Jahr sollten wir unsere Emissionen ge­genüber 1990 um 20 Prozent reduziert haben, bis 2030 wären es nochmals 10 Prozent. Das ist zu wenig ambitioniert.

Dafür sollen in den nächsten zehn Jahren 20 Prozent der Emissionen durch Projekte im Ausland gesenkt werden.

Die Politik versteht nicht, dass Klimaprojekte dort zwar günstiger sind, dafür aber weitaus weniger effektiv. In den Partner­ländern sind die Klimaziele nicht auf absolute Emissionen fixiert, die politischen Bedingungen erschweren die langfristige Verlässlichkeit. Mit international grösseren Anstrengungen wird sich der CO2-Preis auch im Ausland erhöhen. Zudem fehlt nach wie vor eine internationale Regelung, wie die Emissionsreduktionen angerechnet werden. Wichtige Sekundäreffekte durch ein starkes Inlandziel wie zusätzliche Investitionen und Inno­vationen sowie eine verbesserte Luftqualität werden mit allzu grossen Auslandzielen aus der Hand gegeben.

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