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Reden von US-Präsidenten werden immer simpler

George W. Bush sorgte mit seinen Äusserungen für manchen Lacher, Barack Obama gilt als brillanter Redner. Aber wer spricht wirklich klüger? Eine Analyse von 600 Reden seit 1789 gibt Aufschluss.

Wendet sich ein US-Präsident ans Volk, kann er sich meist der Aufmerksamkeit der ganzen Welt erfreuen. Es gilt einen möglichst gehaltvollen Inhalt intelligent zu präsentieren. Diesem Anspruch wurden die Präsidenten gerecht – zumindest zu Beginn der Geschichte der USA. Das legt eine Untersuchung des Internetmagazins «Vocativ» nahe.

Die Autoren analysierten mehr als 600 Reden von US-Präsidenten. Die ersten wurden schon von George Washington gehalten (im Amt von 1789 bis 1797), die letzten von Barack Obama. «Vocativ» untersuchte die Texte mit dem Flesch-Kincaid-Test, der das Leseverständnis misst. Es wurden auch Silben, Worte und Sätze gezählt. Schliesslich ordnete das Magazin die Texte auf einer Skala von 1 bis «höher als 21» ein. Sie drückt das Bildungsniveau aus, das nötig ist, um einen Text zu verstehen.

Kontinuierlich sinkendes Niveau

Das Textniveau wird so dargestellt auf einer Skala, die weitgehend den Altersstufen des US-Schulsystems entspricht. 10-jährige Kinder besuchen in der Regel die 5. Klasse (5th grade). Auf der «Vocativ»-Skala steht die 12 für das Niveau eines Highschool-Absolventen und die 15 für einen College-Abschluss. Um einen Text zu verstehen, der mit 21 oder höher bewertet wurde, sollte man besser ein Doktorat in der Tasche haben.

Die Auswertung der präsidialen Ansprachen zeigt, dass das Niveau im frühen 19. Jahrhundert mit einigen Ausnahmen sehr hoch war. Im Verlauf der Zeit sank es kontinuierlich. Die jüngsten analysierten Beispiele sind leicht höher bewertet als die simpelsten Reden, die offenbar in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren gehalten wurden. Damals regierten Ronald Reagan und George H. Bush im Weissen Haus.

Eine ähnliche Untersuchung des britischen «Guardian» ergab 2013 in etwa dasselbe Bild. Mit dem selben Flesch-Kincaid-Test untersuchte die Zeitung aber nur die «State of the Union»-Reden der Präsidenten, also die jährlichen Ansprachen zur Lage der Nation.

Verblödung und Demokratisierung

Wenn die Ansprachen von Präsidenten immer einfacher wurden, sollte daraus nicht eine Verblödung der US-Politiker abgeleitet werden, meint der ehemalige Redenschreiber Jeff Shesol gegenüber «Vocativ». Der Historiker, der im Dienste Bill Clintons gestanden hatte, sieht im Trend zu einfacheren Reden vielmehr eine Demokratisierung. «In den frühen Jahren der Republik konnten die Präsidenten annehmen, dass sie zu Männern sprachen, die ihnen ähnlich waren: Gebildete Landbesitzer mit Bürgersinn», erklärt Shesol. Nur sie hatten ein Wahlrecht. Als dieses später ausgeweitet wurde, richteten sich präsidiale Ansprachen an ein immer breiteres Publikum.

Shesol weist auch darauf hin, dass Präsidenten ihre Sprache situativ dem Publikum anpassen. In seiner Heimat Arkansas streute etwa Bill Clinton laufend Worte und Redewendungen ein, die nur in den Südstaaten geläufig sind und die er nie verwendet hätte, wenn er etwa zum aussenpolitischen Ausschuss des Parlaments sprach.

Heutige Reden auf «Indianer-Niveau»

Zum Verständnis der Reden der frühen Präsidenten George Washington und Thomas Jefferson ist heute gemäss der Analyse meist eine höhere Bildung nötig. Die Texte erhalten Bewertungen ab 15, einige sind mit 20 und höher eingestuft. Wandten sich die beiden an die Indianer, wählten sie eine bedeutend simplere Sprache. Die vier untersuchten Reden zu Eingeborenen wurden mit Werten zwischen rund 8 und 10 eingestuft. Das entspricht etwa dem mittleren Niveau, das moderne US-Präsidenten in den letzten Jahrzehnten meistens gewählt haben.

Zuletzt zieht «Vocativ» noch einen Vergleich zwischen George W. Bush und Barack Obama. Ihre Reden bewegen sich praktisch auf demselben Niveau, das etwa zwischen 7 und 11 liegt. Der oft als Dummkopf verschriene Bush steht dem als gewandter Redner gelobten Obama gemäss dieser Auswertung in nichts nach. Der Republikaner erhielt im Direktvergleich sogar die höchste Bewertung (11), während der Demokrat die einfachsten Worte an sein Publikum gerichtet hat (bei etwas über 6 eingestuft).

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