75000 Tonnen verstrahlter Abfall

Hintergrund

Der Rückbau des Atomkraftwerks Mühleberg ist eine Herkulesaufgabe und kostet weit mehr als eine halbe Milliarde Franken.

Rückbau: Das Kernkraftwerk Mühleberg.

Rückbau: Das Kernkraftwerk Mühleberg.

(Bild: Keystone Alessandro Della Bella)

15 Jahre wird sie dauern, glaubt man den Zahlen der Swissnuclear. Die Fachgruppe Kernenergie der Swisselectric, der Vereinigung der grossen Energiedienstleister Axpo, Alpiq und BKW, rechnet in dieser Zeit mit einem vollkommenen Rückbau des AKW Mühleberg – bis zur grünen Wiese, die ohne eine radioaktive Gefährdung wieder genutzt werden kann. Doch bis dorthin ist es ein langer Weg. «Die Schweiz betritt Neuland, es müssen erst Erfahrungen gesammelt werden», sagt Marianne Zünd vom Bundesamt für Energie. Die Planung müsse möglichst rasch an die Hand genommen werden.

Die Kostenstudien der Swissnuclear, in denen der Rückbau dokumentiert ist, stützen sich auf die Abrisserfahrungen in Deutschland. Mit der Abschaltung von Mühleberg 2019 beginnt die fünfjährige Phase des Nachbetriebs. In dieser Zeit werden die vorhandenen Brennelemente erst im eigenen Abklingbecken in Wasser gekühlt, bis sie die Temperatur für einen «trockenen» Transport ins Zwischenlager in Würenlingen (Zwilag) erreichen. Radioaktive Komponenten des Reaktors, wie zum Beispiel Steuerelemente im Reaktordruckbehälter und Messlanzen, werden in einem separaten Wasserbecken zerlegt. Der Reaktorabfall wird ebenso im Zwilag zwischengelagert. Das Atomkraftwerk ist erst nach Abschluss dieser Phase endgültig ausser Betrieb.

Sofortiger Rückbau

Sobald der Bund das Stilllegungsgesuch der Betreiberin BKW genehmigt hat, beginnt der eigentliche Rückbau. Es wird laut Swissnuclear sofort damit begonnen. Das Kernenergiegesetz sieht auch die Variante eines späteren Rückbaus vor, wenn die Sicherheit der Anlage längerfristig garantiert werden kann. Das soll zum Beispiel teilweise beim Abriss des AKW Lubmin im deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern geschehen. Für das Reaktorgebäude sei ein Antrag bei den Behörden gestellt worden, damit dieses bestehen bleibe, sagt Marlies Philipp von den Energiewerken Nord, die für den Rückbau des AKW verantwortlich sind. «Wir schätzen, dass nach 30 bis 50 Jahren ein Abriss dieses Gebäudes um ein Vielfaches einfacher und kostengünstiger wird, weil dann nicht mehr so viel Dekontaminierungsarbeit anfällt», sagt die Werkstoffingenieurin.

In Mühleberg ist das nicht vorgesehen. 125'000 Tonnen Material sollen laut Schätzungen innert zehn Jahren entsorgt werden, darunter schätzungsweise 115'000 Tonnen Beton mit Armierung, der Rest sind Stahlkomponenten und elektrische Ausrüstungen. Rund 47'000 Tonnen Material kann auf konventionellem Weg in einer Deponie entsorgt werden. Der Rest, etwa 78'000 Tonnen Beton und Metalle, wurde radioaktiv verstrahlt oder aktiviert. Letzteres heisst: Freie Neutronen, welche im Reaktor für die Kernspaltung verantwortlich sind, können Bestandteile, zum Beispiel in Metallen des Reaktordruckbehälters oder im Beton des Schutzschildes um den Reaktor, in radioaktive Substanzen verwandeln.

3000 Tonnen Sonderabfall

Im Gegensatz zu den kontaminierten Bauteilen, deren staubige radioaktive Ablagerungen mithilfe von Stahlkies-strahlern oder Hochdruck-Wasserstrahlung gereinigt werden können, lassen sich aktivierte Substanzen nicht dekontaminieren. So geht die Swisselectric davon aus, dass etwa 75'000 Tonnen verstrahltes Material in Mühleberg gesäubert und konventionell entsorgt werden kann. Rund 3000 Tonnen Bauteile, darunter Einbauten des Reaktordruckbehälters und Beton des Schutzschilds, müssen zwischengelagert und schliesslich in einem Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle eingebunkert werden.

Ein Atomkraftwerk wird grundsätzlich von innen nach aussen abgerissen. Dadurch bleibt der äusserste Sicherheitsbehälter so lang wie nötig intakt und verhindert eine Freisetzung von radioaktiven Stoffen in die Umgebung. Das Risiko einer Verstrahlung ist beim Rückbau im Vergleich zum Nachbetrieb um ein Vielfaches geringer. «Sind einmal die Brennstoffe aus dem Atomkraftwerk entfernt, nimmt die Radioaktivität in den restlichen Materialien massiv ab. Sie ist bis zu einem Faktor 1000 geringer», sagt Harald Maxeiner, von der Nagra, der nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle. Das Rückbaukonzept in der Schweiz sieht vor, alle Reaktoren zu zerschneiden und abzupacken. Im Gegensatz zum AKW Lubmin, dessen Reaktor en bloc für 20 Jahre zwischengelagert wird.

Swissnuclear rechnet heute mit Kosten von 319 Millionen Franken für die Nachbetriebsphase und 487 Millionen für die Stilllegung. Gegenüber Schätzungen aus dem Jahr 2006 sind die Ausgaben um 28 bzw. 11 Prozent gestiegen. Zudem stellt sich die Frage, ob für den Rückbau genügend Fachkräfte vorhanden sein werden. Die Swisselectric sieht hier kein Problem. Der Rückbaumarkt wachse kontinuierlich, und wenn es nötig sei, werde auf das Know-how ausländischer Spezialisten zurückgegriffen.

Tages-Anzeiger

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