«Nach 50 Jahren wird ein Abriss der Reaktorgebäude einfacher»

Interview

Was passiert eigentlich nach dem Mühleberg-Aus? Der grösste AKW-Rückbau Deutschlands findet in Greifswald statt. Ingenieurin Marlies Philipp erklärt den Abbau und sagt, was die Knacknuss war.

  • loading indicator
Matthias Chapman@matthiaschapman

Frau Philipp, wann weiden wieder Kühe auf der Lubmin-Weide, wo jetzt noch die stillgelegten Reaktorgebäude stehen? Nach unseren Vorstellungen wird das nie der Fall sein. Aber nicht, weil es von der Strahlenbelastung nicht möglich wäre, sondern weil wir glauben, dass die meisten Gebäude weiter genutzt werden können, sei das für Gewerbebetriebe oder einen Technologiepark.

Das heisst, der Standort des AKW Lubmin wird nicht total rückgebaut? Für das Reaktorgebäude haben wir einen Antrag bei den Behörden gestellt, dass wir dieses stehen lassen können. Damit das weiter abklingt. Wir schätzen, dass nach 30 bis 50 Jahren ein Abriss dieses Gebäudes um ein Vielfaches einfacher wird, weil dann nicht mehr so viel Dekontaminierungsarbeit anfällt.

Sie sind seit 1995 am Rückbau. Warum nicht gleich auch noch die Reaktorgebäude rückbauen? Das ist eine Frage von Aufwand und Geld. Diese Gebäude rückzubauen, ist ein immenser Aufwand, rein schon vom Volumen her, das es zu bewältigen gibt.

Was haben Sie denn bis jetzt gemacht? Wir haben alle Anlagen ausgebaut, respektive rechnen damit, die wesentlichen Abbautätigkeiten bis in spätestens zwei Jahren beendet zu haben.

Sie sprechen von neuem Raum für Gewerbebetriebe oder einem Technologiepark. Wer will denn neben einem abklingenden Reaktorgebäude arbeiten? Ausserhalb des Reaktorgebäudes gibt es keine Strahlenbelastung. Das Abklingen findet im Inneren statt.

Wo waren denn die Knacknüsse beim Rückbau? Eine der grössten technischen Herausforderungen war sicher der Rückbau des Reaktors. Wobei wir uns entschieden haben, die Reaktordruckgefässe als Ganzes auszubauen und im Zwischenlager abzulegen. Zerlegt wurden die Reaktoreinbauten wie zum Beispiel der sogenannte Kassettenkorb, wo die Brennstäbe drinsteckten.

Was war genau das Schwierige am Rückbau des Reaktors? Nur schon das Gewicht von 260 Tonnen machte uns zu schaffen. Wir haben zwar einen Kran, der das rausheben und in einen Castor versorgen konnte. Der Kran wurde natürlich fernbedient hinter einer dicken Abschirmung. Für den Abtransport mussten wir dann aber eine externe Firma beiziehen. Schwierig gemacht hat diese Arbeit die hohe Strahlenbelastung. Denn neben den Brennelementen ist der Reaktor am meisten belastet.

Warum werden die Reaktoren nicht zerlegt? Die werden im Zwischenlager nochmals 20 Jahren liegen gelassen, damit sie weiter abklingen können und dann im Vergleich zu heute vielleicht noch 1 Tausendstel der Radioaktivität aufweisen. Erst dann werden sie zerlegt respektive in Stücke zersägt. Das macht man allerdings nicht überall gleich. Zum Beispiel beim KKW Obrigheim wird das Reaktordruckgefäss bereits jetzt zersägt. Dort sind Leute von uns am Werk. Das geschieht teilweise unter Wasser und wird ferngesteuert.

Warum wird das nicht überall gleich gemacht? Obrigheim hat kein so grosses Zwischenlanger, wie wir das haben. Und Obrigheim soll wieder grüne Wiese werden.

Sie verkaufen also Ihr erworbenes Know-how? Ja, wir haben eine Abteilung, die unser Wissen zu vermarkten versucht. Das gelingt uns ganz gut, wir sind an einigen Projekten in Deutschland beteiligt. Und dies nicht nur beratend, unsere Leute legen auch konkret Hand an.

Haben Sie auch Kontakte in die Schweiz? Nein, bis jetzt nicht.

Wie viel Arbeit wirft so ein Rückbau überhaupt ab? Wir haben 1995 den Rückbau mit 1500 Leuten begonnen. Das war nach mehreren Entlassungswellen, denn wir hatten das Werk mit 5000 Leuten betrieben. Heute sind es noch gut 800. Praktisch alle von ihnen haben früher auch hier gearbeitet, als das AKW noch in Betrieb war. Das sind ja die Leute, welche die Reaktoren «gefahren» respektive Revisionen und Instandhaltungsarbeiten durchgeführt haben.

Sie planen, bis in zwei Jahren die Rückbauarbeiten abzuschliessen. Wird das restliche Personal dann auf die Strasse gestellt? Es wird sicher nochmals zu einem Abbau kommen. Aber weil wir ja an diesem Standort auch ein Zwischenlager betreiben, werden sicher mehrere Hundert noch weiterbeschäftigt. Da gibt es noch jede Menge zu tun.

Haben Sie beim Rückbau Lehren gezogen? Etwas, das Sie heute anders machen würden? Unsere Philosophie ist, möglichst grosse Teile auszubauen und in unser Zwischenlager zu schaffen, um dort weiterhin an der Dekontaminierung zu arbeiten. Wir glauben, dass dies der richtige Weg ist, es schaffte uns den Platz, den wir zum weiteren Rückbau brauchten. Wir sehen aber auch, dass der Rückbau von anderen KKW anders vonstattengeht.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt