Der innovative Vordenker

Unternehmer und ETH-Professor Anton Gunzinger beschäftigte sich mit dem Weg der Schweiz ins postfossile Zeitalter – und ist enttäuscht, wie das Land der globalen Entwicklung hinterherhinkt.

«Wir haben unseren Job nicht gemacht»: Anton Gunzinger. Foto: Thomas Egli

«Wir haben unseren Job nicht gemacht»: Anton Gunzinger. Foto: Thomas Egli

Martin Läubli@tagesanzeiger

Fast könnte man sagen, er ist wieder zurück. Anton Gunzinger, Unternehmer, ETH-Professor, Visionär. «Ich habe eine Pause gebraucht», sagt er.

Vor sechs Jahren machte er Schlagzeilen, als er vorrechnete, wie die Schweiz nur mit erneuerbarer Energie, ohne Kernenergie, eine autarke Energieversorgung aufbauen könnte. Zwei Jahre später, 2015, erschien sein Buch «Kraftwerk Schweiz», in dem er anschaulich schildert, wie die Schweiz alle Voraussetzungen hätte, um bereits 2035 das fossile Zeitalter zu verlassen.

Gunzingers Name war in aller Munde. Er trat auf Podien auf, mit Politikern und Wissenschaftlern. «Ich hielt bis zu vier Vorträge pro Woche», sagt der 61-jährige promovierte Elektroingenieur. Es war sein persönlicher Kampf. Bis zur Energieabstimmung im Frühling 2017. Es hatte sich gelohnt. Die Bevölkerung sagte Ja zur Energiestrategie 2050 und Nein zu neuen Atomkraftwerken.

«Alles geht viel zu schleppend»

Zwei Jahre sind seit der Volksabstimmung vergangen. Nun sitzt er in einem seiner Sitzungsräume seiner Firma ­Supercomputing Systems im Technopark in Zürich. Nach einem Rundgang durch die Büros des Unternehmens. Mehr als 130 Mitarbeitende entwickeln hier Computerprogramme und Hardware – für den Bahnverkehr, die Autoindustrie, für Energiedienstleister oder die Medizinbranche. Auch in der Entwicklung intelligenter Stromnetze, sogenannter Smart Grids, welche die Elektrizität effizienter verteilen, ist Gunzingers Unternehmen vorne dabei. Der Chef erklärt jedes Projekt, als wäre er selbst wie einst als junger Firmengründer mit dabei.

Aber das ist ihm in diesem Moment nicht so wichtig. Gunzinger hat nichts von seinem Elan verloren, sich für «die Zukunft einer erfolgreichen Schweiz» einzusetzen. Er erzählt in einem Fluss, setzt ab und zu eine rhetorische Frage, kann sich aufregen. «Auch nach der Abstimmung geht in der Schweiz alles viel zu schleppend», sagt er.

Wie vor der Energieabstimmung ist es auch diesmal die gleiche Botschaft: «Wir haben unseren Job nicht gemacht.» Gunzinger macht im Grunde eine einfache Rechnung. Er nimmt die neusten Zahlen zur globalen Stromerzeugung. «Im nächsten Jahr werden wir gleich viel Strom aus erneuerbaren Energiequellen produzieren wie aus der Kernenergie», sagt er.

Mit Fotovoltaik lässt sich nach Gunzinger Atomstrom ersetzen. Foto: Keystone

Im Jahr 2017 stammten global 2000 Terawattstunden Strom von Wind und Sonne. «In der Schweiz lebt etwa 1 Promille der Weltbevölkerung, unser Land generiert 1 Prozent des Weltinlandproduktes, also sollten wir doch auch 1 Prozent der neuen erneuerbaren Energie produzieren können», sagt der Visionär. Das wären 20 Terawattstunden pro Jahr, gleich viel Energie, wie 2017 alle Schweizer AKW zusammen produziert haben.

Schweizer Stromproduzenten bringen es jedoch nur auf die Hälfte, wenn die Stromproduktion im Inland und im Ausland zusammengezählt wird. Das nervt den Unternehmer. «Wir laufen der weltweiten Entwicklung der neuen erneuerbaren Energie hintennach», sagt er und erinnert sich an seine Schulzeit. «Wir haben doch in der Schule gelernt, dass wir Schweizer besser sein sollten als der Durchschnitt.»

Zielstrebig und preisgekrönt

Diese Maxime zieht sich wie ein roter Faden durch seine Berufskarriere. Anton Gunzinger ist in einem kleinen Dorf im Kanton Solothurn aufgewachsen, in Welschenrohr. Als er sich in den 1980er-Jahren an der ETH Zürich zum Elektroingenieur ausbilden lässt, hat er bereits eine Lehre als Elektroniker hinter sich. Für seine Dissertation beschäftigt er sich mit Bildverarbeitungsrechnern. Für diese Arbeit erhält er verschiedene Auszeichnungen. 1989 wird er mit dem De-Vigier-Preis für die Gründung eines Unternehmens ausgezeichnet.

Berühmt wird Gunzinger zusammen mit seinem Team in den 1990er-Jahren mit der Entwicklung von Supercomputern an der ETH Zürich. Ihr Rechnersystem belegte 1992 im Final der Weltmeisterschaft der schnellsten Rechner hinter Intel den zweiten Rang. Die jungen Entwickler liessen Grössen wie IBM und Cray hinter sich. Das «Time Magazine» hat Gunzinger darauf als einen der 100 kommenden Leader ausgewählt. Ein Jahr später gründete er seine Firma.

Batterien billiger als erwartet

Seine teilweise radikalen Überlegungen kommen nicht überall gut an. Kritiker monieren, Gunzinger solle gefälligst bei den Supercomputern bleiben und sich nicht mit Stromnetzen beschäftigen. Doch das ist längstens vorbei, seit seine Firma begann, Stromnetz und Stromversorgung zu simulieren und dabei erkannte, dass eine Versorgung nur mit erneuerbarer Energie gelingen kann. «Seither treibt mich um, wie wir eine Zukunft ohne fossile Energie bauen können.»

Vor wenigen Jahren spielte im Schweizer Energiekonzept à la Gunzinger Windenergie eine grosse Rolle. «Wind scheint politisch ein Ding der Unmöglichkeit zu sein», sagt er heute. Was er nicht fassen kann. Österreich zum Beispiel habe bereits 1800 Windanlagen – und sei der Schweiz topografisch ähnlich. Die Fotovoltaik könne das aber zusammen mit Energie aus Biomasse wie Holz kompensieren. Entscheidend ist für ihn die Entwicklung der Batterien, die in einem Stromnetz mit unterschiedlichem Angebot von Wind und Sonne und schwankender Nachfrage für die Stabilität verantwortlich sind.

«Heute kostet in China eine Kilowattstunde 100 Franken.»

Gunzinger ist überzeugt, dass sich die Kosten dafür in den nächsten Jahren halbieren werden. «Ich bin schon bei der Preisentwicklung von Batterien für Elektroautos überrumpelt worden», sagt er. Er sei davon ausgegangen, dass 2022 die Herstellung einer Batterie pro Kilowattstunde Strom 300 Franken kosten werde. «Heute kostet in China eine Kilowattstunde 100 Franken.»

Das globale Wachstum an erneuerbarer Energie in den letzten Jahren hat Gunzinger beeindruckt. Überrascht haben ihn dann seine Schätzungen: Ginge es mit der Entwicklung weiter wie bisher, die Welt könnte sich bereits 2035 komplett mit erneuerbarer Energie versorgen. Doch Gunzinger relativiert. «Natürlich sind das Berechnungen für den besten Fall, aber sie zeigen, wir könnten und müssten in der Schweiz schon heute viel weiter sein.»

Schon denkt er weiter – und fragt: «Welche Veränderungen kommen bei dieser Entwicklung auf uns zu?» Die Antwort gibt er selber: Die Investitionen in fossile Energie, rund 6000 Milliarden Dollar pro Jahr, würden wertlos. Es würde nur noch elektrisch Auto gefahren, die Unterhaltskosten halbierten sich für diese Mobilität. Die europäische und amerikanische Autoindustrie seien aber bisher schlecht darauf vorbereitet. Mit der Strategie «erneuerbar» würden aber auch global etwa 100 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz in der fossilen Energiebranche verlieren. «Dafür profitieren die Industrienationen, wo die Energie-Infrastruktur ausgebaut würde», sagt der Unternehmer.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt