Wo kann ich dieses «Ether» kaufen?

Sie sollen nicht weniger als das Internet revolutionieren. Blockchains sind kleine, intelligente Programme. Gerade die Musikindustrie hofft, durch sie endlich wieder Geld zu verdienen. Nur: Wie geht das?

Kryptowährungen sind im Trend - hier am Beispiel von Bitcoin.

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Der Gürbetaler Toni Caradonna hat den weltweit ersten Film produziert, der vollständig mit der Onlinewährung Ether finanziert wurde. So will er zeigen, dass es die grossen Geldgeber nicht mehr braucht. Heute feiert «The Pitts Circus» Premiere in Hollywood. Doch woher kommt dieses Ether genau und worum handelt es sich überhaupt?

1. Was heisst Blockchain?
Blockchains sind intelligente Programme im Internet. Ihre Dateien führen in sich selbst ein Protokoll, auf dem ersichtlich ist, wie die Datei genutzt wird. Zentral ist das Versprechen, dass sich Blockchains wegen dieser Transparenz nicht manipulieren lassen. Experten erhoffen sich ein «Internet der Werte».

2. «Internet der Werte»?

Das Internet hat zwei grosse Probleme: die mühelose Kopie von Information und der Mangel an Vertrauen. Weil sich etwa eine Musikdatei kostenlos vervielfältigen lässt, ist der Wert von Musik ins Bodenlose gefallen. Darunter leiden die Musikindustrie und die Künstler. Das Vertrauen fehlt etwa bei Zahlungen übers Internet. Transaktionen sind manipulierbar.

3. Und was hält dem die Blockchain-Technologie entgegen?

Blockchains sind dezentrale Netzwerke. Das heisst: Das System hat keine Kontrollinstanz (wie ein Staat oder eine Firma), sondern besteht aus unabhängigen, verbundenen Computern, die die Protokolle der Blockchain-Dateien abgleichen. Die Blockchain-Technologie gilt deshalb als basisdemokratisch.

4. Hm, ich verstehe nur Bahnhof.

Ein anschauliches Beispiel ist ein Wikipedia-Artikel, der sich theoretisch von jedem Menschen verändern lässt. Jede Änderung wird in einem Protokoll festgehalten. Das Protokoll zeigt, wie ein Artikel verändert wurde. Die Geschichte des Artikels ist deshalb jederzeit transparent, das führt im Idealfall zu einer hohen Qualität des Artikels.

5. Was können Blockchains heute?

Vieles ist noch Zukunftsmusik. Heute bietet die Blockchain-Technologie bereits die Grund­lage von Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum.

6. Ah, Kryptowährungen. Was?

Kryptowährungen sind Währungen ohne Noten und Münzen, die es nur im Internet gibt. Die Algorithmen hinter Bitcoin oder ­Ethereum machen die Nationalbank, die herkömmliche Währungen herausgibt, überflüssig. Sie entziehen die Währung der Kontrolle von Regierungen. Und sie umgehen bei Überweisungen das Bankensystem, das mit den Finanzkrisen Vertrauen verspielt hat. Trotz aller Transparenz der Blockchains: Die Überweisungen sind anonym – das System ist deshalb auch für Kriminelle interessant: So kann zum Beispiel ein Lösegelderpresser nicht über die Transaktion verfolgt werden. Gesetzliche Regulationen gibt es noch kaum.

7. Was ist Ethereum?

Ethereum ist eine eigene, programmierbare Blockchain, die 2013 vom 23-jährigen Russen Vitalik Buterin erstellt wurde. Ether (kurz ETH) ist die systemeigene Kryptowährung. Ethereum ist ein System von Smart Contracts – intelligente Verträge, die man bei der Nutzung automatisch eingeht. In diesen intelligenten Verträgen stehen die Bedingungen, unter welchen eine Geldüberweisung ausgelöst wird. Weil alles automatisch abläuft, sind die Verträge zwingend gültig. Das gibt Rechtssicherheit. Für Schweizer tönt das selbstverständlich, für die meisten Gegenden der Welt versprechen Smart Contracts aber eine revolutionäre Verbesserung.

8. Wo kann ich dieses Ether kaufen?

1 Ether kostet derzeit rund 315 Franken. Einen Wechselkurs gibt es, weil Kryptowährungen auch an den Börsen gehandelt werden. Sie sind Spekulationsobjekte mit grossen Kursschwankungen. Manche befürchten in den Kryptowährungen die nächste Wirtschaftsblase. Kaufen kann man sie online, etwa bei Bity.com.

9. Wie profitiert die Kultur von Blockchains?

Noch kaum. Die Musikindustrie tüftelt an Dateiformaten, in denen etwa Urheberrechte festgeschrieben sind und die mit intelligenten Verträgen versehen sind. Würde ein Musikstück übers Internet abgerufen, würde der intelligente Vertrag die Überweisung eines kleinen Betrags an den Musiker auslösen. Alles, was konsumiert wird, erhält so einen Wert.

10. Wie funktioniert die Finanzierung des Films «The Pitts Circus», den Toni Caradonna produziert hat?

Toni Caradonna hat den Film auf die Plattform Ethereum gestellt, die sich – neben vielen anderen Anwendungsmöglichkeiten – wie eine Crowdfunding-Plattform à la Wemakeit nutzen lässt. Beim Crowdfunding kann jeder, der an die Qualität und den Erfolg eines Projekts glaubt, einen Unterstützungsbeitrag leisten und erhält dafür eine Gegenleistung. Bei Caradonnas Filmprojekt war die Gegenleistung das Eintrittsticket fürs Kino. Das Ziel war, 50 000 Franken zusammenzubekommen. Das lief so erfolgreich, dass heute der Marktwert des Films 2 Millionen Dollar beträgt. 3577 Personen haben ein oder mehrere Tickets gekauft. Das Ticket ermöglicht die Onlinekonsumation des Films, nicht aber einen Kinobesuch.

11. Ist Toni Caradonna jetzt reich?

Nein. Caradonna selbst ist nur der Produzent des Films. Er ist angestellt und hat bisher keinen Lohn erhalten, weil die Filmauswertung noch nicht umgesetzt ist. Der Film hat nur theoretisch einen Wert von 2 Millionen. Es ist wie bei den Aktien: Wenn jemand aufs Mal alle Anteile verkauft, fällt der Wert in sich zusammen.

12. Wann kommt der Film bei uns ins Kino?

«Hoffentlich bald», sagt Caradonna. Zuerst wird der Film an Festivals gezeigt – bis jetzt mit Erfolg. Vom Erfolg an den Festivals hängt vieles ab: Nun wird sich zeigen, ob sich Kinoverleiher für den Film interessieren. Und zuletzt muss das Team einen Schweizer Verleiher finden, «der zum Film passt», wie Caradonna sagt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.11.2017, 15:01 Uhr

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