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Neue TransferstrategieWo bekommen wir jetzt die 70 Millionen her?

Corona macht erfinderisch: Wie Barcelona und Juventus Turin auch im ausgetrockneten Transfermarkt Wege finden, um die Regeln des Financial Fairplay nicht zu verletzen.

Ist endlich einverstanden: Arthur Melo wechselt von Barcelona zu Juventus Turin.
Ist endlich einverstanden: Arthur Melo wechselt von Barcelona zu Juventus Turin.
EPA/Miguel Ruiz

Erstaunlich wirkt er schon, dieser Deal. Dass Fussballer getauscht werden, ist ohnehin nicht sehr üblich, dazu haben die beiden in diesem Fall eine nahezu identische Spielweise – und ähnliche Probleme. Dennoch geht Barcelonas Mittelfeldspieler Arthur zu Juventus Turin, der italienische Serienmeister schickt im Gegenzug Miralem Pjanic nach Katalonien.

Offenbar wollten die beiden Clubs diesen Tausch so dringend, dass Juve dem Vernehmen nach Arthur das dreifache Gehalt zahlen muss, das er in Barcelona erhielt. Ja, Pjanic rennt etwas mehr als Arthur, gewinnt mehr Zweikämpfe und ist torgefährlicher. Und ja, Arthur wird ein unheimliches Potenzial nachgesagt, ist dazu sechseinhalb Jahre jünger. Aber die Wahrheit ist: Die sportliche Sicht interessiert eigentlich keinen der beiden Clubs. Es geht nur um die Buchhaltung.

Vor allem geht es in Barcelona um eine zentrale Summe: 70 Millionen Euro. So viel fehlte Barça offenbar noch, um die budgetierte Summe für Spielerverkäufe des per 30. Juni ausgelaufenen Geschäftsjahres zu erreichen. Für den Verein, der erstmals ein Gesamtbudget von über einer Milliarde hatte, ist es gerade zu Corona-Zeiten essenziell, diese Richtlinie einzuhalten. Ansonsten drohen den Katalanen Schwierigkeiten, das Financial Fairplay der Uefa einzuhalten. Und, so heisst es in italienischen Medien, auch Juventus hätte grosses Interesse daran gehabt, die Habenseite der Buchhaltung aufzupolieren. Wie viel Geld dort fehlt, ist aber nicht öffentlich bekannt. Also tauschten die beiden Teams ihre Passmaschinen – und erzielten dabei einen Millionengewinn.

Enttäuschung ersetzt Enttäuschung

Arthur wechselte im Sommer 2018 für rund 31 Millionen Euro von Grêmio Porto Alegre nach Barcelona. Der Brasilianer kam als Copa-Libertadores-Sieger (das südamerikanische Pendant zur Champions League) und vor allem mit den Vorschusslorbeeren, eine Mischung der Vereinslegenden Xavi Hernández und Andrés Iniesta zu sein. Seine Passsicherheit und vor allem die Art und Weise, wie er den Ball vor dem Gegner abschirmen konnte, liessen dann auch im Dress der Blaugrana schnell einmal an Xavis Spielstil erinnern.

Sogar Lionel Messi, also quasi mittlerweile die höchstmögliche Instanz in Katalonien, verglich die beiden. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis Arthur etwas mutiger werde und seine Pässe mit etwas mehr Risiko spielen würde. Nur: Auch knapp zwei Jahre später ist fast jedes Fussballer-Interview frecher als die Spielweise des bald 24-Jährigen.

600 Kilometer nordwestlich von Barcelona haben die Fans im Piemont ihren eigenen Problemfall. Auch Pjanic hatte bei seiner Ankunft im Sommer 2016 eine der grösstmöglichen Aufgaben, nämlich Zauberfuss Andrea Pirlo bei Juventus zu ersetzen. Aber auch er wurde den Erwartungen nicht gerecht, auch er soll einen zu unaufgeregten Fussball spielen.

So viel zur Ausgangslage der beiden. Eine Enttäuschung ersetzt die andere. Und nun sollen die beiden plötzlich durchstarten, nur weil sie sich ein andersfarbiges Shirt überstreifen? Offiziell glauben beide Clubs daran, wegen der mehr als sechs Jahre Altersunterschied zahlte Juve sogar noch zwölf Millionen obendrauf. Womit wir bei der Buchhaltung wären.

Sorgt bei Juve für Freude: Mittelfeldspieler Miralem Pjanic.
Sorgt bei Juve für Freude: Mittelfeldspieler Miralem Pjanic.
AP/Luca Bruno

Mit 72 Millionen Euro wird Arthurs Kaufpreis beziffert, darauf einigten sich die Vereine – also 41 Millionen mehr als bei seinem Wechsel vor zwei Jahren. Doch der Reingewinn ist noch höher, denn wichtig dafür ist nicht die Differenz zwischen Kaufs- und Verkaufsbetrag, entscheidend ist der Nettowert des Spielers (Kaufpreis minus Amortisation). Dieser rechnet sich bei Arthur so:

  • 31 Millionen (Kaufpreis in Euro) / 6 (Jahre Vertragslaufzeit) = 5,165 Millionen jährliche Amortisation. Arthur blieb zwei Jahre bei Barça, also sind 10,3 Millionen Euro amortisiert. 31 Millionen – 10,3 Millionen = 20,7 Millionen Euro Nettowert.

Ergibt also einen Transfererlös von über 50 Millionen Euro – womit die angestrebten 70 fast geschafft sind. Noch besser sieht es für Juve aus, denn die vor vier Jahren in Pjanic investierten 32 Millionen sind nahezu vollständig amortisiert (er unterschrieb für fünf Jahre). Der Bosnier bringt einen Reingewinn von 53,6 Millionen Euro ein.

Ab kommender Saison spielt Pjanic also für Barcelona und Arthur bei Juventus Turin. Ob die Fangruppen beider Lager dank diesem Deal viel glücklicher werden, ist fraglich, aber das scheint in diesem Fall sekundär. Hauptsache: Die Finanzchefs sind zufrieden.