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Missglückter Neustart für ThunXamax’ Code zum Glück

Nach der 1:2-Niederlage in Neuenburg beklagen die Thuner mangelnde Aggressivität und Cleverness.

Die Entscheidung: Raphaël Nuzzolo verlädt Guillaume Faivre vom Penaltypunkt aus und erzielt kurz vor Schluss das 2:1.
Die Entscheidung: Raphaël Nuzzolo verlädt Guillaume Faivre vom Penaltypunkt aus und erzielt kurz vor Schluss das 2:1.
Foto: freshfocus

Um 22.23 Uhr ist es so weit. Ein paar Männer mit rot-schwarzem Schal stehen auf, klatschen ab. Ihr Blick haftet aber weiterhin an der grossen Leinwand vor ihnen, und das, was sie sehen, zaubert ihnen ein breites Grinsen ins Gesicht.

Es ist Samstagabend, und die Lobby-Bar im Bauch des Stade de la Maladière erlebt wohl so etwas wie den emotionalen Höhepunkt nach fast viermonatigem Stillstand. Siebzehn Xamax-Fans haben die letzten zwei Stunden damit verbracht, das Spiel zwischen Sion und St. Gallen zu schauen. Wahrscheinlich haben sie dabei nicht ganz so mitgefiebert wie noch gut zwei Stunden zuvor, aber dieses 2:1 des Leaders im Wallis ist Balsam für die Neuenburger Fanseele. «2:1» avanciert in der Lobby-Bar zum Code des Glücks, denn weil Xamax gegen Thun ebenfalls mit diesem Resultat reüssierte, sind die Neuenburger plötzlich nur noch einen Punkt von einem Nicht-Abstiegsplatz entfernt.

Lethargisch und passiv

Es sind Zahlenspielereien, welche die Thuner auf der Heimfahrt aus Neuenburg nur zu gerne angestellt hätten. Stattdessen müssen sie sich in der improvisierten, Corona-konformen Interviewzone am Spielfeldrand auf die Suche machen nach Gründen für den missglückten Neustart in die Saison.

Guillaume Faivre sagt: «Wir waren lange zu passiv.» Und Ridge Munsy meint: «Wir waren leider recht lethargisch.» Der Torhüter und der Stürmer wählen unterschiedliche Worte für dasselbe Problem, das die Thuner durch dieses erste Spiel begleitet. Ein Problem, das in Anbetracht der Ausgangslage und der Wichtigkeit dieses ersten Duells zweier Konkurrenten im Abstiegskampf doch eher überraschend auftritt. Aber die Chefs auf dem Platz tragen in dieser Partie Rot-Schwarz, die in Türkis spielenden Thuner können oft nur reagieren.

Munsys Warten auf die Fahne

Leonardo Bertone ist einer, der in den Reihen der Berner Oberländer in eine solche Chefrolle schlüpfen kann und will, aber als er noch vor der Halbzeit zum zweiten Mal verwarnt wird und seinen Arbeitstag frühzeitig beenden muss, bringt er die Thuner vielmehr in eine missliche Lage. Es sind solche Aktionen, die Schneider im Nachgang mit dem Prädikat «nicht clever genug verhalten» versieht. Auch Nikki Havenaars ungeschicktes Zweikampfverhalten, das in der Schlussphase zum niederlagebesiegelnden Penalty führt, fällt in diese Kategorie.

Es sind die beiden Schlüsselmomente, welche die Geschichte dieses ersten Ernstkampfs seit 120 Tagen prägen und Ridge Munsys Ausgleichstreffer eine Viertelstunde vor dem Ende zu einer Randnotiz werden lassen. Der Stürmer erzählt, dass er, genauso wie die gesamte Hintermannschaft von Xamax, auf den Offsidepfiff von Schiedsrichter Jaccottet gewartet habe. «Aber der Linienrichter hatte die Fahne auch beim zweiten Hinschauen unten. Also habe ich den Ball reingemacht.» Bei diesen Worten hat Munsy ein Grinsen im Gesicht. Nur zu gerne hätte er diese kuriose Episode zu seinem vierten Saisontor damit geschmückt, dass es dem Team einen wichtigen Punkt beschert habe.

Verhängnisvolle Naivität

Überhaupt wäre vielleicht alles anders gekommen, hätte Munsy in der ersten Halbzeit seine ausgezeichnete Kopfballchance genutzt oder hätte Miguel Castroman einen Nachschuss im Strafraum verwertet oder wäre Nikki Havenaars später Ausflug in die Offensive mit einem Tor belohnt worden. Es ist ein Fliehen ins Hätte, Wenn und Aber, das die Thuner nicht mitmachen. Der sehr straffe Spielplan lässt es nicht zu, verpassten Chancen und verlorenen Punkten lange nachzutrauern. «Wir haben uns in vielen Situationen naiv verhalten», sagt Marc Schneider. «Das können wir uns nicht erlauben.»

Der Trainer spricht ruhig und sachlich wie immer. Es gäbe sicherlich Coachs, die in einer ähnlichen Lage und nach einer Niederlage gegen den direkten Konkurrenten im Abstiegskampf emotionaler reagieren würden, die vielleicht infrage stellen würden, ob der Platzverweis oder der Penalty gerechtfertigt war. Schneider aber weiss, dass es primär seine Mannschaft war, welche die Bereitschaft zum Kampf und den Siegeswillen lange hat vermissen lassen. Der 39-Jährige spricht zwar von einem Rückschlag. «Aber das gibt uns auch Motivation. Wir sind nicht zum ersten Mal in so einer Situation. Wir können damit umgehen.»

«Wir haben uns in vielen Situationen naiv verhalten. Das können wir uns nicht erlauben.»

Thun-Trainer Marc Schneider

Nun liegen die Thuner mit drei Punkten Rückstand am Tabellenende. Das rettende Ufer des achten Rangs ist aber nach wie vor vier Punkte entfernt. Deshalb plädiert Schneider dafür Ruhe zu bewahren. «Nach diesem ersten Spiel ist weder jemand abgestiegen noch gerettet.» Dieser Leitsatz mag stimmen, zumal bei zwölf Partien noch genügend Zeit zur Korrektur bleibt. Irgendwann in den nächsten sechs Wochen werden sie aber feststehen, die Abgestiegenen und die Geretteten, und die Thuner tun gut daran, bald zu punkten, auch wenn dies gegen die nächsten beiden Gegner YB und St. Gallen schwierig werden dürfte.

Auch in der Lobby-Bar schwenkt das Gespräch bald einmal auf die nächsten Gegner der Xamaxiens: Basel, YB, St. Gallen. Ein happiges Programm, meint einer mit rot-schwarzem Schal. Die Freude über das doppelte 2:1 trübt das aber keineswegs.