Zu sesshaft: Fahrende sollen weg

Rüttenen

Charles und Gabriela Huber sind Rüttener wie andere Rüttener auch – wären sie nicht anders. Hubers sind Fahrende und wohnen im Bargetzi-Steinbruch. Die Gemeinde will sie dort weghaben.

Charles und Gabriela Huber sind Fahrende.Die Gemeinde reklamiert, dass die Familie auch im Sommer hier bleibt, also sesshaft ist.

Charles und Gabriela Huber sind Fahrende.Die Gemeinde reklamiert, dass die Familie auch im Sommer hier bleibt, also sesshaft ist.

(Bild: Peter Ilg)

Dort, wo die obere Steingrubenstrasse in Solothurn im Wald Richtung Rüttenen verschwindet, ein paar Meter hinter dem Bargetzi-Steinbruch, dort geht rechts ein kleiner Weg weg, ein kleiner Waldweg. Niemand käme auf die Idee, dass dieser Waldweg wo anders hinführt als in den Wald – stünde da nicht ein grauer Abfallsack.Der erste Gedanke, dieser sei dort illegal entsorgt worden, verflüchtigt sich ein paar Schritte weiter. Auf einer kleinen Lichtung, sonnengetränkt und windstill an diesem Tag, stehen alte, hölzerne und verwitterte Wohnmobile, so wie man sie heute kaum noch sieht, wie aus einer anderen Zeit. Die Achsen und Räder, die die Holzbaracken tragen, sind mit Brettern verschlagen.Der Schotterstein knirscht unter den Füssen auf der Suche nach einer Klingel, einem Briefkasten, einem Namen. Nichts. Nur Gartenzwerge. Und ein bellender Hund.Leben ohne WasserDieser, ein Weibchen, Luna, gehört zur Familie Huber. Charles (55), Gabriela (50) und Charles junior (21). Hubers sind Jenische, Fahrende. Die Barackensiedlung ist ihr Winterquartier, seit mehr als 20 Jahren. Die Wohnmobile wurden nie bewilligt. Charles Huber und seine Familie leben hier dank dem Goodwill des früheren, inzwischen verstorbenen Besitzers des Steinbruchs. Die Behausung, die im Lauf der Jahre vergrössert wurde, verfügt wohl über Strom – aber über keinen Wasseranschluss.Letzteres war mit der Auslöser dafür, dass die Hubers heute im Ungewissen leben, wie lange sie noch in Rüttenen bleiben dürfen. 15 Jahre lang störte sich niemand im Dorf an den Fahrenden im Steinbruch; daran, dass diese den Winter durch in unbewilligten Bauten wohnen. 2003, als die Familie einen Wasseranschluss verlangte, trat sie damit eine kleine Lawine los. Seither versucht die Gemeinde mit allen Mitteln, die Hubers loszuwerden (siehe Kasten).Im UngewissenIm vergangenen Jahr haben diese ihre Wohnwagen verkauft und gingen im Sommer erstmals nicht auf Reise. «Ich konnte nicht wegfahren ohne zu wissen, ob wir bleiben können, wenn wir zurückkehren», sagt Charles Huber.«Ich verstehe das nicht», sagt er an diesem Tag, an dem die Sonne brennt und eigentlich alles in bester Ordnung zu sein scheint. «Wir haben nie jemandem etwas zu Leide getan», sagt Huber weiter, «wir waren immer freundlich zu den Leuten, auch zu jenen, die hier tagtäglich vorbeilaufen».Charles und Gabriela Huber haben in ihren eigenen Familien erlebt, wie man die Fahrenden in der Schweiz noch bis 1973 ausrotten wollte. Seine Mutter und ihr Vater gehörten der Generation «Kinder der Landstrasse» an; Kinder, die den Fahrenden von Pro Juventute weggenommen und in Pflegefamilien, Kinderheime oder Erziehungsanstalten gesteckt wurden. Das ist vielleicht ein Grund für die zurückhaltende Freundlichkeit, die Charles und Gabriela Huber eigen sind. «Wir haben als Kinder gelernt, brav zu sein, nicht aufzufallen», sagt Charles Huber. «Wir durften uns schlicht und einfach nichts anderes leisten.»Viele VorurteileIm Wohnmobil ist es dank eines permanent und auf Hochtouren drehenden Ventilators angenehm kühl. Die Hubers sitzen im angebauten Vorraum, wo auch geraucht werden darf. Huber verdient sich als Hausierer mit Textilien. Seine Frau schaut daheim zum Rechten. Sohn Charles schleift gelegentlich Fenster. «Wir strecken uns nach der Decke», sagt Gabriela Huber auf die Frage, ob man heutzutage vom Hausieren leben kann. «Es geht aber», sagt ihr Mann.An den Hubers zeigt sich exemplarisch der nach wie vor zwiespältige Umgang mit Fahrenden in der Schweiz. Hubers sind zwar heimisch, aber doch fremd. Gabriela Huber ist in Rüttenen aufgewachsen, zur Schule gegangen, ihr Vater wohnt heute noch dort. Sohn Charles kam in der Klinik Obach in Solothurn zu Welt, wurde in Rüttenen eingeschult, er zählt heute mehr Nicht-Fahrende als Fahrende zu seinen Freunden. Dennoch haftet den Hubers etwas Unnahbares an, etwas Untypisches, etwas Unschweizerisches. Die Hubers sind all das zwar nicht – und doch kämpfen sie mit all den Vorurteilen, die Fahrenden anhaften. Nach wie vor.Bald sesshaft?Eigentlich können sich Charles und Gabriela Huber glücklich schätzen. Sie haben im Wald zwischen Solothurn und Rüttenen etwas gefunden, was viele Fahrende nicht finden: Ein Winterquartier. Fahrende sind dabei meist auf den Goodwill Privater angewiesen. Gemeinden wollen mit Fahrenden oft nichts zu tun haben. Die Kantone tun sich schwer, den Fahrenden Stand- und Durchgangsplätze zur Verfügung zu stellen. Der Kanton Solothurn bietet den Fahrenden gar nichts dergleichen. Hubers möchten aber bleiben. Sich wieder einen Wohnwagen kaufen und im Sommer auf Reisen gehen. Sich in ein paar Jahren vielleicht ganz sesshaft machen in Rüttenen.Denn Charles Huber und seine Frau Gabriela sind älter geworden, gesundheitlich angeschlagen; ihn plagt das Rheuma, sie der Rücken. Dank Sohn Charles, der seine Eltern tatkräftig unterstützt, können sie das «Zigeunerleben» noch nahezu aufrecht erhalten. Er holt bei Gabriela Hubers Vater in Rüttenen das Wasser zum Kochen, Waschen, Duschen, Zähneputzen. Mit einer 40-Liter-Milchkanne, jeweils sechs- oder sieben Mal hin und her.Wohin geht die Reise?Was, wenn sie gehen müssen? «Dann verkaufen oder entsorgen wir unsere Wohnmobile – und gehen», sagt Charles Huber. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Hubers sich das nicht gefallen lassen und weiter für ihr Anliegen kämpfen würden.Haben sie Angst, gehen zu müssen? «Keine existenzielle Angst», sagt Charles Huber, mehr Angst um die Psyche. «Wir sind Fahrende, das wurde uns in die Wiege gelegt», sagt er. «Das Reisen ist in uns drin, wir werden immer reisen».Wohin die Reise führt – das liegt in der Hand von Richtern.

Solothurner Tagblatt

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