Zu viel Feinstaub: Sechseläuten muss umbauen

Ein unglücklich formuliertes Gesetz zwingt dazu, das Holz- durch ein Gasfeuer zu ersetzen.

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Marius Huber@tagesanzeiger

Keine Angst, liebe Leserinnen und Leser: Die folgende Geschichte ist nicht wahr, die «Holzfeuerungsanlage» bleibt dem Sechseläuten erhalten! Wir haben uns einen Aprilscherz erlaubt – wie zahlreiche andere Zeitungen und Newsportale auch. Hier finden Sie die Auflösung und eine Übersicht.


Eine Woche vor dem Sechseläuten herrscht helle Aufregung beim Zentralkomitee der Zürcher Zünfter. Sie bangen um den traditionellen Höhepunkt ihres Fests. Grund ist ein am Freitagabend kurzfristig anberaumtes Treffen mit Stadtrat Andreas Hauri (GLP) und Reto Fuchs, dem Leiter der Zürcher Feuerungskontrolle. Thema: die Emissionswerte des Feuers auf dem Sechseläutenplatz – und ein unglücklich formulierter Gesetzestext.

Die Materie ist komplex, daher muss man zurückblenden. Anfang 2014 trat in Zürich das revidierte «Reglement zum Massnahmenplan Luftreinhaltung» in Kraft. Es enthält strengere Vorschriften für den Betrieb von Feuerungsanlagen, die der links-grüne Stadtrat erliess. Das Reglement ist vor allem Hausbesitzern ein Begriff, die ein Cheminée haben oder mit Holz heizen. Niemand wäre je auf die Idee gekommen, es mit dem Sechseläuten in Verbindung zu bringen.

«Holz verbrennen ist die dreckigste verfügbare Technologie.»Jörg Kachelmann

Aber dann kam es im Januar dieses Jahres zu einem viel beachteten öffentlichen Schlag­abtausch zwischen dem Meteorologen Jörg Kachelmann und dem Verein Holzenergie Schweiz. Kachelmann hatte im Blog Wettermacher, den er für den «Tages-Anzeiger» schreibt, Holzheizungen als «Öko-Lüge» bezeichnet: «Das Verbrennen von Holz ist eine ­zutiefst dreckige Technologie, eigentlich die dreckigste verfügbare.» Im Vergleich damit seien Silvesterfeuerwerke oder das jährliche Verbrennen des Böögg unbedenklich.

Eine «stationäre Anlage»

Holzenergie Schweiz konterte im Fachmagazin «Baublatt» – unter anderem mit dem Hinweis, dass das Sechseläuten punkto Feinstaub bedenklicher sei als jede Holzheizung. Zudem verstosse es seit Jahren dramatisch gegen geltende Luftreinhaltevorschriften. Die Begründung tönt zunächst spitzfindig: Weil zum neuen Sechseläutenplatz auch ein hitzeresistenter Kreis aus Schamottstein gehört, auf dem jeweils das grosse Feuer fürs Volksfest aufgebaut wird, gelte der Platz gemäss eidgenössischer Luftreinhalteverordnung als «stationäre Anlage, aus der erhebliche Emissionen austreten können». Die Konsequenz: Er ist dem verschärften städtischen Luftreinhaltereglement unterworfen, das die Bundesvorschriften konkretisiert.

Der Stadtzürcher Feuerungskontrolleur Reto Fuchs liess dies von den Juristen des Gesundheits- und Umweltdepartements prüfen. Das Ergebnis teilte Stadtrat Hauri den Zünftern am Freitagabend mit: Das Sechseläutenfeuer gilt, rechtlich gesehen, ­tatsächlich als «Holzfeuerungsanlage mit einer Wärmeleistung über 500 Kilowatt». Weil dabei jeweils 25 Tonnen Holzbürdeli verbrannt werden, erst noch mit Kabelbindern aus Plastik zusammengeschnürt, werden die für eine Feuerungsanlage dieser Grösse geltenden Feinstaub-Grenzwerte um ein Vielfaches überschritten. Laut Reglement hätte die «Anlage» daher bis spätestens Ende 2014 saniert werden müssen, sonst ist ihr Betrieb verboten.

«Das ist Paragrafenreiterei»

Robert Hotz vom Zentralkomitee der Zünfter, als Zugchef für die Bööggverbrennung verantwortlich, kann es immer noch nicht glauben. «Ich hielt das Ganze zunächst für einen schlechten Scherz», sagt er. «Paragrafen­reiterei um den Böögg – es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre.»

Dem Stadtrat ist die Sache unangenehm. Die Verschärfung des Luftreinhaltereglements sei von besten Motiven getragen gewesen, ans Sechseläuten habe niemand gedacht. «Wir bedauern dies ausserordentlich», sagt Stadtrat Hauri, «aber die Gesetzeslage ist eindeutig.» Einen Verstoss dagegen könne der Stadtrat aus Gründen der Gleichbehandlung nicht tolerieren. «Wir werden aber alles dafür tun, dass wir eine Lösung finden und Zürich trotzdem ein schönes Fest bekommt», versichert Hauri.

Rechtlich eine «Holzfeuerungsanlage mit über 500 Kilowatt Leistung»: Böögg im Feuer. Foto: Samuel Schalch

Einer der Vorschläge der Stadt besteht darin, das Feuer so weit zu verkleinern, dass seine Wärmeleistung unter die gesetzlich relevante Schwelle fällt. Die Zünfter halten wenig davon. «Wir haben das durchgerechnet», sagt Hotz. «Wir könnten nur noch um ein besseres Grillfeuer reiten. Damit machen wir uns lächerlich – gerade dieses Jahr, da Strassburg zu Gast ist und uns Europa zuschaut.»

Lösung: Gas statt Holz

Im Vordergrund steht deshalb ein anderer Vorschlag. Er zielt darauf ab, die Feinstaubmenge unter den kritischen Wert zu drücken. Einerseits, indem man nur noch sogenannte Bio-Böller in den Böögg einbaut. Andererseits, indem man statt auf ein Holzfeuer auf sauberer abbrennendes Erdgas setzt. Der Böögg soll über einer stetig grösser werdenden Gasfackel geröstet werden, wie man sie aus Raffinerien kennt. «Wir hoffen, dass die Zürcherinnen und Zürcher diese Lösung trotz der jüngsten Demonstrationen gegen den Klimawandel akzeptieren», sagt Hauri.

Ein anderes Problem haben die Zünfter: Sie sitzen jetzt auf 6000 Holzbürdeli, die sie lange im Voraus bestellt haben. Diese wollen sie heute Montag zwischen 11 und 12 Uhr bei Grün Stadt Zürich an der Uetlibergstrasse 355 beim Albisgüetli an die Zürcherinnen und Zürcher verschenken. Hotz: «Dann hat wenigstens jemand etwas von dieser unseligen Geschichte.»

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