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Die Grünen in der Frauenfalle

Die Wahl um die Nachfolge von Stadträtin Ruth Genner entzweit die Grünen. Alle wichtigen Ämter sind von Männern besetzt, ihr bekanntester Kandidat ist auch ein Mann – und der Sitz wackelt bedrohlich.

Als Paar schon lange eine Macht: Markus Knauss und Gabi Petri, aufgenommen im Juli 2007.
Als Paar schon lange eine Macht: Markus Knauss und Gabi Petri, aufgenommen im Juli 2007.
Dieter Seeger

Den Stadtzürcher Grünen steht ein heisser Monat bevor. Am 9. Juli nominieren sie die Nachfolgekandidatur für die im nächsten Februar zurücktretende Stadträtin Ruth Genner. Auf der Poleposition steht Fraktionschef Markus Knauss, fachlich bestens qualifiziert, allseits geachtet und beliebt. Er gilt als Vordenker grüner Politik in Zürich. Man sagt, er könnte Genners Nachfolge morgen früh übernehmen, und er wäre vom ersten Tag an dossierfest.

Bei den Grünen allerdings kursiert seit Wochen ein Bonmot: «Knauss ist keine Frau, aber er hat eine Frau.» Hintergrund dieses Wortspiels: Bei den Grünen wird lautstark nach einer Frau gerufen. Und die Frau von Knauss ist keine andere als die schweizweit wohl bekannteste und umstrittenste Verkehrspolitikerin Gabi Petri. Petri und Knauss führen gemeinsam als Geschäftsführer den VCS Zürich. Sie sind verhasst und geachtet – aber sehr erfolgreich beim Umsetzen des Umwelt-Beschwerderechts. Von den Gerichten haben sie im Kampf gegen zu viele Parkplätze bei Einkaufszentren schon x-fach recht bekommen.

Die Zürcher Grünen stellen zurzeit mit Daniel Vischer, Bastien Girod und Balthasar Glättli drei Männer im Nationalrat. Die beiden Frauen – Marlies Bänziger und Katharina Prelicz – wurden 2011 abgewählt. Regierungsrat ist Martin Graf, und Stadtrat ist Daniel Leupi. Fünf grüne Männer bekleiden also die fünf besten politischen Positionen.

Junge: «Es braucht eine Frau»

Eine klare Haltung haben die Jungen Grünen. «Es braucht eine Frau», sagt Präsidentin Meret Schneider, «alles andere kratzt an der Glaubwürdigkeit der Grünen.» In einem von Männern dominierten Stadtrat soll eine Frau durch eine Frau ersetzt werden. Ein Hintertürchen lässt Schneider offen: «Wenn Knauss die Jungen Grünen überzeugt, dass er klar besser ist als die beiden Frauen, dann überlegen wir uns die Forderung nach einer Frau nochmals.»

Drei grüne Kandidaten stehen bereit: Fraktionschef Markus Knauss (51), die 41-jährige Soziologin und Gemeinderätin Karin Rykart und die 42-jährige Fabienne Vocat, die seit 2010 frischen Wind in den Gemeinderat bringt.

Von der Papierform her müssten die Grünen Knauss nominieren. Für ihn spricht auch seine Bekanntheit. Denn die Grünen können sich Experimente nicht leisten, ihr zweiter Sitz wackelt. Die FDP plant mit Filippo Leutenegger und Vera Lang den Grossangriff im Dreierpaket. Die GLP will mit Samuel Dubno antreten und die SVP mit zwei bis drei Kandidaten.

Rücktritte aber gibts nur zwei: Ruth Genner und Martin Waser (SP). Der Alternative Richard Wolff ist seinen Sitz kaum so schnell los – wie von einigen Parteistrategen erhofft –, wenn er einen besonnenen Job als Polizeivorsteher macht. Und die SP ist mit ihren vier Kandidaten traditionell eine Macht. Für Schulvorsteher Gerold Lauber (CVP) könnte es folglich ebenso eng werden wie für den zweiten Sitz der Grünen.

Doppelte Bedeutung

Für die Grünen hat die Problemumschreibung «Frauenfalle» eine doppelte Bedeutung. Es geht um die Forderung nach einer Frau trotz relativ unbekannten Kandidatinnen. Es geht aber auch um die Frau an der Seite von Markus Knauss. Bei den städtischen Grünen, die vornehmlich in ihren Kreisparteien und im Gemeinderat politisieren, ist von einem «Problem Petri» nichts zu spüren. Sie alle kennen Markus Knauss und sind mit ihrem Fraktionschef hoch zufrieden. Die grünen Mitglieder des Kantonsrats dagegen bekommen die Sonderstellung und den grossen Einfluss von Gabi Petri jeden Montag hautnah mit.

Petri ist so eigenständig und einflussreich, dass sie es längst nicht mit allen in der Fraktion kann – oder können will. Bei Abstimmungen im Rat stimmt sie immer wieder anders als die Mehrheit der Fraktion. «Mein eigenes Gewissen ist mir näher als eine Einheitsmeinung in der Partei», sagt sie. Sie ist in der Bildung und in gesellschaftlichen Fragen konservativer als die meisten anderen Grünen. Sie ist als einzige Grüne für das Hooligan-Konkordat. Sie war gegen eine Aufhebung des Tanzverbots an hohen Feiertagen, und sie ist auch konsequent gegen Sonntagsverkäufe.

Ihr Meisterstück in professionellem Lobbying lieferte Petri beim Widerstand gegen das Polizei- und Justizzentrum, als sie als Ein-Frau-Marketing-Maschine eine Mehrheit von Gegnern um sich scharte. Gegen aussen tritt Petri selten in Erscheinung, im Kantonsrat dagegen sieht man sie, wie sie geduldig stundenlang Mitglieder anderer Parteien bearbeitet. Sie selber spricht von «Allianzenmanagement». Mehrheiten zu schaffen, sei das Wesen der Politik, da brauche es eine hohe Glaubwürdigkeit, sachgerechte Argumente – «und sich selber darf man nicht in den Vordergrund stellen».

Petri als Bonus oder Handicap?

Den Mitgliedern der Fraktion kann Petri auf den Geist gehen mit ihren privaten Sondertouren. Sie hat aber Erfolg. «Mein Leistungsausweis wird gerade gebaut», hat sie einmal gesagt – und meint den neuen Durchgangsbahnhof, den sie mit dem VCS angestossen hatte.

Ist Petri für Knauss ein Handicap oder ein Bonuspaket? Würde mit Knauss eine Stadträtin Petri gleich mitgewählt? Bei den Bürgerlichen befürchtet man gar, dass mit Knauss/Petri die prominentesten Parkplatzzähler der Schweiz das Tiefbauamt übernehmen könnten. Den Grünen kann zumindest diese Angst egal sein. Mit mehr Parkplätzen gewinnt man in Zürich keine Wahlen.

Knauss und Petri bezeichnen sich beide als sehr unabhängige Charaktere. «Gabi Petri ist seit 26 Jahren nicht nur meine Frau, sondern gleichzeitig auch meine beste Freundin und meine versierteste Kritikerin», sagt Knauss. «Um eine solche Vertraute müsste mancher Politiker froh sein.» Petri interessiere sich nicht sonderlich für Einzelgeschäfte in der städtischen Politik – «mich begeistern sie umso mehr», sagt Knauss.

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