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Amerika verliert seinen Löwen

Das Ende einer Ära: Mit Edward Kennedy stirbt der letzte prominente Vertreter einer einst grossen Dynastie. Der Senator galt als liberales Gewissen der US-Politik, kämpfte wie ein Löwe und blieb aufrecht bis in den Tod.

Man wusste, dass es schlimm stehen musste um Edward Kennedy, seit sein Büro vorige Woche das Parlament seiner Heimat Massachusetts bat, im Fall der Fälle für eine schnelle Nachfolge im US-Senat zu sorgen. Im Kapitol zu Washington, wo Kennedy fast ein halbes Jahrhundert lang eine Instanz war, und wo sie ihn den Löwen des Senats nannten, wird gerade die Schlacht seines Lebens geschlagen. Jetzt oder nie soll Amerika bezahlbaren Krankenschutz für jeden Bürger erhalten. Niemand hat dafür länger und härter gekämpft als Edward Kennedy. Im Herbst, wenn über die Gesundheitsreform abgestimmt wird, zählt jede Stimme. Edward Kennedy aber mag gespürt haben, dass am Ende auch ihn das Schicksal seiner Brüder ereilt, ein Unvollendeter zu bleiben. Auch in seinem Leben sollten Triumph und Tragödie bis zuletzt untrennbar ein Zwillingspaar bleiben, wie immer bei den Kennedys. In der Nacht auf gestern erlag der 77-Jährige nach langem Kampf einem bösartigen Hirntumor in seinem Haus in Hyannis Port. Die Kennedy-Dynastie Der Fluch der Brüder immerhin, der gewaltsame frühe Tod, ist dem jüngsten Spross aus dem katholisch-irischen Clan des Joseph Kennedy erspart geblieben. Joseph jr., der älteste der Brüder, fiel 1944 in Europa. John wurde Präsident. 1963 trafen ihn die Kugeln in Dallas. Robert wurde 1968 ermordet, als er dem Bruder ins Weisse Haus folgen wollte. Danach fiel es Edward zu, dem jüngsten der Kennedy-Brüder, die Last der übergrossen Erwartungen zu schultern. Spätestens seit der Ermordung des Präsidenten John F. Kennedy war die Familie nicht einfach nur eine politische Dynastie. Sie war der Stoff für Legenden um Triumph und Tragödie, Reichtum und Macht, Trauer, Glanz und Elend. Und sie war immer auch Projektionsfläche für die Hoffnungen und Sehnsüchte der liberalen Hälfte der US-Nation. Was den Briten ihr Königshaus ist, waren vielen Amerikanern die Kennedys. Nicht, dass er diesen in den 60er-Jahren geborenen Mythos so lange am Leben hielt, sondern dass er ihm eine neue Bedeutung gab, ist die Lebensleistung des Edward Kennedy. Erst als endgültig klar war, dass er nicht mehr Präsident werden würde, fand er im Senat jene Rolle, die ihn zu einem der einflussreichsten US-Politiker werden liess. Nicht so sehr um den grossen Traum ging es da oft, sondern um die kleinen praktischen Schritte. Dass jedes Kind und jeder Jugendliche in den USA heute Anspruch auf eine staatliche Krankenversicherung hat, setzte Kennedy 1997 mit dem konservativen Republikaner Orin Hatch aufs Gleis. 2001 liess der Senator sich nicht von ideologischen Differenzen davon abhalten, mit dem neu gewählten Präsidenten George W. Bush eine umfassende Schulreform durchzusetzen. Kompromiss ja, Verrat nein Doch als Bush 2003 den Einmarsch in den Irak befahl, zählte Kennedy zu den wenigen im Kongress, die dem Präsidenten die Kriegsvollmacht verwehrten. Die unerschrockene Kritik am Krieg gegen die scheinpatriotischen Winde der Zeit war typisch Kennedy: Zu politischen Kompromissen war er bereit, nicht aber zum Verrat an seinen Überzeugungen. Diesen Überzeugungen mag Kennedy auch im Januar 2008 gefolgt sein: Seine frühe Unterstützung für Barack Obama, der sich damals noch einen heftigen Kampf mit Hillary Clinton um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten lieferte, war für beide mehr als nur der symbolische Stabwechsel an den jungen Hoffnungsträger. Damals, heisst es, habe sich Kennedy vom künftigen Präsidenten versprechen lassen, dieser werde eine umfassende Gesundheitsreform zum Kernstück seiner Agenda machen. Auf den Tag ein Jahr vor seinem Tod stand er dann, schon schwer gezeichnet von seiner Krankheit, im Stadion zu Denver und trug Obama sein Vermächtnis auf: eine erschwingliche, gute Gesundheitsversorgung für jeden Amerikaner, «als fundamentales Recht, nicht als Privileg». «Diesmal», rief Kennedy da mit brüchiger Stimme, «diesmal dürfen wir nicht scheitern.» Als über dem Weissen Haus gestern längst die Fahne auf Halbmast wehte, trat Obama gestern vor die Kameras. «Unser Land hat einen grossen Mann verloren», sagte er, «der die Fackel seiner gefallenen Brüder übernahm und der grösste Senator unserer Zeit wurde.» Diese Fackel ist nun in Obamas Händen. Dietmar Ostermann >

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