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Aargauer mit städtischem Selbstbewusstsein

Kaiserstuhl ist so weit weg von Aarau wie die Nachbargemeinde Weiach von Zürich. Sonst verbindet die beiden nicht viel – ausser der Fluglärm. Von Markus Rohr

Unsere Nachbarn (4): Kaiserstuhl AG Wer «Kaiserstuhl» ohne weitere Vorgaben googelt, der findet in erster Linie Informationen zum badischen Mittelgebirge Kaiserstuhl mit seinem weithin sichtbaren Berggipfel Totenkopf. Das aargauische Kleinstädtchen Kaiserstuhl liegt nicht nur bei Google eher im Verborgenen, sondern auch in der Natur. * Wer Kaiserstuhl nicht bewusst sucht, der fährt daran vorbei. Es liegt an der Hauptverkehrsachse Winterthur–Waldshut etwa auf halber Distanz, rechter Hand am steil abfallenden Hang zum Rhein. Es ist bezogen auf seine Fläche von 32 Quadratkilometern die kleinste Aargauer Gemeinde und eine der kleinsten der Schweiz. Sie liegt am nordöstlichen Rand des Kantons Aargau und grenzt unmittelbar an das deutsche Hohentengen und das zürcherische Weiach. Die Gemeinde zählte Ende 2009 genau 407 Einwohnerinnen und Einwohner, gleich viele wie 1970. * Die periphere Lage ist für den 45-jährigen Stadtammann Fritz Tauer nicht wirklich ein Problem. Der in Kaiserstuhl aufgewachsene vierfache Familienvater scheint sie eher zu geniessen. Mit Stolz zeigt er seine Stadt. «Wir sind wohl im Kanton Aargau und schielen nicht neidisch in den Kanton Zürich», sagt er. Und dies, obwohl er wie viele andere Kaiserstuhler auch im Kanton Zürich arbeitet oder ausgeht. Wer in Kaiserstuhl wohnt, befährt fast zwangsläufig zürcherisches Gebiet; selbst wenn er nach Baden oder Wettingen fährt, tangiert er in Niederweningen noch das Zürcher Unterland. * «Die Kantonsgrenze ist die grössere Hürde als die Landesgrenze», sagt Tauer. Es gibt kaum eine Zusammenarbeit. Nicht einmal in der Abfallentsorgung konnte man sich einigen – mit Ausnahme beim Grüngut. Die Zürcher wollen keinen Aargauer Güsel und umgekehrt. Und der gemeinsame Bahnhof mit Weiach ist vor 15 Jahren schon geschlossen worden. Kaiserstuhl hat seither eine eigene Haltestelle und ist mächtig stolz darauf. Und auch sonst haben die beiden Nachbargemeinden ausser dem Fluglärm nicht viel Gemeinsames. Weiach zählt eher zu den reicheren Zürcher Gemeinden, Kaiserstuhl eher zu den ärmeren Aargauer Kommunen. Die Beziehungen zur deutschen Anrainergemeinde Hohentengen sind enger. Kaiserstuhl bezieht das Trinkwasser aus einer Quelle, die auf deutschem Hoheitsgebiet liegt. Und das Schweizer Abwasser geht ins deutsche Hohentengen. Zudem unterhalten die beiden Grenzorte gemeinsam den Skulpturenweg entlang des Rheins. * Damit kein Missverständnis entsteht: Der Stadtammann von Kaiserstuhl, der Gemeindepräsident von Weiach und der Bürgermeister von Hohentengen treffen sich seit Jahren jeden zweiten Monat zum Gedankenaustausch. Und weil sie alle in randständiger Lage seien, habe man auch schon über die Gründung eines Freistaates gesprochen, erzählt Tauer schmunzelnd. * Immerhin: Kaiserstuhl gehört zum Zürcher Verkehrsverbund, arbeitet in der IG Nord gegen den Fluglärm und ist über den Planungsverband Zurzibiet mit der Planungsgruppe Zürcher Unterland und damit auch mit dem Forum Lägern Nord verbunden, wo die Atommüllfrage aufmerksam beobachtet wird. Kaiserstuhl ist vom Fluglärm stark betroffen. Doch öffentliche Proteste hört man aus dem Aargauer Städtchen keine. Ganz im Gegensatz zu Hohentengen, das in den Medien in Sachen Fluglärm eine grosse Präsenz hat. Stadtammann Tauer ist dankbar für den Kampf der Nachbargemeinde. «Wir profitieren davon, und wir haben den Eindruck, Hohentengen hat über Berlin die grösseren Einflussmöglichkeiten als wir über Zürich oder Bern», sagt Tauer. * Die Politik spielt in Kaiserstuhl eine untergeordnete Rolle. Die drei Frauen und die zwei Männer des Stadtrates sind allesamt parteilos. Es gibt keine politischen Parteien. Auf Verwaltungsebene haben sich sieben Gemeinden des sogenannten Stubenlandes zu einer Einheit zusammengeschlossen. «Das funktioniert, und man spart Geld», sagt Tauer und bedauert, dass ausgerechnet die Nachbargemeinde Fisibach nicht mitmacht. Er würde sich auch nicht gegen Gemeindezusammenschlüsse wehren. Da denkt er vielleicht ebenso fortschrittlich wie seine Mitbürger. «Die Menschen hier ticken urban», sagt er. Oft würden sie ganz anders abstimmen als in der übrigen Region oder im Kanton, eher so wie die Stadtzürcher oder die Badener. Da hat Kaiserstuhl etwas mit dem Städtchen Regensberg gemeinsam. Kein Wunder: Es wird nämlich angenommen, dass die Regensberger an der Stadtgründung von Kaiserstuhl beteiligt waren. * Kaiserstuhl ist ein schmuckes Städtchen, das man in wenigen Minuten problemlos durchlaufen kann. Allerdings ist es vom Rhein zum Bahnhof hinauf derart steil, dass man leicht ausser Atem gerät. Kaiserstuhl macht einen aufgeräumten Eindruck. Eine klare Parkordnung verhindert, dass vor jedem Haus ein Auto steht. Die Häuser tragen oft Namen wie Zur Krone, Zum weissen Kranz, Zum grossen Widder. Die Leute sitzen im Sommer draussen vor der Tür und grüssen selbst die Fremden. Dass hier jeder jeden kennt, gehört wohl zum guten Lebensgefühl. * Die Einkaufsmöglichkeiten sind beschränkt. Im Stadtlädeli ist zwar vieles erhältlich, aber längst nicht alles. Dafür gibt es das Dessousgeschäft von Alma Wenzinger. Offenbar haben dieses sowie die Inhaberin viel Ähnlichkeit mit der Dessousboutique von Stephanie Glaser im Film «Die Herbstzeitlosen». Seit der über die Leinwand und den Bildschirm flimmerte, sei der Umsatz bei Alma Wenzinger deutlich gestiegen, sagt der Stadtammann. Es gebe Kundinnen, die wegen des besonderen Ambientes extra nach Kaiserstuhl pilgerten. Kaiserstuhl hat allerdings nicht nur eine beschauliche Seite. Es leidet unter dem Verkehr, obwohl es nicht von der Hauptverkehrsachse durchquert wird. Aber es gibt den Einkaufsverkehr nach Hohentengen und auch den Umwegverkehr, wegen der Stauprobleme in Koblenz und auf der Strecke zwischen Eglisau und Bülach. Gut, dass wenigstens das Zollamt auf der deutschen Seite des Rheins noch bemannt ist. Das bremst den Verkehr etwas. Und es gebe zudem mehr Sicherheit und halte Einbrecher ab, ist der Stadtammann überzeugt. Entwicklungsmöglichkeiten hat das Rheinstädtchen allein wegen seiner geringen Ausdehnung kaum. So ist eine Industrieansiedlung, aber auch der Bau von Wohnquartieren unmöglich. Die Chancen sucht man in einer Erneuerung des Wohnraumes in der Altstadt. Einige Projekte sind bereits vorhanden. * Mit den beiden Fernsehgrössen Dietmar Schönherr und Dieter Moor hatte Kaiserstuhl einst zwei prominente Einwohner. Warum sie weggezogen sind, weiss Fritz Tauer allerdings nicht. Hingegen hat der Stadtammann auf die Frage, weshalb man Kaiserstuhl als Wohnort wählen sollte, eine klare Antwort: «Wir bieten ein intaktes Städtchen in einem ländlichen Raum. Die Menschen hier sind offen und kontaktfreudig. Das ist einmalig. Der Rhein und die umliegenden Wälder sind Erholung pur. Das Thermalbad Zurzach liegt ganz nahe, und wir sind mit dem öffentlichen Verkehr gut erschlossen.» Was will man mehr? Da muss man auf Google gar nicht an vorderster Front präsent sein. Im ländlichen Kaiserstuhl ticke man urban und schiele nicht neidisch auf Zürich, sagt der Stadtammann Fritz Tauer. Foto: David Baer

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