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Als Deutschlands Kaiser nach Horgen kam

Am Sonntag hat der Verkehrsverein Horgen zu einer Führung durchs Bockengut eingeladen und in der alten Scheune erstmals Werkzeuge vergangener Zeiten gezeigt.

Von Nicole Trossmann Horgen – An diesem Sonntag regnet es in Strömen. Daher erstaunt, dass sich dennoch fast 40 Menschen des Morgens beim Bockengut einfinden. Sie folgten dem Aufruf des Verkehrsvereins, der an diesem Tag zu einer Führung durchs geschichtsträchtige Bockengut lud – und in der alten Scheune erstmals antike Werkzeuge zeigte. Die Präsidentin des Verkehrsvereins, Monika Gysel, begrüsst die Leute strahlend. «Ich hätte nicht gedacht, dass bei diesem Wetter so viele Interessierte kommen.» Paul Bächtiger und Urs Naef ziehen dann mit der Traube Menschen, alle mit bunten Regenschirmen ausgestattet, über das Gut, machen da und dort Halt und erklären anschaulich historische Details und Anekdoten. So erfahren die Leute etwa, dass das Bauerngut am Anfang des 18. Jahrhunderts vom Zürcher Bürgermeister Andreas Meyer gekauft und zu seinem Landsitz ausgebaut wurde. Zudem erwarb er so viele umliegende Ländereien, dass er irgendwann stolz verkündete, er könne sein Vieh sowohl am Zürichsee wie auch an der Sihl tränken. Meyer starb kinderlos, und unter seinem Bruder schrumpfte der Besitz wieder auf vier Hektaren. Bis zu 300 000 Eier Zwischenzeitlich vermarkteten die Besitzer das Wasser des Bächleins, das durch das Gelände fliesst, als Heilwasser und erklärten das Bockengut zum Kurort – bis Chemiker 1850 den Mythos entzauberten und öffentlich festhielten, es handle sich um ganz gewöhnliches Wasser. «Ab diesem Zeitpunkt unterstrich der Kurort wieder mehr die beeindruckende Sicht auf den Zürichsee», erzählt Bächtiger. Diese lässt sich heute nur erahnen, umgeben inzwischen doch längst hohe Bäume das Herrenhaus. 1912 dann kaufte die Familie Schwarzenbach das Bockengut. Illustre Gäste gingen nun im Herrenhaus ein und aus. Sogar der deutsche Kaiser Wilhelm II. stattete der Familie Schwarzenbach einen Besuch ab. «Der erste Verwalter des Guts war mein Grossvater», erzählt Urs Naef. «Er wollte den Betrieb zu einem europaweit ausstrahlenden Vorbild ausbauen, liess dafür etwa Geflügel aus Amerika einschiffen, und so produzierten Hennen jährlich bis zu 300 000 Eier auf dem Bockengut.» 1977 verkaufte die Familie Schwarzenbach das Gut an den Kanton, bevor es 1985 in die Hände der heutigen Besitzerin wechselte, der Credit Suisse. Am Schluss des Rundgangs führen Bächtiger und Naef die durchnässte Gruppe in die alte Scheune. Dort finden sich alte Fotos des Bockenguts von Naefs Grossvater und allerlei antikes Werkzeug: Bügeleisen, gusseiserne Töpfe, ein Wagenrad. «Ich bin ein Nostalgiker und sammle die Stücke», sagt Naef. Staunen über das Ausmass Paul Bächtiger zeigt ein Werkzeug, das einer Bürste mit groben, überaus scharfkantigen Zacken ähnelt, und verrät, dass man damit früher Flachs auftrennte. Schelmisch fügt er an: «Es empfiehlt sich jedoch nicht, sich damit die Haare zu kämmen.» Die Leute zeigten sich angetan ob der Führung. Vreni Rothacher aus Horgen etwa lockten vor allem die alten Bauernhofwerkzeuge an: «Ich kenne diese zwar, aber hatte zum Teil keine Ahnung, wofür man sie brauchte.» Albert Fust aus Horgen erstaunten vor allem die Verbindungen der Familie Schwarzenbach zu Deutschland: «Und das in einer Zeit, in der solche Kontakte hierzulande nicht gern gesehen waren.» Marianne Zelger aus Uetikon interessierte sich schon im Vorfeld für die Gutsbesitzer und las ein Buch über Renée Schwarzenbach. «Dennoch staune ich über die enorme Ausdehnung, die das Gut früher besass.» Toni Birchmeier nickt. «Ich wohne nun seit vierzig Jahren in Horgen und interessiere mich für seine Geschichte, doch dass der Landwirtschaftsbetrieb so gross war, das wusste ich nicht.» Die Bockengut-Besitzer vermarkteten das Wasser des Bächleins als Heilwasser – Chemiker entzauberten den Mythos aber 1850.

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