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Als Ungarn Bern einen Bären schenkte

Wie die beiden russischen Bären, so kam auch 1926 ein Bär als Geschenk nach Bern. Damit bedankte sich die ungarische Kinderschutzliga dafür, dass die Schweiz Tausende von unterernährten Kindern aufgepäppelt hatte.

Fünf Kilo Brot mit Honig und Wasser. Das verputzt Miklos täglich in seiner Holzkiste. Es ist Mitte April 1926. Der eineinhalbjährige Braunbär sitzt im 100. Kinderzug, der Budapest nach dem Ersten Weltkrieg Richtung Westen verlässt. Die unterernährten Kinder sollen in England, Holland, Schweden, Belgien und der Schweiz aufgepäppelt werden. Der Bär im Gepäckwagen ist das Dankeschön der Ungaren an die Schweiz. Einen «glänzenden» Reisebeginn habe Miklos gehabt, schrieb der «Solothurner Anzeiger» im Feuilleton. «Bei der Abfahrt dieses Jubiläumszuges waren die Spitzen des Landes zugegen: Der Reichsverweser Miklos Horthy (Vertretung des Monarchen während einer Thronvakanz, Anm. d. Red.), zwei Minister, drei Bischöfe, die Erzherzöge Josef und Albrecht, die diplomatischen Vertreter der am Kinderhilfswerk beteiligten Länder.» Originelle Geschenkidee Die Idee, der Schweiz einen Bären zu schenken, hatten die ungarischen Kinder nach dem Tod des Bärengraben-Bären Urs. Der «Solothurner Anzeiger» schrieb: «Denn die vielen tausend Ungarkinder und deren Begleitpersonal haben sich das Wappentier Berns wohl gemerkt. Und so kam man in Budapest auf den originellen Gedanken, dem Leiter der schweizerischen Hilfsaktion (...), Herrn Pfarrer Dr. Carl Irlet, «einen Bären zum Geschenk zu machen». Bereits 1923 wurde Irlet für sein Engagement geehrt: Die Universität Debrecen verlieh dem Initiator der schweizerischen Hilfsaktion für ungarische Kinder den Ehrendoktor. Weshalb Bär Urs sterben musste, war ebenfalls im «Solothurner Anzeiger» nachzulesen: «Mit einer gewissen Betrübnis musste man vor einigen Wochen vernehmen, dass der vom Solothurner Tierfreund Urs Eggenschwiler selig der Stadt Solothurn vermachte und im Bärengraben in Bern untergebrachte Urs sich Manieren und Schrullen angewöhnt hatte, die sogar unter Bären gegen Sitte und Anstand verstossen. Urs war ein alter, gar brummliger Herr geworden, der nicht mit sich spassen liess, und man musste wohl oder übel seinen zänkischen Launen ein gewaltsames Ende machen.» Von einem neuen Bären wünschten sich die Berner deshalb, er möge sich «ordeli» aufführen. Waisenbär aus RumänienDie Idee, Bern einen Bären zu schenken, stellte die Ungarn jedoch vor Probleme: Wo liess sich auf die Schnelle ein «frei gewordener» Bär auftreiben? Fündig wurde man im rumänischen Siebenbürgen. In den Wäldern der transsilvanischen Alpen hatte ein Bärenjäger eine «grimmige» Bärin erlegt. Das Junge, eben Miklos, nahm er mit nach Hause. Um Miklos’ die Ausreise nach Ungarn zu ermöglichen, war allerdings einiges an diplomatischem Geschick nötig. Kein SteuerzettelSo heimlich, wie die beiden russischen Bären Mischa und Mascha dieser Tage im Bärengraben ankamen, ging es vor 83 Jahren nicht zu. Nicht nur, dass Pfarrer Carl Irlet von Ungarn einen Bären geschenkt bekommt, stand Tage vor Miklos’ Ankunft in den Zeitungen. Ebenso Irlets Absicht, den Bären der Berner Schuljugend zu spenden sowie dessen Ankunftszeit am Berner Bahnhof: Mittwoch, 14.April, 17.40 Uhr. Damit wurde die Ankunft von Miklos zum Fest für Bern und Thema in allen Schweizer Zeitungen. Der «Bund» beschrieb unter dem Titel «Der Ungar-bär ist da», wie sich Hunderte von Kindern und Erwachsenen am Bahnhof drängten. «eine Menschenmenge, wie man sie sonst nur bei der Abreise eines Streikgenerals sah.» Auch hatte die Zeitung Verständnis dafür, dass das «Bärlein» vor dem Transport in den Bärengraben in eine einsehbare Kiste gesetzt wurde: «Wehe den Behörden, wenn sie den Ankömmling den Blicken der harrenden Menge entzogen hätten.» Tatsächlich säumten Tausende Neugieriger die Strassen als – angeführt vom den Berner Marsch spielenden Trommler- und Pfeiferkorps – eine Gruppe Pfadfinder den mit den Berner Farben geschmückten Wagen durch die Stadt zum Bärengraben zog. «Die Polizei hatte fast Mühe, dem Festzug der Jugend den Weg zu bahnen», schrieb der «Bund». Und das Bärlein? Dieses soll sich «gwundrig» bald nach links, bald nach rechts gewendet, mit seinen Tatzen die Gitterstäbe des Käfigs umfasst und die Berner beäugt haben. Am Bärengraben angekommen, begrüsste ein 12-jähriger Pfadfinder den Bären Miklos im Namen der Schuljugend. Er versprach ihm, dass kein Kind am Graben vorbeigehe, ohne ihm ein saftiges Rüebli, ein Weggli oder gar etwas Süsses mitzubringen. «I ha nume no Angscht, du wärdisch de z’dick u tüegsch dir dr Mage verderbe», fügte der Bub die wohl oft gehörte Befürchtung der eigenen Mutter an. Die «Neue Berner Zeitung» beschrieb das Bären-Glück so, dass es Miklos an «Rüebli und Schoggola nicht fehlen soll, von einem Steuerzettel bleibt er ja verschont». Unvergessener Miklos Ganz so selbstlos hat Carl Irlet seinen Bären nicht hergegeben: «Er hatte sich ausbedungen, dass er nach Miklos’ Tod dessen Fell bekommt», sagt Irlets Enkelin, Annelise Zwez. So kam das Fell 1943, als Miklos eingeschläfert wurde, ins Fraubrunnenhaus in Twann. Dort, an der Wand in der Halle, hängt es noch heute. Bär Urs steht ausgestopft im Museum in Solothurn. Weil das Fraubrunnenhaus auch eine Art Museum ist, bleibt der Ungarbär Miklos den Bernern erhalten – und unvergessen, wie Zwez sagt. «Jeder, der einmal im Haus war, erinnert sich zuerst an den Bären.» Andrea Sommer>

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