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Altstetten wird siebenstöckig

Zürich Wie die Stadt in 25 Jahren aussiehtmit 40 000 Einwohnern mehr. Von Jürg Rohrer Südanflug auf Zürich, gute Sicht: Schön zu sehen, wie Albiskette und Pfannenstiel den See fassen, bis er sich am Bellevue zum Schlauch namens Limmat verengt. Die sieben Hügel der Stadt – die Zürcher nennen sie Berge – sind dicht bewaldet; Allmend, Irchelpark und Werdinsel verstärken den Eindruck einer grünen Stadt. Auf den ersten Blick sieht Zürich so aus wie im Jahr 2011, als das Bundesamt für Statistik der Schweiz ein Bevölkerungswachstum von einer Million Menschen vorausgesagt hat, davon 200 000 für den Kanton Zürich (TA vom 30. März). Bloss sehen wir nicht, wo die Stadt aufhört. Das Häusermeer geht nahtlos ins Limmattal über; und auch jenseits des Irchels ist keine Grenze mehr auszumachen: Zürich-Nord ist Teil eines riesigen Bandes von Dächern, das von Uster bis Wetzikon reicht.Nach der Ankunft wird zuerst die City besucht. An der Bahnhofstrasse folgt ein billiger Kleiderladen dem nächsten; die einst schönste Einkaufsmeile der Welt ist ein Teenagertreff geworden. Hat doch im letzten Vierteljahrhundert die Zahl der unter 20-Jährigen im Kanton Zürich um acht Prozent zugenommen. Die teuren Läden befinden sich jetzt am Limmatquai und seinen Seitengassen. Oder in einer der Altstadtkirchen. Bis auf das Grossmünster mussten alle Kirchen mangels Gläubigen säkularisiert werden. Das ausschliesslich weibliche Personal in der Fraumünster-Lounge ist eine kleine Hommage an die Vergangenheit, als das Gemäuer ein Frauenstift war. Man spricht Deutsch Während des Spaziergangs den See entlang überrascht die Unmenge an Abfallkübeln; sonst ist optisch alles beim Alten. Wie überhaupt das ganze Seefeld unverändert erscheint, von einigen elegant-kühlen Neubauten abgesehen. Nur wird man im Laden nicht verstanden, wenn man an der Kasse einen Sack verlangt. «Sie meinen wohl Tüte», wird einem spitz beschieden. Gleich wie das Seefeld ist auch der Zürichberg praktisch unverändert: Villen, Vorgärten, Hochdeutsch. Wir erinnern und an das Jahr 2010, als die Stadt ihre Entwicklungsstrategie bis 2025 vorgestellt hat. Für 23?000 zusätzliche Einwohner und 78?000 neue Arbeitsplätze gab es nur schon mit der damaligen Bauordnung Platz. Für sie sollten aber keine Wiesen geopfert und keine der schönen Wohnquartiere verdichtet werden: Seefeld, Zürichberg, Wiedikon und Aussersihl mussten bleiben, wie sie sind. Die Verdichtung sollte am Nordwesthang des Uetlibergs stattfinden, in Leimbach, am Friesenberg, in Altstetten sowie in Höngg und in ganz Zürich-Nord. Auf einer Stadtrundfahrt sehen wir es dann mit eigenen Augen: Zürich im Jahr 2035 ist in den Randquartieren keine dreistöckige Stadt mehr, sondern eine mit sieben Geschossen – abgesehen von einzelnen Häusern, welche die Denkmalpflege unter Schutz gestellt hat. Richtige Hochhäuser gibt es auch: Mehrere Dutzend stehen am Rand des SBB-Gleisfeldes und nördlich des Escher-Wyss-Platzes, doch sind das alles Bürotürme. Das Wohnhochhaus hat sich in Zürich nicht durchgesetzt; die Miete wäre zu hoch und der Kinderspielplatz zu weit unten. Enorm viel Verkehr Was in diesen Quartieren neben der Grösse der Wohnhäuser auffällt: die vielen Schulhäuser (alles günstige Normbauten) und dieser enorme Verkehr! Die 420 000 Einwohner und 400 000 Berufstätigen müssen sich bewegen; ihre Individualität leben sie immer noch gern im eigenen Auto aus, selbst wenn es Zürich nie zu einem Entlastungstunnel geschafft hat. Allen bürgerlichen Forderungen und Richtplänen zum Trotz: Stadt-, See- und Waidhaldetunnel liessen sich weder politisch noch finanziell realisieren. Dafür ist die Nordumfahrung achtspurig, und die SVP fordert zusammen mit den Automobilverbänden eine zweite Tunnelröhre durch den Uetliberg. Den botanischen Stadtrat – alle Nuancen von grün – kümmert das wenig, fahren doch Trams und Hybridbusse im 3-Minuten-Takt. Die Quartiere sind eng vernetzt mit neuen Tramlinien: Die Linien 16 und 17 zwischen Zürich-Nord und Zürich-West, Linie 1 vom HB nach Altstetten, zwei Linien ab Affoltern, Tram Süd vom Letzigrund zum Zürichberg. Alles auf die Limmattal- und die erweiterte Glattalbahn abgestimmt. Die Trams haben wegen der Passagiermenge kaum Sitze, dafür haben die Räder der Cobra im Gegensatz zu damals keine Ecken mehr. Und in jeder zweiten Durchsage heisst es aus Rücksicht auf die stärkste Einwohnergruppe nicht «das», sondern «die» Tram.

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