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Anekdoten aus acht Jahren

Die besten Werkzeuge

Attacke im Anzeiger. Ungläubiges Staunen, leeres Schlucken, Schweissausbrüche: Etwa so reagierte ich am 1.September 2005, als ich den Grenchner Stadtanzeiger durchblätterte. Da habe ich es nach der ersten Gemeinderatssitzung, die ich als Grenchen-Redaktor besucht hatte, doch tatsächlich namentlich in den Anzeiger geschafft. Allerdings nicht gerade in schmeichelhaftem Zusammenhang: In einem halbseitigen Inserat schoss die SVP scharf gegen mich, weil ich in der Berichterstattung über eine Debatte um kriminelle Ausländerbanden mit der – laut SVP – «unwahren» Überschrift «Tiraden gegen Ausländer» gegen die Partei gehetzt habe. Das Inserat hängt seither an der Wand neben meinem Arbeitsplatz. Das Verhältnis zur SVP war danach mal ent-, mal angespannt. Aber die Schweissausbrüche, die habe ich mir inzwischen abgewöhnt. Philippe MüllerNach zwei Jahren als Grenchenredaktor betreute Philippe Müller ab 2007 die Berichterstattung über die kantonale Politik. Wildwest beim Puff. Es ist fast auf den Tag genau fünf Jahre her, dass das Freubad in Recherswil seine Tore öffnete. Das Grossbordell direkt an der A1 war von einigen Dorfbewohnern gar nicht gerne gesehen. Unter anderem fochten sie den «sexgewerblichen Betrieb» mit einer Beschwerde beim kantonalen Bau-und Justizdepartement an. Um sich ein Bild zu machen, lud daraufhin der zuständige Jurist Thomas Wiggli zum Augenschein vor Ort. So versammelten sich eines sonnigen Vormittags im April 2004 Puffgegner und -betreiber, Gemeinde-, Kantons- und Medienvertreter vor dem geplanten Erotiktempel an der Gerlafingenstrasse47 in Recherswil. Durch einen seiner Helfer liess der grimmig dreinblickende Freubad-Betreiber Peter Curti den Presseleuten ausrichten, er liebe es nicht, fotografiert zu werden. Davon liess sich aber Tagblatt-Fotograf Fred Struchen überhaupt nicht beeindrucken. Schliesslich hatte er in seiner langen Karriere unter anderen Brigitte Bardot für die französische Zeitschrift «Paris Match» abgelichtet. Kurz und gut: Fred Struchen drückte mehrmals ab. Dann ging alles blitzschnell. Schon waren zwei von Curtis Helfern beim Fotografen und versuchten ihm den Fotoapparat abzunehmen. Ich stürzte mich ebenfalls ins Getümmel, es kam zum Handgemenge, aber nur kurz. Die autoritären Worte von Baujurist Wiggli taten ihre Wirkung, die Streithähne liessen einander in Ruhe. Fred Struchen hatte seinen Apparat immer noch und das Tagblatt ein Bild von Peter Curti samt Bodyguard, das tags darauf in der Zeitung erschien. Exklusiv. Daniel RohrbachDaniel Rohrbach war als Redaktor für den Bezirk Wasseramt zuständig. Beim Schamanen klingelts. Ein Wald bei Lüterkofen, ein Feuerchen in der Mitte, viel Rauch. Der Schamane Ootschur-Oolovich , der den weiten Weg von Sibirien in den Bucheggberg gefunden hat, erzeugt Singsang mit Wörtern wie «Tschejo» und «Haja» und schlägt das mit Glöckchen besetzte Tambourin, und eine Horde Erwachsener marschiert um das Feuer wie einst die Indianer. Die Zeremonie wirkt für Aussenstehende recht skurril. Alle sind in Trance – plötzlich dudelt ein Handy unüberhörbar. Der Chef-Schamane selbst ist schuld. Er unterbricht die Zeremonie. Seine Frau ruft zeitverschoben aus Sibirien an, wie die Organisatorin erklärt. Die Familie geht vor und er ein paar Schritte in den Wald hinein, spricht da zwei Minuten, während die Teilnehmer ratlos herumstehen. Kaum zurück, geht es weiter wie zuvor. «Tschejo» und «Haja» tönt es. Der Fotograf und ich schauen uns an und schütteln den Kopf. Das ist aber kein Zeitungsritual. Beat WaldmeierBeat Waldmeier war ab Frühjahr 2007 für das Tagblatt tätig, primär als Reporter. Eine gute Zeit. Das wirklich Spezielle an der Zeit beim Tagblatt waren die Begegnungen mit den Menschen, die Kontakte, mal persönlich, mal telefonisch, meistens auf einer guten Ebene. Es gab lustige Momente, beklemmende und traurige Situationen, je nach Grund und Thema. Es gab interessante Gesprächspartner, aber auch mühsame. Für die war ich dann der «Stürmisiech» und sie warens für mich. Nun ist es vorbei. Es war eine gute Zeit. Anita Zulauf Anita Zulauf arbeitete vier Jahre für das Tagblatt als Redaktorin und Reporterin. Wo bitte gehts hier lang? Mein erster Einsatz für das Tagblatt war ein Schock. Nicht thematisch, aber geografisch und kommunikativ. Ich sollte nach Aedermannsdorf, einen Ort, von dem ich zuvor noch nie gehört hatte. Erstaunlich schnell fand ich zum Glück den Weg ins Thal. Schwierig wurde es bei der Rückkehr. Wo ist in Solothurn der Westbahnhof, wo ich das Redaktionsauto abstellen sollte? «Wengibrücke gesperrt, Benutzen sie die Rötibrücke», stand auf einem Schild, das ungefähr in die richtige Richtung wies. «Nett», dachte ich, «jetzt müsste ich nur noch wissen, wo sich die Rötibrücke befindet.» Eine Stunde später war ich der Verzweiflung nahe. Zum dritten Mal fuhr ich an einer Gruppe Jugendlicher vorbei. Ich bat um Hilfe. Einer hatte Mitleid: «Komm Hans, fahr doch mit dem Auto voraus», meinte er zu einem Kumpel. Der musterte mich kritisch von oben bis und unten und befand dann: «Na kommen Sie, den Weg finden Sie schon alleine.» Das war zu viel: nicht nur mangelndes Orientierungsvermögen, sondern auch noch zu alt, als dass einem junge Männer helfen würden. Das Auto habe ich am nächsten Tag zum Westbahnhof gebracht – und nie mehr einen Unbekannten in Solothurn nach dem Weg gefragt. Mirjam ComtesseMirjam Comtesse stiess im August 2008 zum Tagblatt, wo sie die Bezirke Thal und Gäu betreute. Sie stammt aus dem fernen Thurgau. Zwei Sesseli-Stunden. Ich bin einfach allzu oft (zu) spät dran. An einem Montag Ende Oktober 2005 allerdings war ich überpünktlich und stand zwei Minuten zu früh im Büro des Direktors, dessen Firma ich portraitieren sollte. Dieser aber war putzhässig und raunzte: «Was fällt Ihnen ein, Sie sind eine volle Stunde zu spät!» Mein Triumph: Der Direktor hatte vergessen, seine Uhr auf Winterzeit umzustellen. Ein anderes Mal war ich diejenige, die lange warten musste. Ich war zu einer Rettungsübung der Seilbahn Weissenstein eingeladen und hatte mich in der Redaktion für eine Stunde abgemeldet, in der irrigen Meinung, das reiche längst. Weit gefehlt: Zwei Stunden hing ich fest, bis mich die Feuerwehr Oberdorf aus dem Sessel holte. Von einer «Verspätung» wollten die Verantwortlichen nichts wissen: Sie haben genau zwei Stunden Zeit, die Passagiere zu retten, wenn die Bahn wirklich mal stehen bleibt. Monika FrischknechtMonika Frischknecht, die stellvertretende Chefredaktorin des Tagblatt, war als Produzentin tätig, betreute den Bezirk Lebern und die Gemeinde Zuchwil. Ein Name, der Türen öffnet. Dass mein Name Türen öffnet, merkte ich, als ich im Ressort Thal-Gäu anfing. Die Region war für mich Neuland, als ich im Dezember 2007 zum Tagblatt stiess. Doch ich hatte einen Vorteil: meinen Namen. Mein Geschlecht stammt nämlich aus dem Thal, aus Matzendorf. Gekannt habe ich meinen ursprünglichen Heimatort (mein Grossvater hat sich in Grenchen eingebürgert) bis zu meinen Einsätzen in dieser Region zwar nicht, das wussten aber die Thaler nicht. Und so hatte ich das Privileg, herzlich begrüsst zu werden. Nachdem ich mich jeweils vorgestellt hatte, hörte ich oft: «Ah, Sie sind also Thaler.» Und ich konnte ungelogen antworten: «Ja, Matzendorf ist mein Heimatort.» Zack, das Eis war gebrochen. Parzival MeisterIm Sommer 2008 hat Parzival Meister das Ressort gewechselt: Seither berichtete er über die Geschehnisse in Grenchen, seinem zweiten Heimatort. Primeur im Treppenhaus. Über den ländlichen Bucheggberg zu berichten, macht immer wieder Spass – auch wenn mehrere Gemeinden das Internet noch nicht kennen und Informationen vielerorts nur per Flugblatt verbreitet werden (damit die lieben Nachbarn nicht lesen können, was läuft). Die Informationsbeschaffung erfordert hier spezielle Einsätze. Im Herbst 2004 wartete ein schöner Primeur denn auch in einem dunklen Treppenhaus: Durch den Zuzug von Hugo Mathys konnte die Gemeinde Lüterkofen den Steuerfuss auf einen Schlag um 30 auf 85Prozent senken. Das war seit Jahrzehnten die spektakulärste Steuersenkung im Kanton. Und das Budget mit dieser noch streng geheimen Information lag wie gewohnt im dunklen Treppenhaus zur Einsicht auf. Robert GroggRobert Grogg hat für das Tagblatt den Bucheggberg betreut. Er tut dies auch weiterhin: für die Berner Zeitung BZ, die neu über den Bucheggberg berichten wird. Links und rechts verhöhnt. Der Gemeinderat der Stadt Solothurn war vor kurzem bei der ominösen Diskussion über den Finanzplan in zwei Lager geteilt – ausser dass es übel aussieht, war man sich gar nicht einig. Die beiden Lager stritten ausdauernd. Ein Diskussionsteilnehmer schien aber die Argumente beider Seiten gleich blöd zu finden, verhöhnte die Sprecher und zwischendurch klang es sogar wie dreckiges Gelächter: eine Ente, die sich vor dem offenen Fenster zur Aare hin platziert hatte, kommentierte jedes Argument, egal ob von rechts oder links, lautstark mit «quaaaak, quak, quak» Eva BergerAb September 2008 war Eva Berger als Redaktorin für die Stadt Solothurn zuständig. Wer zuletzt lacht... Es ist der 12.Dezember 2007. Der Kantonsrat wählt einen neuen Staatsschreiber, in Bern wählt das Parlament den Bundesrat. Totenstille herrscht im Saal, als Kantonsratspräsident Kurt Friedli das Resultat aus Bern bekannt gibt: Gewählt ist mit 125 Stimmen... Eveline Widmer-Schlumpf. Der Moment treibt mir noch heute die Schamesröte ins Gesicht: Die Totenstille durchbricht von der Pressetribüne her schallendes Gelächter aus dem Mund des Repräsentanten des Tagblatt. 100Augenpaare richten sich auf mich, aus ihnen spricht der Ausdruck, dem man tödliche Wirkung nachsagt. Obwohl kein Anhänger Christoph Blochers, war es mehr schiere Verblüffung als Schadenfreude über die Abwahl, die den Anfall auslöste. Aber wen interessiert das, wer glaubt das schon. Eine offizielle Rüge für das ungebührliche Verhalten im Ratssaal blieb zum Glück aus, der Vorfall ist nicht in den Ratsprotokollen vermerkt. Auch nicht die empörte Feststellung von SVP-Präsident Heinz Müller, der Tagblatt-Chef habe offensichtlich den Beruf verfehlt. So übe ich ihn denn auch weiter aus, sicherheitshalber fernab vom Solothurner Rathaus. Urs MoserUrs Moser war von 2006 bis im Frühjahr 2009 Chefredaktor des Solothurner Tagblatt. Heute arbeitet er bei der Aargauer Zeitung. >

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