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Aufgepasst bei Umfragen und Statistiken

kurt siegenthaler

Vor zehn Tagen hat die Bundesversammlung den Neuenburger FDP-Ständerat Didier Burkhalter in den Bundesrat gewählt. Eine gute Wahl. Auch Urs Schwaller wäre fähig gewesen. Hauptsache: Endlich ist das penible, monatelange Parteiengezänk mit Drohungen, Forderungen, Zahlenklauberei und Lügen vorbei. Didier Burkhalter ist ein überzeugter Konsenspolitiker. Und wenn die Umfrage des SRG-Wahlbarometers nur ein wenig zutrifft und die Polarisierungsparteien tatsächlich an Bedeutung verlieren, kann es nur besser werden. Was Umfragen betrifft, bin ich allerdings skeptisch. Ich halte mich da an den unvergesslichen Bundesrat und Oberhofer Bürger Willi Ritschard: «Die beste Meinungsumfrage ist die Auszählung der Stimmen am Sonntagabend.» Skeptisch bin ich nicht nur gegenüber Umfragen, sondern auch gegenüber den Tausenden von Studien, die weltweit für viel Geld erarbeitet und veröffentlicht werden. Arbeitsbeschaffung für Organisationen, Institute und Studenten heisst es gelegentlich. Meine Skepsis hat einen Grund. Immer wenn ich mich auf mein Stahlross setze, zwänge ich meinen Schädel (wie verlangt und bald wohl auch vorgeschrieben) vorbildlich in einen Velohelm Und jetzt das. Velohelme erhöhen das Unfallrisiko, behauptet der oberste Velo-Lobbyist. Seine Begründung: Autofahrer überholen Helm tragende Radler mit kleinerem Abstand als jene, die keinen Helm tragen. Das habe eine Studie ergeben. Selbstverständlich kontern Unfallverhüter mit Gegenstudien. Helmtragen könne Leben retten. Wem soll man glauben? Bei Studien und Gegenstudien genügt es, den Auftraggeber zu kennen. Ist es die Pharmaindustrie, ein Nahrungsmittelhersteller oder ein Verband. Vorsicht und Skepsis ist auch gegenüber Statistiken angebracht. Seit dem 24.Juli allerdings etwas weniger. An diesem Tag verbreiteten die meisten Medien die Resultate von zwei neuen Statistiken. Die erste hielt fest, dass der Bierkonsum in der Schweiz im Jahre 2008 um 0,6 Liter pro Kopf zugenommen habe gegenüber dem Vorjahr. Hingegen wurde pro Kopf eine Flasche Wein weniger getrunken. – Gemäss der zweiten Statistik kamen im gleichen Jahr 29000 deutsche Einwanderer in die Schweiz. 6000 mehr als im Vorjahr! Ein Zufall? Ich möchte keinesfalls unseren nördlichen Nachbarn zu nahe treten oder in den rassistischen, antideutschen Chor einstimmen. Auch wenn ich feststelle, dass viele Professoren, CEO und Experten, die heutigentags in der Schweizer Tagesschau auftreten, einen nördlichen Akzent haben. Denn ich weiss ja auch, dass unser Gesundheitssystem ohne deutsche Arbeitskräfte offenbar nicht mehr funktionieren würde. Trotzdem: Die Schweiz ist ein Weinland und soll es bleiben. Die Integrationspolitik ist gefordert. «Ich glaube nur an die Statistiken, die ich selbst gefälscht habe.» Ein weiteres Zitat von Willi Ritschard. In der Tat kann jeder Statistiken selbst erarbeiten. Sie eignen sich auch als Therapie, wenn man sich ärgert oder etwas für falsch hält. Ich zum Beispiel stosse mich daran, dass es immer mehr Boulevard-Journalistinnen und -Journalisten gibt und immer weniger politische. Ich wundere mich zum Beispiel, dass ich allein im Juli in dieser Zeitung viermal (!) über eine gewisse Amy Winehouse informiert wurde. Scheidung, Schlägerei, Gerichtsverfahren, Alkohol, das Übliche eben. Zugegeben, ich kenne Weinhäuser. Vielleicht blamiere ich mich, aber diese Amy kenne ich nicht. Ich will sie nicht kennen lernen, sie interessiert mich nicht. Das gilt auch für die horizontalen Aktivitäten einer Frau Hilton. Und warum werde ich alle paar Monate über die schöne Villa und den Reichtum des Housi Leutenegger informiert? Ich mag ihm das gönnen, der Name tönt so schön bernerisch. Doch sorry, auch ihn kenne ihn nicht. (Ich kenne nur einen Filippo gleichen Namens. Über seine politischen Slalomläufe würde ich hingegen gerne etwas lesen.) Doch nun zu meiner Statistik. An rund 360 Tagen erscheinen Presseprodukte. Offenbar gibt es weltweit nur 20 VIP-Leute, die sich für Klatschspalten eignen. Rechne! 360 durch 20. Ist doch nur halb so schlimm. Vielleicht ärgern Sie sich wegen verspäteter Züge und vor allem wegen der beschönigenden Zahlen der SBB. Machen Sie eine eigene Statistik. Das hilft. E-Mail: sigisoberhofen@bluewin.ch redaktion-tt@bom.ch >

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