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Besuch in der Vergangenheit

Das Atomkraftwerk Gösgen mit seinem Kühlturm ist ein Wahrzeichen der Region. Von innen aber kennt kaum jemand die Anlage. Ein Rundgang im Innern entpuppt sich auch als Reise, die 30 Jahre in die Vergangenheit zurück führt.

Der Himmel über Däniken ist grenzenlos blau an diesem Morgen. Einzig die Dampfwolke, die aus dem 150 Meter hohen Kühlturm des Atomkraftwerks Gösgen (AKW) pafft, gibt dem Himmel Kontur. Die Dampffahne ist für viele Däniker auch Wetterfahne. Steigt der Dampf senkrecht hoch, wird das Wetter gut, heisst es. Liegt die Wolke flach im Wind, bahnt sich schlechtes Wetter an. Der Fingerabdruck Die Sicherheitschecks der Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG sind rigid. Das Sicherheitspersonal kennt kein Pardon. Heroin oder Kokain durch einen Flughafen zu schmuggeln ist ein Schleck dagegen. An der ersten Sicherheitsschleuse müssen alle Taschen geleert werden. Schlüssel, Portemonnaies und Co. werden auf ein Fliessband gelegt und geröntgt. Handys bleiben draussen. Besucher werden durchleuchtet und auf Waffen oder Sprengstoff durchsucht. Ist man sauber, geht es weiter – und keine zehn Meter später zur nächsten Kontrolle. Eine Drehtür. Hier tippt man einen vierstelligen Code ein. Die AKW-Mitarbeiter selber werden per Fingerabdruck kontrolliert. Die Drehtür wird mittels Zufallsgenerator gelegentlich blockiert. Mitarbeiter, die stecken bleiben, müssen wie die Besucher durch die strenge Eingangskontrolle. Rote oder gelbe Socken Der richtige «Striptease» folgt aber erst später. Um in den eigentlichen Kraftwerkbereich zu kommen, muss man sich erst ausziehen. Nackt. Damit keine Strahlung von draussen ins AKW-Innere gelangt. Damit man später kontrollieren kann, ob jemand Kontakt mit kontaminiertem Material hatte. Dann stülpt man sich neue Kleider über. Unterhose. Unterleibchen. Socken. Rot. Oder gelb. Klein. Oder gross. Darüber ein weisser Overall. Dazu Turnschuhe. AKW-Look. Ab hier sieht jeder gleich aus. Was jetzt noch fehlt, ist das Dosimeter. Dieses trägt man von nun an ständig bei sich. Das handygrosse Gerät informiert einen jederzeit über die aktuelle Strahlungslage. Piepst es nicht, ist alles okay. Piepst es, hat man ein Problem. Das Dosimeter zeigt 0,0 Millisievert pro Stunde* an. Alles okay. Und dann ist man drin. Schleuse für Schleuse Aus der Vogelperspektive betrachtet hat man jetzt die zwischen 1,2 und 1,6 Meter dicke Betonkuppel betreten. Durch eine weitere Personenschleuse gelangt man ins Herzstück der Anlage: in den stählernen, drei Zentimeter dicken Sicherheitsbehälter um den Atomreaktor herum. Hier spalten Neutronen die Atomkerne des Uranisotops 235. Hier entsteht die Wärme, die später als Dampf die Turbinen antreibt und so zu Strom wird. Das AKW trägt zirka 13 Prozent zur gesamten Stromerzeugung in der Schweiz bei. Den Reaktor bekommt man unter normalen Umständen nicht zu Gesicht. Er wird nur in Revisionszeiten freigelegt. Was man sieht, ist das kleine Schwimmbecken gleich daneben. Klares Wasser. 20 Grad. Hier werden die abgebrannten Brennelemente zwischengelagert. 600 Stück haben Platz. 177 Plätze müssen immer frei sein. So viele Brennelemente beschäftigen den Gösger Reaktorkern. Jedes Jahr werden 45 Brennelemente ersetzt. Ein eigenes Nasslager Die abgebrannten Brennelemente bleiben hier mindestens für ein Jahr. Frühestens dann ist der Nachzerfall der Spaltprodukte so weit fortgeschritten, sind die Brennelemente so weit abgekühlt, dass sie weitertransportiert werden können. Früher gelangten die Elemente in die Wiederaufbereitsungsanlagen in La Hague (F) und Sellafield (GB) oder ins zentrale Zwischenlager im aargauischen Würenlingen. Weil Transporte ins Ausland verboten wurden, hat Gösgen ein eigenes Nasslager gebaut. Seit April 2007 können hier zusätzlich 1000 Uran- und Plutonium-Brennelemente gelagert werden. Die Endlagerung ist aber immer noch ungelöst. In die Jahre gekommen Der Besuch des AKW ist auch eine Zeitreise. Man wird innert Minuten 30 Jahre zurück gebeamt. Ohne Zeitmaschine. In die Kommandozentrale zum Beispiel. Analoge Armaturen. An den Wänden schematische Darstellungen technischer Abläufe. Mit kleinen, blauen Knöpfen gesteuerte Schaltkreise. Trotz der in die Jahre gekommenen Technik funktioniert die Anlage tadellos. Zu einem Störfall ist es seit 1979, als Gösgen ans Netz ging, nie gekommen. Im Ernstfall würde sich die Anlage automatisch abschalten. Die Kettenreaktion im Reaktorinnern würde innert Sekunden gestoppt. Dennoch ist das AKW eine permanente Baustelle. Systeme werden laufend ersetzt. Auch die Tage der Kommandozentrale sind gezählt. Die analogen Armaturen werden auf digital umgerüstet. Top secret, natürlich Über die Sicherung geben die AKW-Verantwortlichen keine Zahlen bekannt. Man hat gelernt aus früheren Vorfällen. Jenem etwa, als zwei Pakistani vor sieben Jahren mit elektronischem Kartenmaterial von Gösgen an der Grenze gestoppt wurden. Die Erleichterung «Die Sicherung ist aber gewährleistet», sagt Pressesprecher Bruno Elmiger. Eine im Nachgang zum 11. September 2001 gemachte Studie kommt zum Schluss, dass die sicherheitsrelevanten Gebäude den Absturz eines voll betankten Langstrecken-Verkehrsflugzeuges verkraften würden. Und dass die Wahrscheinlichkeit einer Freisetzung von Radioaktivität «sehr gering» sei. Dennoch beschleicht den Laien auf dem Rundgang gelegentlich ein mulmiges Gefühl. Etwa beim Vorbeigehen am quasi AKW-internen Endlager. Hier liegen in gelben und orangen Fässern schwach und mittelradioaktive Abfälle. Sechs Meter unter dem Boden. 50 Meter von der Aare entfernt. Schliesslich ist der Laie froh, kann er sich nach einer strahlentechnischen Endkontrolle der Kleider entledigen und das AKW verlassen, wie er es betreten hat. Auf dem nahe gelegenen Platz des Pétanque Club Däniken kämpfen die Spatzen um die Früchte, die der Kirschbaum hat fallen lassen. Der Himmel ist so blau wie drei Stunden zuvor. Die Dampfwolke steigt senkrecht aus dem Kühlturm. Das Wetter bleibt schön. Martin Kaiser * Der Richtwert Millisievert pro Person und Jahr ist die Belastung, der ein Mensch ausgesetzt wäre, würde er ein Jahr lang und permanent unmittelbar neben einem AKW leben. Der Grenzwert liegt bei 0,3 Millisievert pro Jahr. Die natürliche Strahlenbelastung ist zehn bis zwanzig Mal grösser. >

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