Zum Hauptinhalt springen

Briefe und Bratwürste

Das Weltpost-Denkmal wird bald 100 Jahre alt. Aber es mag keine runden

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wie schön, dass Sie mich heute aufsuchen. Es trifft sich gut, weil ich habe mich gestern frisch herausgeputzt. Oder besser gesagt: herausputzen lassen. Denn ich feiere mein Jubiläum: Heute vor 99 Jahren und 327 Tagen wurde ich eingeweiht. Ich bin das Weltpost-Denkmal und halte, seit ich bin, auf der Kleinen Schanze, bronzen wie ich bin, Residenz. Sie denken nun, wie absurd, warum wartet es mit der Feier nicht, bis es 100 Jahre alt wird? Nun, ganz einfach, ich mag keine runden Jubiläen, darum feiere hier und jetzt mit Ihnen. Ich kann mich noch lebendig an meine Einweihung am 4.Oktober 1909 erinnern: 63 Delegierte aus 52 Staaten fanden sich an jenem Montag, um halb elf Uhr zusammen mit zahlreichen weiteren Gästen hier ein. Der Bundesrat erschien gar vollzählig. Da die Kleidervorschriften streng waren, schien die Festgemeinde damals eher meiner Beerdigung denn meiner Taufe beizuwohnen: Schwarz beherrschte den Ton und der steife Gehrock war en vogue. Einzig der Ober-Postdirektor Äthiopiens, Ato Denkou, bildete eine Ausnahme: Sein Erscheinen war eine farbenprächtige optische Attraktion. Drei Tage dauerten die fromm-dekadenten Feierlichkeiten. Nun, heute möchte ich in bescheidenem Rahmen gefeiert werden, auch wenn ich das offizielle Denkmal des 168 Mitgliederstaaten zählenden Weltpostvereins bin, der seinen Hauptsitz in Bern hat. Bitte, bedienen Sie sich, die Bratwürste warten nur auf ihren Verzehr, und die Getränke stehen nicht hier, um sich bloss zu sonnen. Dazu kriegen Sie noch das von mir in Auftrag gegebene offizielle Fest-T-Shirt mit der Aufschrift «99 Jahre, 326 Tage Weltpost-Denkmal: Hoppla!» geschenkt. Ganz nebenbei die Frage: Haben Sie mich schon einmal genau betrachtet? Wissen Sie, was ich darstelle? Ich bin die Weltkugel, und um mich herum, als Allegorien der Erdteile, schweben fünf Frauengestalten, sich Briefe weiterreichend. Neben dem Erdball wacht die mit einer Mauerkrone geschmückte, sitzende Berna in wallendem Gewand und stützt mit der rechten Hand ein Schild, das das Berner Wappen trägt. So ist das. Ich wurde damals aus 122 Projekten ausgewählt. Mein Vater war schon ein alter Mann mit Spitzbart, als er mich schuf. Ein nobler Herr aus Paris, der den klangvollen Namen René de Saint-Marceaux trug. Anfangs war ich ja sehr umstritten, aber mit den Jahren begann die Freude an mir zu überwiegen. Einer hatte mich schon früh erkannt. Hier ein Auszug aus der Rede von Bundesrat Forrer zu meiner Einweihung: «Ich erwarte, dass jedermann das Denkmal, wie es unter freiem Himmel steht, respektiert, und nehme für dasselbe auf alle Zeiten und für alle Verhältnisse in Anspruch, dass es auch völkerrechtlich als heiliges Gut anerkannt werde.» Nun wissen Sie also endgültig, mit wem Sie es zu tun haben. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch, und vergessen Sie nicht, heute Abend, um 22.30 Uhr wird es zum Abschluss dieser kleinen Feierlichkeiten noch ein Feuerwerk geben. Wie Sie erscheinen sollen? Tenü: ungezwungen. Jürg Halter (28), Dichter aus Bern. Auch bekannt als Musiker Kutti MC, von dem morgen Freitag sein neues Album «Sunne» erscheint: myspace.com/kuttimc. >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch