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Dank dem gehörlosen Kollegen hören sich alle besser zu

Ein Thalwiler Architekturbüro ist für die Integration eines Hörbehinderten ausgezeichnet worden. Die Mitarbeiter büffeln nun einmal pro Woche Gebärden und kommen zu überraschenden Einsichten.

Von Ev Manz Thalwil – Samuel Wullschleger schlägt sich drei Mal mit der rechten Faust auf die Brust, reisst die Augen auf. Dann deutet er mit der rechten Hand in die Runde und schlägt sich erneut auf die Brust. Alle lachen. Wullschleger lacht mit, weil er sieht, dass seine Arbeitskollegen lachen. Hören kann er sie nicht. «Er ist nervös, weil heute so viele Leute zuschauten», übersetzt Felix Sponagel, Leiter des Thalwiler Architekturbüros Archplan, die Gebärden. Seit vier Jahren arbeitet der 36-jährige Gehörlose bei Archplan als Hochbauzeichner. Das habe die Kommunikation im Büro stark verändert, sagt Sponagel. «Nicht nur, dass wir und oft mit Gebärden und auf Schriftdeutsch unterhalten: Auch untereinander nehmen wir uns viel mehr Zeit für die Gespräche.» Sich in die Augen schauen und einander ausreden lassen ist zur Pflicht geworden. Die vorbildliche Integration des Gehörlosen Samuel Wullschleger hat dem Büro Archplan gestern den diesjährigen This-Priis eingebracht (siehe Kasten). Einmal die Woche führt Wullschleger die Kollegen in seine Sprache ein. Die Kaffeepause ist dann jeweils kurz, denn die Hände müssen frei sein fürs Sprechen. Er gebärdet ein Verb nach dem anderen, und die Hörenden benennen das Wort in Lauten. Wullschleger schaut ihnen auf die Lippen und weiss sofort, ob sie richtig liegen. Auch er selber beherrscht die Lautsprache; jahrelang hat er vor dem Spiegel trainiert, wo die Zunge für welchen Laut liegen muss. Die Hörenden verstehen ihn. «Schau mich an beim Sprechen» Die vierzehn Mitarbeiter des Büros haben sich einen grossen Wortschatz an Gebärden angeeignet. Das sei kein Muss gewesen, sondern habe Spass gemacht. Eine der schönsten Gebärden sei die des Schreiners, der einen Hobel führt, sagt Architekt Simon Langenegger, der zum zweiten Mal für ein Projekt eng mit Wullschleger zusammenarbeitet. «Da lernt man schnell», sagt er. Muss er ihm etwas sagen, winkt er ihm durchs Grossraumbüro zu. Dann gebärden sie durch den Raum – «ohne die anderen zu stören». Klappt das nicht, geht Langenegger zu Wullschleger ans Pult, das einzige ohne Telefon. Dort besprechen sie die Pläne, und der Hörende informiert seinen gehörlosen Kollegen über die Anliegen des Bauherrn – den Kontakt nach aussen überlässt Wullschleger gerne den anderen. «Das ist sonst anstrengend», sagt er. Langenegger nimmt sich für diese Gespräche Zeit, und das muss er, denn eine kurzer Austausch zwischen Tür und Angel funktioniere nicht. «Es kommt vor, dass Samuel mich packt und sagt: Nimm dir Zeit und schau mich an, wenn du mit mir sprichst. Sonst lass es bleiben.» Wullschleger lacht. Hektik und angespannte Stimmung im Büro empfindet der Gehörlose besonders stark. «Dann kann ich kaum mehr Prioritäten setzen», sagt er. Und meist ist es in solchen Fällen er, der auf die anderen zugeht, fragt, was los sei und versucht, mit einem Spruch die Stimmung aufzuheitern. Auch wenn die anderen Gebärden und Laute nicht bis ins letzte Detail verstehen, lachen sie, denn Wullschlegers Lachen steckt an. Simon Langenegger hat die Behinderung seines Kollegen abgesehen von der besonderen Kommunikation nie als Hindernis erlebt. «Ausser in einer Situation – davon habe ich dir noch gar nie erzählt», sagt er. Er habe Wullschleger nach Feierabend der Arbeiter auf eine Baustelle geschickt, und da sei es ihm plötzlich durch den Kopf geschossen: Was, wenn dieser in eine Baugrube gestürzt wäre und das Handy nicht dabei gehabt hätte? Langenegger erzählt und gebärdet dazu. Wullschleger reisst die Augen auf. «Du hättest nicht schreien können», erklärt Langenegger, «keiner hätte dir helfen können.» Deshalb habe er sich schon ein Notfallszenario zurecht gelegt für den Fall, dass der Gehörlose nicht innert nützlicher Frist wieder im Büro eintreffen würde. Kein Behinderten-Bonus Wullschleger schätzt es, dass er in einem hörenden Betrieb arbeiten kann. «Immer nur mit Gehörlosen zusammenzuarbeiten ist nicht gut», sagt er. Er brauche diese Distanz. Wullschlegers Frau ist ebenfalls gehörlos, seine beiden Töchter indes nicht. «Ich bin ja auch nicht offensichtlich behindert», sagt er. IV-Gelder beansprucht er einzig für seinen Gebärdendolmetscher. Gehörlos ist Samuel Wullschleger seit einer Hirnhautentzündung im Alter von 2 Jahren. Schon früh hat er sich danach in die Welt der Hörenden vorgekämpft. Nach seinem Lehrabschluss arbeitete er sieben Jahre in einem Architekturbüro in Zürich und besuchte gleichzeitig die Technikerschule. Der Gebärdendolmetscher übersetzte ihm die Vorlesungen. Dafür musste er sich derart konzentrieren, dass er sich gar keine Notizen machen konnte. Stattdessen besprach er alles mit einem Tutor. Als die Stelle bei Archplan ausgeschrieben war, stach der 36-Jährige dank seiner Fähigkeiten aus den anderen Bewerbungen heraus. «Sicher haben wir zweimal überlegt, aber nur kurz», sagt Langenegger. Samuel habe sie schliesslich auch als Mensch enorm überzeugt. Und seither stehen auf der Infomappe des Architekturbüros hinter einem Namen zwei Piktogramme: eines bedeutet gehörlos und eines Gebärdensprache. Wenn Samuel Wullschleger spricht, spielen Gebärden, Stimme und Mimik zusammen.Foto: Simon Tanner

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