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Das Echo vom Limmattalspital

Manfred Felder ist halbseitig gelähmt. Jeden Montag spielt er Alphorn vor dem Spital Limmattal.

Von Helene Arnet Schlieren – Ein Alphorn ist weitherum hörbar: «Luegid vo Berg und vo Tal!» Doch was man sieht, ist kein Berg, sondern eine hochschiessende Betonfassade, und kein Tal, sondern eine viel befahrene Strasse. Es ist Montag kurz nach 11?Uhr, und wir befinden uns vor dem Bettenhaus des Spitals Limmattal in Schlieren. Auch der Alphorn-Bläser ist etwas speziell: Manfred Felder sitzt im Rollstuhl. Vor 16 Jahren ist er nach dem Mittagsschlaf erwacht und war halbseitig gelähmt. «Ich hatte keine Schmerzen, kein Kopfweh, mir war nicht übel.» Nichts habe die Hirnblutung angekündigt. Er war damals 55 Jahre alt. «Momoll, das goht scho», antwortet Manfred Felder in seinem angenehmen Solothurner Dialekt auf die Frage, ob er uns auch draussen vorspiele, wenn es regne und kalt sei. «Momoll, das chan i scho», sagte er seinem Bruder, als der ihm vor drei Jahren prophezeite, er könne gewiss nicht einfach so Alphorn blasen. Felder war früher Posaunist in der Dorfmusik und überlegte in der Musiktherapie, wie er sein einst geliebtes Hobby trotz seiner Behinderung wieder ausüben könnte. Er kam aufs Alphorn – «denn man kann es mit einer Hand spielen, es hat keine Ventile, keine Klappen, da muss man nur richtig blasen.» Der Schnauf reicht Wenn er spielt, schaut er voll konzentriert, zwischendurch aber bricht ein spitzbübisches Lächeln durch. Erst habe er in den Räumen der Tagesklinik geübt. «Man verstehe sein eigenes Wort nicht mehr, haben die andern gesagt.» Und so spielt er nun vor dem Nebeneingang des Spitals. Erstaunte Blicke ernte er schon – «aber wegen Lärmbelästigung hat sich noch niemand beklagt.» Eine Praktikantin hatte ihm ein Alphorn vermittelt, das er mieten konnte. Gelernt hat er das Spielen autodidaktisch. «Den Ansatz konnte ich von der Posaune her, der Rest muss beim Alphorn aus dem Bauch kommen.» Und als man ihn gewarnt hat, dass ihm bestimmt der Schnauf fehle, sagte er: «Momoll, de bring i scho ane.» Diese Lebenseinstellung hat ihm in den letzten Jahren geholfen. Früher wohnte er in Oetwil an der Limmat und arbeitete als Kaufmann in Zürich. Als ihn der Schicksalsschlag traf, lebte er aber mit seiner damaligen Lebensgefährtin in der Provence. «Wir waren eine Art Aussteiger.» Erst verbrachte er Monate in Rehakliniken, schliesslich kam er ins Pflegeheim des Limmattalspitals, wo er seit mehr als zehn Jahren zu Hause ist. Er wirkt in keiner Weise verbittert. Von seinem Rollstuhl aus grüsst er in den Gängen des Spitals rundum fröhlich. Viele kennt er beim Namen. Er schäkert auf Serbisch, witzelt auf Portugiesisch, macht einen Spruch in Italienisch. Tränen bei «Amazing Grace» Beim Alphornspielen denke er sich jeweils die Melodie erst im Kopf aus, dann versuche er sie umzusetzen. Er trägt «La Montanara» vor. Der Ton hat diesen samtenen wehmütigen Heimwehklang: das Echo vom Limmattalspital. Bald gibt es Mittagessen – «wir machen noch fünf Minuten». Er beginnt mit «Amazing Grace». Die linke Hand ist stark abgewinkelt, den Kopf hält er, wie auch im Gespräch, leicht schräg. «Bei diesem Stück kommen mir fast die Tränen», sagt er. Er erinnere sich an das Bild des aufgebahrten ermordeten John F. Kennedy und an eine schwarze Sängerin, welche dieses Lied gesungen habe. «Aber das ist Ewigkeiten her,» sagt er. Und verscheucht die traurige Stimmung mit «Im Aargäu sind zwöi Liebi». Ob er gerne einmal von einem Berggipfel hinunter ins Tal spielen würde? Das sei halt kompliziert mit dem Rollstuhl, winkt er ab. Und ihm gefalle es auch ganz gut hier in der frischen Luft vor dem Spital. «Momoll, das isch scho rächt so.» «Momoll, das goht»: Quasi das Motto des 70-jährigen Manfred Felder. Foto: Nicola Pitaro

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