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Das Pony als Co-Therapeut

Antonia Gaertner aus Otelfingen hilft beeinträchtigten Menschen. Einen Grossteil der Arbeit übernimmt jedoch Bjarminn. Die Therapie mit dem Pony nützt selbst bei Essstörungen.

Von Sarah Sidler Boppelsen – Ganz ruhig steht das Pony Bjarminn vor dem Scheunentor seines Stalls in Boppelsen. Den Kopf hält das dunkelbraune Tier mit dem dichten Fell leicht gesenkt. Ein Hinterbein ist leicht angewinkelt. Nur ab und zu bewegt sich sein dichter Schweif, um ein Insekt zu verscheuchen. Bei lauten Geräuschen stellt es die kleinen Ohren auf. Ein sicheres Zeichen, dass Bjarminn nicht schläft, sondern gleichzeitig entspannt und aufmerksam ist. Was für ein Tier das Natürlichste auf der Welt ist, müssen sich viele Menschen erarbeiten. Erarbeiten, dass es ihnen besser geht. Und Bjarminn hilft ihnen dabei durch sein natürliches Verhalten. Laut seiner Besitzerin, der Reittherapeutin Antonia Gaertner, bieten sich Pferde als Projektionsflächen an. «Sie spiegeln mit ihrem Verhalten den Menschen nachvollziehbar und authentisch.» Ruhige Pferde eignen sich also ideal, um beeinträchtigten Menschen zu helfen. «Ich habe während meiner beruflichen Tätigkeit gemerkt, dass sich oft rasch sehr gute Ergebnisse einstellen, sobald ein Pferd in die Beratung oder Therapie einbezogen wird», sagt Gaertner. Sie war zehn Jahre lang als Sozialpädagogin und diplomierte Heilpädagogin in Deutschland tätig. Manche Menschen könnten besser auf Tiere zugehen als auf Menschen. «Pferde lösen besonders viel aus.» Die Mutter einer Siebenjährigen arbeitete in ihrem Heimatland schon als Reittherapeutin, bevor sie vor zwei Jahren mit ihrem Mann nach Otelfingen zog. Mit dem Kauf des Isländer-Ponys und der Ausbildung zur Reittherapeutin hat sie sich einen Berufswunsch erfüllt. Entspannen auf dem Pony «Pferde sind sehr achtsam, wir können viel von ihnen lernen», sagt Gaertner. Denn wenn man achtsam sei, nehme man sich besser wahr und spüre sich stärker. Dies sei besonders bei Menschen wichtig, die zu Depressionen neigen oder suchtgefährdet seien. Aber auch Menschen mit Essstörungen sollen ihren Körper wieder besser spüren, um zu gesunden. Um Bjarminns natürlichen Zustand auf den Klienten zu übertragen, übt seine Besitzerin mit ihren Klienten zum Beispiel zu beobachten, wie das Pony reagiert, wenn man auf es zugeht. Die Klienten sollen danach beschreiben, wie sie sich fühlen, wenn das Pony ihre Berührungen geniesst oder wie es ist, wenn es davor wegläuft. «Wir üben, in der Wahrnehmung feiner zu werden, die Selbstwahrnehmung zu schärfen», erklärt sie. Auch für traumatisierte Kinder eignen sich Übungen, die von der Nähe zum Tier handeln: «Kinder, die wegen Misshandlungen irgendwelcher Art aus ihrem Körper ‹ausgestiegen› sind, können so wieder zu sich selbst finden.» Bjarminn wird zudem in der Familienberatung eingesetzt: Er hilft, Eltern bewusst zu machen, wie sie mit ihrem Kind umgehen.» Als Beispiel nennt Gaertner die Arbeit mit einer verkrachten Familie: «Wenn der Vater das Pony führt und alle fünf Sekunden sein reitendes Kind kritisiert, weiss ich rasch, wo ich ansetzen muss: Dann bitte ich ihn, sein Kind sinnvoll zu loben.» Gaertner bietet weiter Entspannungsübungen an, wie man sie aus der Feldenkraismethode her kennt. Diese können nicht nur auf, sondern auch neben dem Pferd durchgeführt werden. Je nach Klient arbeitet sie im Paddock oder auf Ausritten. Durch die Arbeit mit dem Pferd baut man nebenbei Ängste ab, stärkt Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen. Ergänzende Therapie In der Regel dauert eine Therapie ein Jahr lang. «In 20 bis 25 Stunden sollte das Ziel erreicht sein.» Sie sieht die pferdegestützte Therapie als eine Art Baustein innerhalb eines Behandlungsplans, den sie zusammen mit dem jeweiligen Beraterteam des Klienten erarbeitet. Am häufigsten arbeiten Behindertenheime und Psychiatrien mit pferdegestützten Therapien. Ein Kundenkreis, den Gaertner erst noch aufbauen muss. Sie beginnt im Zürcher Unterland neu mit ihrer Arbeit. Bjarminn ist auf seine Aufgabe als Therapiepferd durch Gelassenheitsschulungen vorbereitet worden. Doch das Pony hat von Natur aus einen sanften Charakter. «Durch seine ruhige Art eignet er sich besonders gut für die Arbeit mit in sich gekehrten Menschen», sagt Gaertner. Um auch für wildere Charaktere ein ideales Therapiepferd anbieten zu können, möchte sie sich nächstens ein zweites Pony kaufen. Auch Antonia Gaertners Tochter ist mit Pony Bjarminn bestens vertraut. Foto: Christoph Kaminski

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