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«Dem Publikum nicht alles vorkauen»

Gute Ausstellungsmacher zwingen die Besucher zum Mitdenken, sagt Andreas Münch vom Bundesamt für Kultur zur gestrigen Verleihung des Swiss Exhibition Award im Schiffbau.

Mit Andreas Münch sprach Paulina Szczesniak Herr Münch, wozu gibt es den Swiss Exhibition Award? Der Preis zeichnet die beste Ausstellung für Gegenwartskunst in der Schweiz aus. Sein Sinn und Zweck ist es, über die Kriterien zu sprechen, dank derer interessante Ausstellungen heute entstehen können. Awards entstehen oft aus dem Gefühl eines Mangels. Steht es schlecht um die Schweizer Ausstellungsszene? Keineswegs. Wir haben in der Schweiz eine sehr breite, qualitativ hochstehende Ausstellungstätigkeit im Bereich Gegenwartskunst. Wir haben auch eine sehr lebendige, international renommierte Kunstszene. Dennoch erinnert man sich im Jahresrückblick an relativ wenige herausragende Ausstellungen. Die meisten Schauen laufen nach demselben Schema ab. Wie sieht dieses Schema aus? Oft wird es heute weitgehend den Künstlern überlassen, wie sie ihre Arbeiten präsentieren. Man lädt sie ein, die Ausstellungsräume zu bespielen, und lässt ihnen dabei mehr oder weniger freie Hand. Das ist nicht per se schlecht. Auch so können solide Ausstellungen entstehen, weil viele Kunstschaffende heute autonom arbeiten, selber Konzepte entwickeln und diese stringent in den Institutionen umzusetzen wissen. Dennoch profitiert jedes Projekt davon, wenn ein Kurator da ist, der mitdenkt und in schwierigen Umsetzungsphasen mit am Karren zieht. Auf diese Leistung wollen wir das Augenmerk lenken. Woduch zeichnet sich ein guter Kurator aus? Dadurch, dass er sich im Vorfeld einer Ausstellung eingehende Überlegungen macht. Dass er ein Konzept erarbeitet. Dass er sich intensiv mit dem Schaffen eines Künstler auseinandersetzt und die Zusammenarbeit mit ihm sucht. Wobei es hier durchaus eine Reibungsfläche geben darf. Kunstschaffende suchen Ansprechpartner – und zwar solche, die nicht bei allem sagen: «Das ist super!» Ergibt eine solche Zusammenarbeit automatisch eine gute Ausstellung? Gut ist eine Ausstellung dann, wenn ihr Denkarbeit vorausging. Und zwar eine, die der Ausstellungsbesucher auch sieht. Die nicht als abgehobene Theorie auf irgendwelchen Papieren steht, sondern die fühl- und erlebbar wird. Um aus einer guten Schau eine ganz besondere zu machen, braucht es einen Schuss Kreativität und Originalität – Stichwort Risiko. Und dieses Risiko fehlt bisweilen? Ja. Vor allem in grösseren Institutionen. Diese befinden sich in einem engeren Korsett – der Erwartungen, der Möglichkeiten, der Sponsoren –, als kleine Institutionen. Das heisst aber nicht, dass diese per se gute Ausstellungen machen. Umgekehrt können auch in grossen Häusern spezielle Ausstellungen gelingen. Unter den diesjährigen Nominierten waren auch grosse Institutionen, etwa das Fotomuseum Winterthur. Gewonnen hat ein kleines Haus, der von Künstlern geführte Ausstellungs- raum Circuit in Lausanne. Ging man dort mehr Risiken ein? Gewagt war, dass man sich in der Schau über die Unterscheidung zwischen Original und Kopie komplett hinweggesetzt hat, indem man sowohl mit Originalen wie auch mit Reproduktionen bis hin zum Fax gearbeitet hat. Und damit nicht die Materialität der Exponate ins Zentrum gestellt hat, sondern eben die Qualität. Ein gewagter Schachzug war ferner die räumliche Umsetzung: Die Nachbarschaft der einzelnen Exponate kam zufällig zustande. Dieses Konzept, das Gefahr läuft, sich zu verlieren, wurde konsequent durchgezogen. Das ist natürlich ein Risiko. Man hätte an der Sache auch scheitern können. Was nicht der Fall war. Die Schau wusste zu begeistern. Warum? Grund für die Begeisterung bei Publikum und Jury war, dass die Ausstellung die Besucher zum Mitdenken zwang. Es zeichnet einen guten Ausstellungsmacher aus, dass er dem Besucher nicht alles vorkaut, sondern ihn mithilfe von Ausstellungstitel, Begleitpublikation und Inszenierung auf die richtige Fährte lockt. Das ist ein Balanceakt zwischen zeigen und entdecken lassen. Und der ist in der Siegerausstellung vorbildlich geglückt. Und das verhalf der Schau zum Sieg? Ich denke, bei Circuit gab letztlich den Ausschlag, dass eben die ganze Kette, die uns interessiert, gestimmt hat. Die Qualität der ausgestellten Arbeiten, die Tiefe der konzeptionellen Arbeit und die konsequente Umsetzung und Wirkung der Ausstellung. Wie kann man Kunstausstellungen überhaupt vergleichen? Tatsächlich haben solche Entscheide einen subjektiven Anteil, der aus der Zusammensetzung der Jury entspringt. Genau aus diesem Grund ist es uns wichtig, mit einer Nominiertenliste zu arbeiten, die ein etwas breiteres Spektrum von Ausstellungen auffächert, welche in ihrer Art alle herausragend waren. In der prämierten Schau des Lausanner Ausstellungsraums Circuit bestimmte der Zufall die Abfolge der Exponate. Foto: Sophie Huguenot Andreas Münch Der 47-Jährigestudierte Kunst-geschichte in Bern. Seit 2001 ist er beim Bundesamt für Kultur für Kunstförderung zuständig.

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