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Dem Wohlensee entsteigt tonnenweise Methan Flussstausee produziert Unmengen von Methan, einem Klimakiller

Die Wasserkraft ist nicht in jedem Fall klimaneutral: Eine ETH-Doktorarbeit weist nach, dass dem Wohlensee, dem Aare-Stausee bei Bern, viel Methangas entsteigt.

Von Marc Schiess 50 Tonnen Methangas werden pro Jahr im Wohlensee bei Bern produziert. Auf dieses Resultat zumindest kommt eine Doktorandin des ETH-Wasserforschungsinstituts EAWAG in ihrer Doktorarbeit. Das entspricht bezüglich der Wirkung auf das Klima dem CO2-Ausstoss von 25?Millionen gefahrenen Autokilometern. Oder dem, was 2000 Kühe jährlich an Methan von sich geben. Produziert wird das klimawirksame Gas von Bakterien, welche von der Aare mitgeführtes organisches Material vergären. «Ganz so klimaneutral wie bisher angenommen ist die Wasserkraft also nicht», sagt die aus den USA stammende Doktorandin Tonya Del Sontro. Die Umweltchemikerin hat für ihre Doktorarbeit drei Jahre lang das Wasser des Aare-Stausees untersucht. Mittels umgedrehter Trichter fing sie mit Forscherkollegen das aufsteigende Gas ein. «Im Sommer sieht das Wasser des Wohlensees manchmal aus wie Champagner», beschreibt Del Sontro die Blasen. Pro Quadratmeter steigen durchschnittlich mehr als 150 Milligramm Methan täglich an die Oberfläche. Bei einer Wassertemperatur von 17 Grad verdoppelt sich die Rate – die Werte des Wohlensees sind dann gemäss Del Sontro vergleichbar mit den Werten von Stauseen in tropischen Gebieten. Algen aus dem Thunersee Um die Methangasbildung zu senken, werde dort bei neuen Stauseen vor Inbetriebnahme die Vegetation im Staubecken entfernt, sagt Professor Bernhard Wehrli. Diese Massnahme würde beim Wohlensee aber keinen Erfolg bringen, ist er überzeugt. Der Betreuer von Del Sontros Doktorarbeit erklärt dies mit der Rolle des Thunersees: Von dort stammten die Algen, die sich absetzten, sobald das Wasser nicht mehr fliesst – was erstmals im Wohlensee der Fall ist. Da die Algen leicht abbaubar seien, komme es zu einer Gärung mit den erwähnten Folgen, erläutert der Umweltwissenschaftler. Elisabeth Wieland, Präsidentin des Schutzverbands Wohlensee, sieht den Grund für die hohe Methankonzentration in den jahrelangen «negativen Einträgen» in den Wohlensee: Sie erwähnt namentlich die Autobahnentwässerungen der A 1 und der A 12. Weiter würden bis heute noch immer «grosse Mengen von Siedlungsentwässerungen der Stadt Bern bei starken Regenfällen in den Wohlensee eingeleitet sowie Schadstoffe aus den beiden Deponien Illiswil und Teuftal». Dieser Vermutung widerspricht Professor Wehrli entschieden: Ein Zusammenhang von Autobahn und Methanproduktion sei nicht gegeben, die Kohlenwasserstoffe und der Gummiabrieb von der Autobahn hätten nichts mit der Methanproduktion zu tun. Denn diese Stoffe seien gar nicht oder nur sehr langsam abbaubar. «Sie eignen sich deshalb nicht für die Biogasproduktion.» Schwermetalle seien zwar giftig für Fische und Algen, «bei den Methanbakterien sind jedoch wesentlich höhere Konzentrationen nötig, bis ein Effekt eintritt», sagt der ETH-Professor. «Wenn dies der Fall wäre, würde sogar weniger Methan produziert.» Speicherseen nicht betroffen Als Nächstes will die ETH nun mit der Untersuchung an einem anderen Flusskraftwerk im Mittelland – Bernhard Wehrli denkt an dasjenige in Rheinau – klären, ob der Wohlensee einen Sonderfall darstellt oder ob eine Korrektur der gesamtschweizerischen Methanbilanzen angebracht ist. Das würde das klimafreundliche Image der Wasserkraft endgültig korrigieren – wenn auch nur teilweise. Denn an der Produktion von Strom aus Wasser haben immer noch die grossen Speicherseen in den Alpen den grössten Anteil. Von der Methandebatte sind sie indes nicht betroffen: Wegen der tiefen Wassertemperaturen und des geringen Vorkommens von Nährstoffen haben sie kaum relevante Methanemissionen. Wasserforscher messen Emissionen des Wohlensees. Foto: PD

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