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Der Aufstieg des Mitarbeiters von Nicolas Sarkozy

Der französische Präsident hat seinen Premierminister François Fillon ins Amt zurückgeführt – widerwillig und notgedrungen.Von Oliver Meiler, Marseille

Für einmal täuscht der erste Eindruck. In Frankreich bleibt nicht alles beim Alten, eher mutiert gerade eine Maus zum Elefanten: Die sonntägliche Rückführung im Amt von François Fillon, des früher oft belächelten Premierministers, ist ein erstaunlicher Triumph für diesen – und ein eklatantes Fanal für die gegenwärtige Schwäche von Nicolas Sarkozy, des unpopulärsten Präsidenten der V. Republik, seit fünfzig Jahren also. Sarkozy wäre Fillon nämlich gerne losgeworden, um seiner Präsidentschaft 18 Monate vor den Wahlen eine neue Dynamik und einen neuen politischen Dreh zu geben. Das hatten vor ihm schon viele Präsidenten getan. Doch er schaffte es nicht. Sarkozy ist nicht mehr ganz Herr im rechten Lager, er muss die Emanzipation seines Adlaten hinnehmen, muss seine eigene Rolle als «Hyperpräsident», der alles zur Chefsache erklärt, unter dem Druck seines Premiers stutzen. Unfreiwillig, auch wenn nun die «Kontinuität» als Tugend beschworen wird. Geplant war ein Bruch, wieder einmal. Sarkozy konnte schlecht ertragen, dass Fillon, den er zu Beginn seiner Amtszeit geringschätzig als «meinen Mitarbeiter» beschrieb, zuletzt immer beliebter wurde im rechten Wahlvolk, sich überdies immer öfter von ihm distanzierte und ihn nur lustlos verteidigte, als im Sommer Skandale und Affären dasÉlysée erschütterten. Fillon gilt mittlerweile als der aussichtsreichere Präsidentschaftskandidat für 2012. Darum hätte Sarkozy seinen Regierungschef nun lieber entmachtet und einen anderen Weggefährten ins Hôtel Matignon geschickt. Am liebsten Jean-Louis Borloo, den zentristischen Umweltminister – eine sympathische und etwas exzentrische Figur in der Regierung. Zirkus der Eitelkeiten Borloo hätte das Kabinett in die Mitte rücken sollen und damit die gemässigten Wähler nach dem sommerlichen Muskelspiel in der Ausländerpolitik und der herbstlichen Konfrontation zur Rentenreform wieder besänftigen sollen. Ohne die Unterstützung der Zentristen kann Sarkozy die Wahlen nicht gewinnen. Und Borloo gab sich Mühe, staatsmännischer zu wirken, coiffierte dafür die Lockenmähne, sein Markenzeichen, so streng wie nie und redete gestelzter als gewohnt. Fillon und Borloo lieferten sich so während sechs Monaten einen wahren Schönheitswettbewerb. Mit hässlichen Kampagnen beidseits. Sarkozy liess sie gegeneinander antreten. Am Ende gab Fillons Hausmacht im Parlament den Ausschlag: Der Premier ist beliebt unter den rechten Abgeordneten und Senatoren. Und bei jeder Umfrage, die die beiden internen Rivalen gegenüberstellte, stach Fillon jeweils Borloo deutlich aus – zum Verdruss Sarkozys. Der Präsident hatte keine Wahl, er musste seinen Premierminister bestätigen. Die beiden können sich auch persönlich nur mässig leiden. Dafür sind sie zu unterschiedlich in Wesen und Stil: hier der flamboyante, charismatische und zuweilen cholerische Rechtsliberale Sarkozy, auch «Speedy Sarko» genannt – dort der ruhige, auf Harmonie bedachte, phlegmatisch anmutende und rigoristische Sozialliberale Fillon mit Hang zum Langweiler. Sarkozy hat viel politisches Talent, sich selber aber nicht immer im Griff. Fillon ist ein Diplomat, strahlt höchstens in der zweiten Reihe. Im besten Fall hiess es jeweils, sie ergänzten sich gut. Die Hierarchie aber war klar geregelt: An der Spitze gab es nur Sarkozy. Der Präsident präsidierte nicht nur, er gab de facto auch den Regierungschef und führte nebenbei noch die Geschicke der Regierungspartei. Er vermischte so die Funktionen, wie das kein Präsident vor ihm je tat. Nun muss er plötzlich teilen und seine Rolle institutionalisieren, gewissermassen normalisieren. Sarkozy hat gemerkt, dass er, wenn er weiterhin alles selber verantwortet, auch allen Unmut des Volkes alleine trägt. Ein erstes Zeichen für diese Abkehr von der «Hyperpräsidentschaft» erkannten die Franzosen am Sonntag, als die Liste der möglichen Minister entstand – im Hôtel Matignon, wie das die Verfassung vorsieht, unter François Fillons Regie. Zumindest sah es von aussen so aus. Die Kameras der Fernsehsender waren dort postiert, als begingen sie damit Fillons Emanzipation, dessen Aufstieg vom Vasallen zum Premierminister. Die Frage ist nur, wie lange sich Nicolas Sarkozy an die selbst auferlegte Mässigung halten kann. Sie steht ziemlich quer zu seinem Naturell. Präsident Sarkozy und Premierminister Fillon vor demÉlysée.Foto: Michel Euler (AP, Keystone)

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