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Der feine alte Goldring

Wir sitzen einander gegenüber. Er ist über 80, stämmig. Seine ruhigen Augen blicken freundlich, interessiert. Zwei Stöcke stehen neben ihm – er hat eine schwierige Operation hinter sich. Von seiner Rehabilitation erzählt er und – zum ersten Mal – auch von seiner Frau. Ich höre genau hin, denn ich habe ihn noch nie zu zweit erlebt und es nicht gewagt, ihm dazu eine Frage zu stellen. «10 Jahre haben wir getrennt gelebt», erzählt er. «Sie ist in dieser Zeit kaum ein halbes Jahr am gleichen Ort geblieben. Danach habe ich in die Scheidung eingewilligt. Auf den Rat meines Beraters hin. Mit dem ausbezahlten Geld konnte sie sich dann eine eigene Wohnung kaufen. Doch nach einigen Monaten kam ihr Zusammenbruch: psychiatrische Klinik, verschiedene Wechsel – über Jahre! Und jetzt lebt sie in einem Altersheim. Ich besuche sie regelmässig. Wir feiern zusammen ihren Geburtstag, Weihnachten » Ich blicke ihn fragend an. – «Ja», meint er leise und zeigt mir seine Hand mit dem feinen, alten Goldring: «Bis dass der Tod euch scheidet.» Thed Witzig, Uerikon >

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