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Der fortschrittliche Bauer

TraditionSie sei nur noch Folklore, behauptet Benedikt Loderer. Das stimmt nicht. Eine Replik. Von David Meili* 1987 feierte der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) im Kursaal Bern sein 150-jähriges Bestehen. Benedikt Loderer überraschte die Festgemeinde mit einem Kopfstand auf der Bühne und einem anschliessenden Purzelbaum. Was in Erinnerung blieb, war eine clowneske Kurzfassung der Geschichte des traditionsreichen Clubs. Nun hat Loderer zu einem weiteren artistischen Kraftakt angesetzt (TA vom Mittwoch). Kurz zusammengefasst, votierte er für Folklore anstelle von Tradition. Da die Wortwahl letztlich eine Frage der Definition ist, greift er auf ein Wörterbuch zurück.Dann entstehen eigene Definitionen. Tradition ist «vorindustriell», eine «Methode» und «Überwindung des Mangels». Spätestens ab These sieben ist das rhetorische Boot überladen und kippt. Und vor dem Absinken vermittelt uns Loderer, dass der Bauer «zyklisch» denkt. Als Steuerzahler und Autofahrer denkt man zyklisch, wenn man die Vignette Ende Januar löst.Es ist Zufall, dass ich am Tag des Erscheinens des Beitrags bei Familie Wyss im Diemtigtal eingeladen war. Stefan Wyss züchtet aus Leidenschaft Simmentaler Kühe, mit Hörnern. Sein Fachwissen, über Generationen erworben, ist gefragt, wie die hochwertige Biomilch. Tradition ist in der Familie Wyss gleich Wissen. Wer es weitergibt, darüber nachdenkt, bereichert es. Wyss trägt Helly Hansen und fährt einen Jeep.Interessanter sind die Geschichten hinter den Geschichten, was Ballenberg betrifft. Darum möchte ich Benedikt Loderer eine Lektion erteilen.Ansätze zum Schweizerischen Freilichtmuseum wurden in der Zwischenkriegszeit erstmals publiziert. Museen mit Bauernhäusern als physische Objekte gab es in Skandinavien, Nordamerika und Osteuropa. Es ist das Verdienst von Max Gschwend, der über Jahrzehnte konsequent das Inventar des Forschungsprojekts und der Publikation «Schweizer Bauernhäuser» leitete und das Schweizerische Freilichtmuseum auf eine solide wissenschaftliche Basis stellte.Freilichtmuseen sind international ein Showcase zur Vermittlung der «Vernacular Architecture». Sie dienen der Kulturkritik, für die Lehrenden, die Lernenden und Familien mit Kindern. Chefarchitekt des Freilichtmuseums Ballenberg war Ernst E. Anderegg, einer der letzten Schüler von James Lloyd Wright. Als Planer wirkt bis heute Damian Widmer, dessen Leistungen als Architekt der Moderne im Alpenraum unbestritten sind. In den Achtzigerjahren entwickelte Kurt Wirth, Lehrmeister von Roger Pfund, für den Ballenberg einen neuen visuellen Auftritt. Politische Persönlichkeiten der Linken wie Christian Grobet und Leni Robert kamen mit ins Boot. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, Traditionen intellektuell vermittelbar zu machen. Man verbitte sich, sie als Traditionalisten zu bezeichnen.Den kulturellen Durchbruch schaffte das Schweizerische Freilichtmuseum Mitte der Achtzigerjahre. Der Kontakt entstand zufällig an der Möbelmesse in Mailand durch USM-Haller. Einige Wochen später stand ein Team von «Casa», dem damals führenden italienischen Architekturmagazin, beim Kassenhäuschen auf dem Ballenberg. So elegante Frauen hatte man in Brienz noch nie gesehen, und sie waren vom Museum begeistert.Mit diesem Heft konnte man Bundesrat Flavio Cotti beeindrucken. Man musste nicht mehr als Bittsteller im Bundesamt für Kultur vorbeigehen. Ballenberg war salonfähig geworden und kein Refugium mehr für Jodler und Bärenschnitzer.Benedikt Loderer kennt diese Geschichten nicht und paraphrasiert eine Gedankenfolge, die auch nicht schlüssiger wird, wenn man sie mehrfach durchliest. Es gibt tatsächlich Filialleiter von Raiffeisen, die im Männerchor aktiv sind und an Jodlermessen teilnehmen. Der Banker im Chüermutz aber ist seine Fantasie. Es gibt Manager, die Viehzüchter im Simmental unterstützen und auf Alpen aushelfen, weil sie den Wert der Tradition als persönliche Bereicherung erleben.Einen weiteren Salto wird Loderer auf der Bühne kaum mehr wagen. Wir sind ja alle älter geworden. * David Meili ist freiberuflicher Publizist in Kloten. Er leitete 1981 bis 1988 als wissenschaftlicher Direktor den Aufbau des Schweizerischen Freilichtmuseums Ballenberg.

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