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Der Kämpfer wechselt nur das Tenü

RS, Vorbereitungscamp, EM-Heimauftritt: Der Zürcher Karateka Shemsi Aslani ist dieser Tage gefordert.

Von Deborah Bucher, Altstetten Bei Trickfilmen hat er auch hingeguckt – wie jedes Kind eben. Wirklich gebannt vor dem Fernseher sass Shemsi Aslani aber nur, wenn Streifen von Bruce Lee über den Bildschirm flimmerten. Dessen Meisterwerke «Todesgrüsse aus Shanghai» und «Der Mann mit der Todeskralle» brannten sich ihm fast lückenlos ins Gedächtnis. Der Schauspieler, der in erster Linie von vielen als grösster Kampfkünstler des 20. Jahrhunderts angesehen und zur Ikone der Martial-Arts-Filme hochstilisiert wird, ziert auch das T-Shirt des jungen Nachahmers beim Interview. Mitten auf der Brust ist die Kung-Fu-Legende abgebildet. Als Indiz, dass er Aslani nicht nur ideell nah ist. Er war für den 20-jährigen Zürcher Inspirationsquelle. «Ihm verdanke ich es, so früh zum Karate gefunden zu haben», sagt Aslani fast ehrfürchtig. «Ich empfand dabei eine magische Faszination, mit der keine andere Freizeitbeschäftigung mithalten konnte.» Bevor Bruce Lee die Kampfkunst zum Lebensinhalt des Reprografen aus Altstetten machte, hatte er auch Einfluss bei der Charakterbildung, die mit der japanischen Sportart einhergeht. Als Grundvoraussetzung brachte der Karateschüler Talent mit, das ihm bis heute keiner abspricht, ebenso Fleiss und Disziplin. Zu Beginn schwitzte er täglich im Dojo. Später nahm er sich das Recht heraus, am Dienstag einen trainingsfreien Tag einzulegen – ausgenommen sind Übungen für die Körperspannung und Liegestütze im Kinderzimmer. Als Förderer seiner Karriere lässt Aslani auch die Eltern nicht unerwähnt. Sie sind als Bürger des ehemaligen Jugoslawien hierzulande in zweiter Generation heimisch und «vermittelten mir das Denken und Handeln eines Schweizers». Ein Foto an der Wand der Wohnung inmitten einer Hochhaussiedlung dokumentiert die Anfänge ihres Sohnes: Als Vierjähriger wirft er sich in Pose, genannt Kampfstellung, und spreizt die Beine zum Spagat. Die schnelle Verwandlung Längst haben zu Hause weitere Andenken und Trophäen ihren festen Platz. 2008 feierte der Schwarzgurtträger mit dem Schweizer Team den EM-Titel im Shotokan-Stil, zwei Jahre später glückte mit Silber die Bestätigung. Sein Elitedebüt bei Schweizer Meisterschaften in der Kategorie Kumite 60 kg rundete er mit dem 1. Rang ab. Bei der ersten WM-Teilnahme im Vorjahr in Belgrad bewährte sich der Athlet des Nationalkaders als Neunter. «Ich sehe mich nicht als unverwundbar, aber ich kann keine eigentliche Schwäche nennen», sagt der typische Allrounder. Dem Fachmann fällt auf, dass er intensiver mit den Händen arbeiten und sich den Gegner mit dieser Taktik vom Leib halten muss, ehe er zu Fusstritten ausholt. So furchterregend Aslani auf der Matte in die Offensive geht, so friedlich und redselig bewegt er sich daneben. Nie würde er mit seinen Kampffertigkeiten prahlen oder sie sich im privaten Leben zunutze machen. Da er kaum in den Ausgang, höchstens sporadisch ins Kino geht, blieb er bislang von brenzligen Situationen verschont. Die Heim-EM in Kloten, wo er morgen Samstag im Einsatz stehen wird, markiert seinen Höhepunkt – vorab in emotionaler Hinsicht. Denn eine unkonventionelle Vorbereitung könnte die Aussichten auf ein Spitzenergebnis trüben, soll ihn aber für sicher drei Kämpfe im Rennen halten. Als Rekrut ist Aslani seit sieben Wochen in Thusis bei den Minenwerfern stationiert. Diese Woche erhielt er für das abschliessende Trainingslager in Magglingen Dispens. «Ich wollte die RS nicht hinausschieben, zudem ist sie im Sommer erträglicher», findet der Zürcher. Da er auch im Militär als Kämpfer ausgebildet wird, lässt sich der Rollentausch zum Karateka für einmal leichter vollziehen. «Ich bin gewissermassen in Übung, aber froh um den Tenüwechsel.» In der Armee muss er täglich eine etwa 20 kg schwere Ausrüstung mit sich herumschleppen. «Im Vergleich dazu fühle ich mich im Kimono frei wie ein Vogel», sagt Aslani. Auch die hohen Erwartungshaltungen als Lokalmatador sieht er nicht als Erschwernis. Dagegen hat er die feste Absicht, sich in naher Zukunft zu einem Schwergewicht in der internationalen Karateszene zu entwickeln. Auch allfällige Perspektiven im Filmbusiness lässt er nicht ausser Acht. Aber wenn, dann müsste es in Anlehnung an Bruce Lee eine Hauptrolle sein – am liebsten in Hollywood. Auf dem Weg dorthin nennt er ein Ziel, das über allem thront: WM-Gold. «Das wäre dann meine Oscar-Trophäe.» Hoch das Bein zum Mawashi-geri. Bei treffsicherer Ausführung erhält Shemsi Aslani dafür im Wettkampf drei Punkte, das höchste Wertungsskore. Foto: Beat Marti

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