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Der tunesische Volksgeneral hält sich im Hintergrund

In Tunesien gilt Armeechef Rachid Ammar als Held und Garant der Revolution. Er hat Ben Ali zur Flucht gezwungen.

Von Oliver Meiler, Marseille Es ist noch nicht lange her, da kannte in Tunesien kaum jemand Rachid Ammar. Eigentlich ist diese Zeit erst drei Wochen her. Doch seither ist in Tunesien ohnehin urplötzlich alles anders. Und den schweigsamen, 64-jährigen General ohne Strahlkraft und vermeintlich ohne Macht, seit sieben Jahren an der Spitze der absichtlich klein gehaltenen Streitkräfte, umgibt heute die Aura eines Volkshelden. Man nennt den General einen «Sohn des Volkes». Viel mehr geht nicht. Die Opposition hält ihn für eine Lichtgestalt, die Blogger feiern ihn wie einen Popstar. Denn vor ein paar Tagen hat Rachid Ammar bei einer Kundgebung zum Megafon gegriffen und erklärt: «Die Armee ist die Garantin der Revolution.» Rachid Ammar war es, da sind sich in Tunis alle einig, der den tunesischen Diktator Zine al-Abidine Ben Ali am nunmehr historischen 14. Januar 2011 aus dem Amt zwang. Nach 23 Jahren an der Macht. Mit einem letzten Stoss: ohne Gewalt, ohne Putsch, aber dezidiert. Über die genauen Vorgänge an jenem Freitagnachmittag wird spekuliert. Die wahrscheinlichste Version geht so: In Tunis gingen erneut Zehntausende auf die Strassen, skandierten «Ben Ali, hau ab!» und hielten Schilder hoch mit der Aufschrift: «Game over». Von Ben Ali heisst es, er habe in jenen Stunden wie verrückt herumtelefoniert, um herauszufinden, ob er sich aus dieser Lage noch einmal befreien könne. Ben Ali hob um 17.30 Uhr ab Da liess Ammar den Präsidentenpalast in Karthago mit Panzern umstellen, entsandte Patrouillen für die Sicherung der Strassen von Karthago bis zum internationalen Flughafen von Tunis. Um 17 Uhr sperrte er den Flugraum. Offenbar hatte ihm der amerikanische Botschafter geraten, Ben Ali ein dreistündiges Zeitfenster für die Flucht zu öffnen. Und der nahm das Angebot sofort an. Seine Boeing 737 stand bereit, vollgetankt. Mit drei Limousinen mit verdunkelten Scheiben verliessen Ben Ali und seine nächsten Verwandten den Palast, eskortiert von der Armee. Bereits um 17.30 Uhr hob das Flugzeug ab. Richtung Norden, Richtung Paris. Kurz darauf sollte es abdrehen und nach Saudiarabien fliegen, nachdem die Franzosen dem gestürzten tunesischen «Freund» ausgerichtet hatten, dass er nicht mehr willkommen sei. Erstaunlich mutete die Hauptrolle Ammars vor allem deshalb an, weil ihn Ben Ali zwei Tage davor entlassen hatte. Der General hatte sich geweigert, seinen Soldaten den Schiessbefehl zu erteilen, wie das von ihm gefordert worden war. Sein couragiertes Nein soll den Despoten fürchterlich geärgert haben. In einigen Städten in der Provinz verfolgten die Tunesier sogar Szenen, bei denen sich Soldaten zwischen die Polizisten und die Protestierenden stellten. Kein einziger Soldat der republikanischen Armee soll während der «Jasminrevolution» einen Schuss aufs Volk abgegeben haben. Getötet haben nur Polizisten, Mitglieder der Präsidentengarde und Milizionäre von Ben Alis paramilitärischen Truppen. Kleines Heer, grosse Polizei Die apolitische, schlecht ausgestattete Volksarmee verbrüderte sich also mit dem jungen Protestvolk und sorgte so für den schnellen Sturz Ben Alis – für den letzten, entscheidenden Schubs. Ben Ali war selber einst ein hoher Militär gewesen, wollte aber, als er 1987 an die Macht gelangte, diese nicht mit seinen Kameraden teilen und hielt die Truppen immer klein. Tunesien zählt heute nur 35 000 Soldaten. Dafür hat Ben Ali das Polizeikorps in den letzten zwei Jahrzehnten auf 120 000 Mann aufgeblasen. Die Polizei bildete zusammen mit 5000 Gardisten das Rückgrat seines Regimes: unbeliebt im Volk, omnipräsent und bedingungslos treu. Ammar hielt sich stets aus der Politik heraus. Wie viele andere tunesische Offiziere auch war er in französischen Militärakademien ausgebildet worden, trat dann in die Artillerie ein, stieg hoch, Grad um Grad, ohne Ben Ali suspekt vorzukommen. Er behielt aber offenbar auch als Armeechef immer gute Kontakte zu den Amerikanern, wie sich nun zeigte. Sein neuer Status scheint ihm nur mässig zu behagen. Interviews gibt er keine. Bei seinem Auftritt mit dem Megafon sagte er auch: «Die Armee hält sich an die Verfassung, schützt sie und verlässt den ihr zugewiesenen Rahmen nicht.» Mit anderen Worten: Rachid Ammar will seine Armee in den Kasernen behalten. Und er selber will die Macht nicht, obschon sich im revolutionären Überschwang manche Tunesier den General als nächsten Präsidenten wünschen. Rachid Ammar Der 64-jährige General hat dafür gesorgt, dass sich die Armee vor die Demonstranten stellte. Die Macht will er anscheinend nicht.

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