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Die Angst der Weber vor dem Aufstand Requiem des Streichquartetts Quatuor Antipodes Vom Juflischnägg und anderen Kindertieren

Kurz & kritisch Theater Berlin, Deutsches Theater – Heute fahren Spitzenpolitiker wie Sigmar Gabriel vor, wenn man in Berlin «Die Weber» von Gerhart Hauptmann gibt. Zumal im edlen Deutschen Theater. Hier und wegen Hauptmanns Stück über den schlesischen Weberaufstand kündigte der Kaiser 1894 seine Loge, auch Offiziere durften sich fortan nicht mehr zeigen. Aber auch im neuen Jahrtausend lässt sich mit Hauptmann eigentlich kein Staat machen. «Die Weber» beschönigen weder die strukturelle Gewalt des frühen Kapitalismus noch die körperliche des Mobs. Es ist ein Text, der sich gerade wegen seiner Ratlosigkeit gut für die Gegenwart eignet. Und Michael Thalheimer ist der richtige Regisseur, um diffuse Gefühle wie Ratlosigkeit und die Angst vor «kommenden Aufständen» auf die Bühne zu bringen. Olaf Altmann baut ein historisches Zeichen auf die Bühne. Es ist eine riesige Treppe, die an den Revolutionsfilm «Panzerkreuzer Potemkin» erinnert. Aber im Deutschen Theater geht der Gang in beide Richtungen: steil nach oben, steil nach unten. Es ist schon fast eine Kletterstange. Am Anfang bleibt das Tableau sozial intakt. Oben sitzt Pfeifer, der Gehilfe des Fabrikanten Dreissiger, unten die ungewaschenen Weber im Feinripp. Man klagt, man kläfft, hier wie da. Und Bert Wrede, Thalheimers Musiker, fräst mit übersteuerten Gitarren verheissungsvolle Schneisen zwischen die Szenen. Bald kommt Bewegung in das Bild der Treppenleiter. Ein Gutteil der 24 Schauspieler kommt nun ins Kraxeln. Ingo Hülsmann ist Fabrikant Dreissiger, der Hungerlöhne bezahlt, aber doch ein gutes Herz haben möchte. Diese Spannung kann sich nur körperlich entladen. Hülsmann trippelt blitzschnell nach unten, dann wieder nach oben, bleibt in der Mitte kurz stehen. Norman Hackers ein bisschen gebildeter Aufwiegler Moritz kann nie lange sitzen, seine Rhetorik will in die Arme, in den Halsmuskel, in die Brust, in die Beine. So weit, so Thalheimer: ein starkes Bild, Körper hier, Text da, Musik dort. Das ist seine berühmte Kunst der Arbeitsteilung, nie muss ein Zeichenträger alles alleine leisten. Ob der Abend in der Folge weiss, was er auch noch erzählt, oder ob ihm dies passiert, bleibt dann aber ungewiss. Denn stark, gut verständlich und schön künstlich sprechgeformt erscheinen nur jene Figuren, die etwas über den Zweifel erzählen. Horst Lebinsky hat einen Auftritt als Appeasement-Pastor, der noch nicht glauben kann, dass seine Schäfchen, die Weber, den Aufstand proben. Touché, wie Lebinsky das in der Schwebe von Lächerlichkeit und Sorge hält. Der alte Weber Hilse wiederum, der am Schluss von einer Kugel getroffen wird, darf bei Jürgen Huth bei aller inszenierten Greisenhaftigkeit in Würde vor den Folgen warnen. Am meisten Kontur kriegen die Älteren und die Alten. Die Weber, und es sind nicht die schlechtesten Schauspieler dabei, kläffen und trinken derweil in der Regel. Der Abend hat Verständnis für die Herrschenden und Angst vor der Unterschicht. Als wäre es Michael Thalheimers Eingeständnis, mittlerweile selbst in der besitzenden Klasse angekommen zu sein. Hier fliesst kein Blut, es rieselt die blaue Pulverfarbe. Tobi Müller Konzert Zürich, Kunstraum Walchturm – Verstösst der Tod gegen das fünfte Gebot? Er mag als Zustand der Endgültigkeit gelten, zugleich ist der Tod aber auch eine handelnde Instanz, diejenige nämlich, die es vermag, Lebewesen in den Zustand der Endgültigkeit zu versetzen. Solch ein doppeltes Gesicht des Todes als todbringender Akt und als «tot seiender» Zustand mag dem Streichquartett Quatuor Antipodes als Auslöser seines neusten, in Zusammenarbeit mit der Tänzerin und Choreografin Parvin Hadinia entwickelten Programms gedient haben. Der Tod kommt zuweilen tanzend daher. Drei im Angesicht des Endes entstandene Streichquartette umfasst dieses Programm: Giacinto Scelsi scheint in seinem Streichquartett Nr. 5 aus der Dualität des Todes musikalische Struktur zu gewinnen, indem er unablässig Impulse setzt, denen ein Klangzustand folgt – mal ein vibrierender, mal ein kaum bewegter und irgendwann ein entschwindender. An einen ganz anderen, aber ebenfalls ganz einzigartigen Punkt gelangt Felix Mendelssohn mit seinem Streichquartett f-Moll, einer verzweifelten Musik des schmerzerfüllten Aufbegehrens ohne Ende und ohne Ausweg. In der Choreografie Hadinias folgte schliesslich Dmitri Schostakowitschs letztes Streichquartett, das aus sechs ineinander übergehenden Adagio-Sätzen in stabil düsterstem es-Moll besteht: Wie sich die säulenhafte Dunkelheit dieses Werks mit der Vitalität des tanzenden Todes vertragen soll, blieb zwar zunächst fraglich, und dass der Boden des Walcheturms unter den Füssen Hadinias ausgiebig mitknarrte, mochte das Hören dieser Musik auch keineswegs erleichtern. Doch zunehmend fesselnd wirkte die Präsenz der inmitten des U-förmig platzierten Publikums spielenden Künstler; und schliesslich blieb die Gewissheit, es sei hier gelungen: Die Musik wurde zu Totentanz und Requiem in einem, sie kündigte an und widmete sich zugleich schon dem Gedenken. Und das gegen Ende an die Wand projizierte Feuer hielt dazu Wache – lange über das Verklingen des letzten Tons hinaus. Tobias Rothfahl CD «Bern ist überall», das führende Schweizer Kollektiv der Spoken-Word-Kunst, beweist mit seiner zweiten CD für Kinder, dass in der Hörliteratur für die Kleinen eine neue Hoheit heranwächst. Auf «Tomate uf de Ohre» (2008) folgt jetzt «Verruckti Tier». Die CD versammelt Hörhäppchen, die sich um Stinkzehen, Kinder in Kartonschachteln und kaninchenköpfige Patentanten drehen. Arno Camenisch, Elsa Fitzgerald, Guy Krneta, Noëlle Revaz, Pedro Lenz, Gerhard Meister, Michael Stauffer und Beat Sterchi lassen dabei die gängigen Formen der Kindergeschichten weitgehend hinter sich. Sie muten den Hörern ab sieben Jahren einiges an Literarischem und Sprachspielereien zu – zum Vergnügen auch der Erwachsenen. Welches Kind hat nicht Spass am Vokalverdrehen, wie es Sterchi als radebrechender Nachrichtensprecher tut? Welches Kind träumt nicht vom surrealen Ende eines Kindergeburtstags, bei dem Kevin einfach so im Sofa verschwindet wie in der Geschichte von Meister? Und vielleicht hat sich auch schon ein kleiner Philosoph Gedanken darüber gemacht, ob die Zootiere faul sind, weil sie hinter Gittern sind – oder ob sie hinter Gittern sind, weil sie faul sind, wie Krneta elegant sinniert. Thematisch befindet sich «Bern ist überall» stets auf Augenhöhe der Kinder: Es geht ums Essen, Spielen und ums Recht, permanent in einem Zelt zu wohnen. Am genausten hingehört hat Pedro Lenz, der eine Wendung aus Kindermund in Poesie verwandelt: «Mit ohni». Lenz ist es auch, der im Text «Verruckti Tier» so possierliche Wesen erschafft wie die Specksau ohne Schwarte oder den «Juflischnägg wo nid cha warte». Regula Fuchs Bern ist überall: Verruckti Tier (Der gesunde Menschenversand/Irascible). Der alte Hilse (Jürgen Huth, r.) warnt die Weber.Foto: Arno Declair (Deutsches Theater)

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