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Die Franzosen haben im Chaos viel Routine

Die Franzosen können mit Streiks wie dem gestrigen umgehen. Sie haben viel Erfahrung darin, sind politisiert und arrangieren sich. Ein Tagesbericht.

Von Oliver Meiler, Marseille Man braucht nur den Fernseher einzuschalten – 6.30 Uhr, France 2. Dann beginnt «Télématin», die beliebte Morgensendung am französischen Staatsfernsehen, für viele Franzosen die erste Begegnung mit dem neuen Tag. Wenn Streik ist, wie gestern, sieht man das auf den ersten Blick. Dann ist das Studio karg, das Licht zweifelhaft, die Grafik bestenfalls elementar – ein bisschen so wie Fernsehen früher. Die Grafiker streiken, die Lichttechniker und auch einige Redaktoren. Nur die Moderatoren sind alle da. Doch auch sie scheinen schlechter gekleidet und geschminkt als sonst. Gut möglich, dass sie das noch einige Tage lang sein werden: weniger grell, weniger gut ausgeleuchtet – weniger glamourös. Im Ausland schüttelt man gerne den Kopf, wenn die Franzosen mal wieder streiken und die Gewerkschaften, wie in diesen Tagen, Raffinerien und Häfen, Flughäfen und Bahnhöfe blockieren. Alles lahmlegen, wie es dann jeweils etwas übertrieben heisst. Sie streiken ja tatsächlich oft, die Franzosen, so oft wie kein anderes Volk Europas. Es eilt ihnen der Ruf voraus, sie seien chronisch unreformierbar. Mag sein. Jedenfalls haben sie sich über die Jahre eine Routine zugelegt, ein Inventar von Reflexen, dank denen sie auch Chaos-Tage meistern. Man arrangiert sich. Organisiert Fahrgemeinschaften in der Nachbarschaft für den lieben Nachwuchs, der zur Schule soll. Schläft mal bei Verwandten oder im Hotel, wenn der Arbeitsplatz schwieriger erreichbar ist. Fährt auch mal Velo statt Auto. Stellt sich am frühen Morgen schon in die langen Schlangen vor den Tankstellen. Bald werden sie wohl kein Benzin mehr haben. Und alles tut man automatisch, fast ohne Hysterie. Ein eingespieltes Ritual Der politische Kampf hat hier etwas Nobles, etwas Unausweichliches: Kleine Opfer sind der Preis des grossen Widerstands. Zwar beklagen sich da und dort festsitzende Bahnreisende. Doch auch ihr Lamento gehört zum Ritual. Die Franzosen sind politisierte Menschen. Eine satte Mehrheit im Volk findet, dass die Mächtigen zu weit gingen mit dieser Rentenreform. Und da die oben nur zuhören, wenn man sie dazu zwingt, ja, dann muss man sie eben dazu zwingen. Auf den privaten Nachrichtensendern laufen morgens schon Sondersendungen mit Liveschaltungen in die Nervenzentren des Streiks: zur Gare de Lyon zum Beispiel, dem grossen Pariser Bahnhof, zu den wichtigsten Metrostationen in der Hauptstadt, in die Abflughalle im Flughafen Charles-de-Gaulle, zum Hafen von Marseille, in ein Gymnasium in Lyon, wo die Schüler gerade mit Abfallcontainern den Eingang verbarrikadieren. So wissen die Pariser zu jedem Zeitpunkt, wie opportun es ist, diese oder jene Metrolinie zu nehmen. Die 10 und die 12 wurden am stärksten bestreikt. Die Eisenbahnen SNCF schicken ihren registrierten Kunden E-Mails oder SMS, wenn gebuchte Züge ausfallen. Und für alle anderen gibt es eine Notfallnummer. Und so geht kaum jemand vergebens zum Bahnhof. Die Macht der Jungen Mindestens 300 Gymnasien im ganzen Land, so wird am Mittag bekannt, werden bestreikt – die grosse Sorge von Nicolas Sarkozy, dem Präsidenten. Wenn sich die Jungen erst einmal dem Protest anschliessen, mobilisiert über Facebook, kann die Lage leicht ausser Kontrolle geraten. Am Fernsehen sind jetzt junge Menschen mit bemerkenswerten Frisuren zu sehen, die sich in Rage reden über ein Thema, das sie erst in einem halben Jahrhundert betreffen wird: die Rente. Solche Streiktage sind eben auch Tage der politischen Sozialisierung. An jedem Streiktag reproduziert Frankreich so seine nächste Streikgeneration. Im Parlament gibt Premierminister François Fillon derweil zu bedenken, dass es «sehr unverantwortlich» sei, Jugendliche zu mobilisieren. Am Abend folgt dann wie immer der Streit über die Teilnehmerzahlen bei den Märschen. Die Gewerkschafter blasen sie auf, der Innenminister redet sie klein. Das Spiel ist immer ein bisschen dümmlich, gehört aber ebenfalls zum Ritual. Beide Seiten geloben Entschlossenheit und Härte. Pokern und pressen. Bis eine Seite nachgibt. Und «Télématin» wieder grell und modern daherkommt. Frankreichs nächste Streikgeneration: Gymnasiasten demonstrierten gestern in Paris gegen die Rentenreform. Foto: Reuters

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