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Die Revolte in Tunesien eskaliert und erfasst die Hauptstadt

Das Regime hat eine nächtliche Ausgangssperre über Tunis verhängt. Die Armee ist in Stellung.

Von Oliver Meiler, Marseille Und plötzlich überstürzen sich die Ereignisse in Tunesien. Am 26. Tag der Protestbewegung gegen das autoritäre Regime von Zine al-Abidine Ben Ali kam es am Dienstagabend und am Mittwoch erstmals auch in der Hauptstadt Tunis zu Zusammenstössen zwischen jungen Demonstranten und der Polizei. Mehrere Augenzeugen sprachen von Toten, genaue Opferzahlen lagen bis gestern Abend jedoch nicht vor. Zuweilen soll blankes Chaos geherrscht haben rund um die Medina, die Altstadt von Tunis und um die Porte de France. Ben Ali schickte darauf die Armee los, liess die grosse Avenue Bourguiba im Zentrum absperren, um Hunderte aufgebrachte Jugendliche in den Griff zu bekommen. Soldaten wurden auch vor der französischen Botschaft und vor der tunesischen Fernsehanstalt postiert. Über Tunis wurde eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Bisher hatten sich die Wirren dieses einzigartigen Aufstands in der jüngeren Geschichte des kleinen nordafrikanischen Landes auf Städte in ärmeren, küstenfernen Zentrumsregionen konzentriert: Kasserine, El Kef, Gafsa – und Sidi Bouzid. In Sidi Bouzid hatte sich am 17. Dezember ein 26-jähriger Arbeitsloser, der sich mit dem Verkauf von Gemüse und Früchten über die Runden brachte, auf offener Strasse angezündet, weil ihm zum wiederholten Male seine Ware beschlagnahmt worden war. Mohamed Bouazizi ist vor einigen Tagen an seinen Verletzungen gestorben. Diese tragische Geschichte war die Initialzündung für die Revolte, die immer mehr politische und immer weniger soziale und wirtschaftliche Motive hat. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Welle auch Tunis erfassen würde. Innenminister entlassen Der bedrängte Staatschef entliess seinen Innenminister, der mit der Verwaltung der Krise betraut gewesen war. Ein oppositioneller Politiker glaubte zu wissen, dass Rafik Haj Kacem deshalb gefeuert wurde, weil er sich gegen die brutale Repression der letzten Wochen gewehrt habe. Erst vor einigen Tagen hatte Ben Ali wahrscheinlich aus demselben Grund schon seinen bisherigen Armeechef entlassen, nachdem sich der offenbar geweigert hatte, seinen Soldaten den Schiessbefehl zu erteilen. Zivilisten, die den Strassenschlachten in der Provinz beigewohnt haben, erzählen, die Polizisten würden auf Brusthöhe schiessen. Ziel sei es nicht, die Demonstranten zu warnen oder mit Beinschüssen zu neutralisieren, sondern sie zu töten. Ben Ali deutet die Ereignisse freilich anders. Er bezeichnet die Protestierenden als «Vandalen» und «Terroristen», die angeblich im Sold ausländischer Mächte stünden und Tunesien destabilisieren wollten. Gleichzeitig macht er aber auch Konzessionen, für die man ihn nicht fähig gehalten hätte. Am Mittwoch trug er der Regierung auf, alle Oppositionellen, die während der Revolte festgenommen worden waren, freizulassen. Es soll sich um mehrere Hundert gehandelt haben. Ausserdem stellte er die Einsetzung einer Kommission in Aussicht, die sich mit dem Problem der Korruption auseinandersetzen soll. Es ist dies einer der Vorwürfe der Tunesier an ihre Staatsspitze. In den Parolen des Protests scheint auch immer wieder Ben Alis mächtige Ehefrau Leila Trabelsi auf, von der es heisst, sie organisiere die Geschäfte des Familienclans. Sie ist äusserst unbeliebt im Volk. Nach wie vor hält sich Frankreich, der wichtigste Partner Tunesiens und ehemalige Kolonialmacht, mit deutlichen Worten zurück. Man vermeide jede Art der Einmischung, sagte Aussenministerin Michèle Alliot-Marie im Parlament. Dem Land sei Dialog und Friede zu wünschen. Etwas klarer nahm die Europäische Union Stellung. Sie verurteilte Tunis für den «unverhältnismässig starken Gebrauch von Gewalt». Die UNO forderte eine internationale Untersuchung der Ereignisse. Anschlag auf Botschaft in Bern Am Mittwochmorgen ist ausserdem ein Brandanschlag auf die tunesische Botschaft in Bern verübt worden. Ein Feuer brach aber nicht aus, der Sachschaden war gering. Die Feuerwehr rückte aus, musste aber nicht eingreifen. Die Täter konnten unerkannt entkommen. Die Kantonspolizei Bern ermittelt. Die Nationalgarde fuhr gestern mit schwerem Gerät in einem Vorort der tunesischen Hauptstadt Tunis auf.Foto: EPA, Keystone

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