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Die Schlacht um die Erinnerung Die Schlacht um die Erinnerung

In Frankreich wühlt ein Kinofilm zum Algerienkrieg in alten, nie verheilten Wunden. Gestritten wird über die Deutungshoheit des Massakers von Sétif.In Frankreich wühlt ein Kinofilm zum Algerienkrieg in alten, nie verheilten Wunden. Gestritten wird über die Deutungshoheit des Massakers von Sétif.

Von Oliver Meiler, Marseille Es ist nur ein Film, eine Fiktion zudem. Doch als sie «Hors-la-loi» von Rachid Bouchareb vor einigen Tagen in Marseille in einer Vorpremiere zeigten, da standen einige Hundertschaften empörter Menschen vor dem Saal und skandierten dunkle Parolen: «Revisionisten!», hiess es da, «Anti-Franzosen» auch. Es waren Rechtsextreme dabei, Nostalgiker ferner Zeiten und Zerrissene zwischen den Welten. Nun läuft der Film in ganz Frankreich. Die Filmkritiker mögen ihn nicht. Doch Kunst spielt nur eine Nebenrolle. Es geht um grosse Geschichtsschreibung, um die Deutungshoheit über die Vergangenheit zweier Nationen, deren Schicksal lange so eng und so blutig verschränkt war, dass bis heute nichts ohne Leidenschaft geht: Frankreich und Algerien. «Le Monde» schreibt: «Es ist ein permanentes Psychodrama.» Nun läuft gerade ein weiterer Akt in der Schlacht um die Erinnerung. «Hors-la-loi» erzählt die Geschichte von drei algerischen Brüdern, die 1945 das Massaker von Sétif überleben, nach Paris kommen und dort in einer Bidonville leben. Zwei von ihnen engagieren sich im Kampf der Nationalen Befreiungsfront, des FLN, töten französische Polizisten und unangepasste Landsleute, tragen den Terror so in die Metropole der Kolonialmacht. Nur der jüngste Bruder tanzt aus der Reihe. Er baut in Pigalle ein Cabaret und einen Boxclub auf, raucht dicke Zigarren und verdammt die Revolution, die seine Brüder zu Mördern macht. Gedreht ist der Film im Stil eines Western von Sergio Leone. Er endet mit echten Bildern aus dem befreiten und feiernden Algier, 1962, ausgezehrt von acht Jahren eines brutalen Krieges. Das Fanal von Sétif Der franko-algerische Regisseur Rachid Bouchareb konnte noch so oft wiederholen, dass «Hors-la-loi» trotz einiger Archivsequenzen kein Dokumentarfilm sei: Seine echauffierten Gegner werfen ihm vor, er habe die Ereignisse bewusst verdreht, alles algerisch gedeutet, dafür auch noch französische Fördergelder gebraucht. Im Mittelpunkt der Polemik steht die Darstellung des 8. Mai 1945, des Tages der deutschen Kapitulation. In der ostalgerischen Stadt Sétif fanden damals zwei Kundgebungen statt. An der kleineren feierten die Franzosen das Ende des Zweiten Weltkriegs. An der grösseren marschierten algerische Nationalisten. Sie forderten die Unabhängigkeit. Und sie schwenkten algerische Fahnen, was verboten war. Französische Polizisten eröffneten das Feuer, ein Massaker unvorstellbaren Ausmasses begann. So zeigt der Film die Ereignisse: als wäre alles an einem Tag passiert. Nur beiläufig scheint auf, dass Aufständische ihrerseits Franzosen umbrachten. In Wahrheit dauerte die Strafaktion mehrere Wochen. Ansässige Europäer hatten Todesmilizen geformt. Die Kolonialarmee und die Fremdenlegion halfen beim Töten. So kamen in Sétif in kurzer Zeit Tausende Algerier um. Die Schätzungen reichen von 8000 bis 45 000. Auch 103 Europäer starben in jenen Wirren. Für viele Historiker war das Massaker von Sétif das entscheidende Fanal – der Ausgangspunkt für den Befreiungskrieg, der 1954 beginnen sollte. Nach Sétif war nichts mehr, wie es einmal war. In jenem Massaker liegt der Keim des nationalen Aufstandes, der Hass des FLN. Entsprechend wichtig ist dessen Deutung. Aufgebrochener Abszess In der französischen Öffentlichkeit wurde «Sétif» lange Zeit tabuisiert – bis heute. Unter Historikern dagegen gelten die Vorfälle als weitgehend aufgeklärt: «Über die Fakten sind wir uns alle einig», sagt Benjamin Stora, der Renommierteste unter ihnen. Stora glaubt, dass die Aufregung jetzt nur deshalb so gross ist, weil ein Kinofilm nun einmal mehr Leute erreiche als die Forschung. Für Bouchareb war es wichtig, «den Abszess aufzubrechen». «Nun können wir debattieren», sagt der Regisseur. Am lautesten beklagen sich jene Franzosen über den Film, die in Algerien gelebt hatten und nach der Unabhängigkeit in die Heimat zurückkehrten. Die Pieds-noirs haben traditionell ein eher geschöntes Bild des Kolonialismus. Sie lassen es sich nicht gerne korrigieren. Empört sind auch die Harkis, jene Algerier also, die in der französischen Armee gegen den FLN gekämpft hatten: Für die Algerier sind sie Verräter, und die Franzosen haben sie nach dem verlorenen Krieg fallen gelassen. Gereizt reagieren in solchen Fällen immer auch die pensionierten Offiziere des Algerienkriegs.Politisch instrumentalisiert werden ihre verletzten Gefühle meist vom rechtsextremen Front national. Der verpasst keine Gelegenheit, um in alten Wunden zu wühlen, zu polemisieren und den Nationalismus zu kitzeln. So hatten es die meisten Filme über den Algerienkrieg schwer in Frankreich. Die ersten besonders. Gillo Pontecorvos imposantes, realitätsnahes Opus «Schlacht um Algier» etwa, das auch die französische Folter im Krieg thematisierte, blieb in Frankreich lange verbannt. 1966 gedreht, wurde der Film erst Jahrzehnte später in Pariser Sälen gezeigt. Er bewegt die Gemüter bis heute – diesseits und jenseits des Mittelmeers, in diesem Psychodrama zwischen Franzosen und Algeriern. Kapitulation algerischer Aufständischer nach dem Massaker von Sétif. Foto: Keystone

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